RB Leipzig im Pokalfinale Auf der Welle

RB Leipzig ist bisher die deutsche Mannschaft des Jahres 2022, jetzt steht man auch noch im Pokalfinale. Aber das Spiel gegen Union Berlin hat gezeigt, wie man das Team in Schwierigkeiten bringen kann.
Aus Leipzig berichtet Peter Ahrens
Emil Forsberg schreit sein ganzes Glück heraus

Emil Forsberg schreit sein ganzes Glück heraus

Foto: Jan Woitas / dpa

Vor dem Anpfiff dieser Pokalpartie hatte Leipzigs gewohnt dauerbegeisterter Stadionsprecher Tim Thoelke den RB-Fan Lars Krökel am Mikrofon, der aus Hunderten Zauberwürfeln ein Porträt des Leipziger Stürmers Yussuf Poulsen gefertigt hatte. Krökel ist im normalen Leben Mathematiklehrer und ist auch bei seinen Hobbys ganz offensichtlich ein penibler Tüftler.

Eine Art Mathematiklehrer ist auch Domenico Tedesco, zumindest wird ihm das Wissenschaftliche, das Akribische, das Vermessen des Fußballs auch in der Art nachgesagt, in der er RB Leipzig trainiert. An diesem Pokalabend gegen den 1. FC Union Berlin im Halbfinale des DFB-Pokals, den RB am Ende glücklich und in letzter Minute 2:1 für sich entschied, hätte er sich allerdings fast verrechnet.

Eine Stunde lang stieß der Fußball, den Tedesco den Leipzigern in den vergangenen Monaten mit so viel Erfolg verordnet hatte, an seine Grenzen. Die Gäste aus Berlin machten genau das, was man gegen diese Mannschaft aus Leipzig tun muss: Immer wieder früh angreifen, die Dominanz auf den Flügeln übernehmen, den schnellen Leipziger Stürmern sofort auf die Füße steigen, schon im Mittelfeld nerven, was das Zeug hält, um dann überfallartig zu kontern.

Eine Flanke wie ein Gemälde

»Wir waren sehr nah dran, das Spiel zu gewinnen«, sagte Union-Kapitän Christopher Trimmel nach der Partie. Trimmel hat auch ein Hobby, er ist Tätowierer, und wenn Union den 1:0-Vorsprung aus der ersten Hälfte über die Zeit gerettet hätte, dann hätte Trimmel wahrscheinlich seine eigene Flanke zum Führungstor als Tattoo stechen müssen, so präzise, so geradezu Tedesco-haft mathematisch genau ist selten in dieser Saison in einem wichtigen Spiel eine solche Flanke geschlagen worden. Ein Gemälde von einer Flanke, die Union-Stürmer Sheraldo Becker zur Führung veredelte.

Aber es spricht auch für diese Leipziger Mannschaft unter Tedesco, dass sie Spiele auch gewinnen kann, wenn sie keinen Tedesco-Fußball spielen darf. Wenn die Leistungsträger der Vorwochen Christopher Nkunku und Konrad Laimer fast aus dem Spiel genommen sind. Wenn das Heimpublikum auch nicht die nötige Hilfe sein kann, weil es von den 6000 angereisten Union-Fans locker überstimmt wurde, die ihren »Eisern Union«-Singsang unablässig in den sächsischen Abendhimmel schickten.

Dann muss halt einer wie Emil Forsberg her, einer, der nicht für den Fußball vom Stile Tedescos steht. Forsberg und sein alter Sturmkumpel Yussuf Poulsen sind derzeit nur zweite Wahl bei RB, weil vorn Nkunku und André Silva unumstritten sind, und weil auch der junge Ungar Dominik Szoboszlai von Tedesco vorgezogen wird. Einer, der das dynamische Lauf- und Passspiel der Leipziger, das der Trainer will, konsequenter mitmacht als die beiden Routiniers Forsberg und Poulsen.

Forsberg wie im Vorjahr

Beide wurden in der zweiten Hälfte eingewechselt, Forsberg nach 63 Minuten, Poulsen in der 89. Minute, und als beide gemeinsam auf dem Platz standen, auch wenn es nur wenige Minuten waren, war RB, das sich bis dahin nach dem Elfmeter-Ausgleich eher in Richtung Verlängerung gespielt hatte, mit einer ganz neuen Zugkraft ausgestattet.

Tore in der Nachspielzeit sind immer unglücklich für den, der sie kassiert. Aber in diesem Fall war der Treffer kein Zufall. Forsberg, der schon im Vorjahr im Pokalhalbfinale gegen Werder Bremen in letzter Minute das Siegtor erzielt hatte, profitierte am Ende von einer wahren Chancenkette. Erstmals überhaupt in diesem Spiel fand so etwas wie ein Powerplay aufs Union-Tor statt. Von »Leidenschaft und Mentalität« sprach Forsberg danach, das sind die bekannten Hilfsausdrücke im Fußball, wenn plötzlich ein Team den Moment erwischt.

RB Leipzig steht nunmehr im Pokalendspiel, es hat sich als bestes Rückrundenteam mittlerweile auf den Champions-League-Platz drei in der Bundesliga nach vorn bewegt, in der Rückrunde hat RB nur ein Spiel verloren, das bei Bayern München. Und in der Europa League steht die Mannschaft im Halbfinale und bekommt es in der nächsten Woche mit dem nächsten stimmgewaltigen Gästepublikum zu tun, wenn die Glasgow Rangers zu Besuch sind.

Noch zwei Titel möglich

»Wir haben den festen Glauben, dass wir beide Titel holen können«, sagt Forsberg, »wir haben jetzt alles vor.« Zum dritten Mal in den vergangenen vier Jahren hat RB jetzt das deutsche Pokalfinale erreicht, zum ersten Mal müssen sie als Favorit gelten. Nach den deutlichen Niederlagen gegen die Bayern 2019 und Dortmund im Vorjahr steht mit dem SC Freiburg ein Gegner parat, der eher Herausforderer als geborener Sieganwärter ist.

Allerdings hat das Team von Christian Streich RB in Leipzig in deren erfolgreicher Rückrunde ein 1:1 abgeknöpft, der SC schwimmt auf einer ähnlichen Welle wie RB durch die Saison. Streich hat das taktische Know-how, und er hat die Spieler, um RB genauso anzugehen, wie es Union am Mittwoch tat. Das Berliner Olympiastadion wird zudem voll mit Badenern sein, die seit Dienstagabend bereits die Buchungsportale Berliner Hotels für den 21. Mai fluten.

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Es gehört zu den Fußballerfloskeln, zu betonen, dass man »noch nichts gewonnen« habe, wenn man trotz einer starken Phase noch keinen Titel geholt hat. Im Fall von RB Leipzig stimmt es: Nach dem Sachsenpokal 2013 hat RB keine Trophäe mehr gewonnen. Aber unter Domenico Tedesco läuft diesmal vieles darauf hinaus.

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