Bundesliga-Tabellenführer Leipzig Werner auf der Lauer

Gegen den BVB brauchte Timo Werner zwei Abwehrfehler, um seine überragende Torbilanz auszubauen. Sein Tempo konnte der Nationalspieler dagegen nur selten nutzen. Dabei ist Leipzigs Spiel genau darauf ausgerichtet.
Zwei Mal war Timo Werner in Dortmund zur Stelle

Zwei Mal war Timo Werner in Dortmund zur Stelle

Foto: Jörg Schäler Getty Images

Timo Werner ist bekannt für seine Geschwindigkeit. Dank dieser Qualität hat er etliche Tore geschossen und Spiele für sein Team entschieden. Aber Sekunden vor seinem wichtigsten Moment während der Partie bei Borussia Dortmund sprintete der Angreifer von RB Leipzig nicht. Er trabte nicht einmal. Timo Werner schlich geradezu.

Die 53. Minute. Eben hatte BVB-Torwart Roman Bürki einen Ball abgefangen. Werner bewegte sich nur langsam aus dem Strafraum zurück. Das macht er häufig: Wenn es nach einem vergeblichen Angriff keine Chance zum Gegenpressing gibt, eilt er nicht aus dem Abseits heraus in seine Position. Dann nimmt er kurz nicht am Spiel teil, geht gemächlich über den Platz. Es sind die Momente, in denen er Kraft tankt für den nächsten Anlauf.

Diesmal landete der Ball in der Dortmunder Hälfte bei Julian Brandt. Werner, mittlerweile im Trab, sah, dass Brandt den Kopf nicht oben hatte, so erzählt es der Leipziger Angreifer später. Also lauerte er, nutzte dann Brandts katastrophalen Rückpass, umkurvte Bürki - jetzt mit all seinem Tempo - und schob zu seinem zweiten Tor des Abends ein. 2:2. Leipzig war zurück im Spitzenspiel, rettete am Ende nach einem Zwei-Tore-Rückstand seinem Team damit doch noch einen Punkt beim 3:3-Spektakel.

Werner an 23 von 45 Ligatoren beteiligt

Nach diesem für Trainer Julian Nagelsmann "glücklichen Punktgewinn" steht RB vor einem großen Erfolg. Ein Heimsieg gegen Augsburg am Samstag (15.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL), und Leipzig könnte erstmals in seiner jungen Vereinsgeschichte Bundesliga-Herbstmeister sein - Mönchengladbach könnte das nur mit zwei sehr hohen Siegen gegen Paderborn und Hertha BSC verhindern. "Das ist ja auch schon was Besonderes für uns", sagte Werner. Und kein anderer Spieler hat einen größeren Anteil daran als er selbst.

Nach dem Spiel beim BVB ist Werner nun an mehr als der Hälfte der 45 Leipziger Bundesligatore direkt beteiligt (18 Tore, fünf Vorlagen). Es ist kein Zufall, dass sich die bisher einzige kleinere Schwächephase der Leipziger in dieser Spielzeit mit der Werners deckt. Zwischen den Spieltagen vier und neun erzielte der Angreifer nur ein Tor, Leipzig holte nur einen Sieg aus sechs Partien. Seit Wochen aber läuft es bei Werner - und damit auch bei RB.

Jubeln ist für Timo Werner in dieser Saison Alltagsbeschäftigung

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Foto: Martin Meissner AP

Gegen den BVB hatte der Nationalspieler natürlich auch Glück. Wie beim 2:2 profitierte er schon bei seinem ersten Tor von einem schweren Patzer, diesmal von Keeper Bürki (47. Minute). Zudem blieb auch er in der schwachen ersten Leipziger Hälfte (Nagelsmann: "Da waren wir chancenlos") extrem unauffällig. Er schenkte Bälle her, verlor Zweikämpfe und Laufduelle, wurde nur einmal per Kopf nach einer Ecke gefährlich.

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Aber als Leipzig nach der Pause aktiver, mutiger wurde, zeigte sich, wie wichtig Werner für das RB-Offensivspiel ist. Wie sehr es auf ihn und sein Tempo ausgerichtet ist. Bei eigenem Ballbesitz rückte Linksverteidiger Marcel Halstenberg weit mit auf, bewegte sich aber in vorderster Angriffslinie nicht an der Außenlinie, sondern deutlich weiter ins Zentrum. An der Außenlinie stand Werner.

Diese Variation sei wichtig, um Werner "in große Eins-gegen-eins-Räume zu kriegen"; sagte Nagelsmann. Außen hatte Werner mehr Platz als in der Mitte mit drei Dortmunder Innenverteidigern. Und Platz braucht er für sein Spiel.

"Spiele ganz verschiedene Positionen"

So lauerte der 23-Jährige immer wieder. Hatte RB den Ball, zeigte er wieder und wieder seinen Laufweg mit ausgestrecktem Arm an. Er forderte den langen Pass selbst dann, wenn sein Mitspieler weit weg und mit dem Rücken zu ihm stand und ihn noch gar nicht sehen konnte.

Nur selten konnte der Nationalspieler sein Tempo ausspielen

Nur selten konnte der Nationalspieler sein Tempo ausspielen

Foto: FRIEDEMANN VOGEL/EPA-EFE/REX

Aber auch bei Dortmunder Ballbesitz stellte sich Werner schon auf eine Kontersituation ein. Hatte der BVB die erste Pressinglinie überspielt, nahm der Stürmer kaum noch an der Defensivarbeit teil. Er blieb dann an der Mittellinie, gerade so aus dem Abseits heraus, bereit für den Leipziger Ballgewinn. Das Problem in Dortmund: Die Pässe kamen zu ungenau oder oft gar nicht. So konnte Werner sein Tempo auch nach der Pause kaum ausspielen.

Dabei bewegte er sich vor allem auf links, aber auch im Zentrum oder sogar auf ganz rechts. Auch dieser Bewegungsspielraum macht Werner unter Nagelsmann aus. "Ich glaube, dass ich bei Julian sehr, sehr variabel geworden bin", sagt er über seine Rolle unter dem neuen Trainer. "Ich spiele ja ganz verschiedene Positionen."

Wenig später beendete er das kurze Gespräch in den Katakomben. Er musste zur Behandlung, hatte Minuten vor dem Abpfiff einen Schlag auf die Wade bekommen. Und so schlich sich Timo Werner hinkend in Richtung Kabine. Viel langsamer als kurz vor dem 2:2 bewegte er sich dabei auch nicht.