Tabellenführer Leipzig Fröhliche Mentalitätsmonster

RB Leipzig nutzte in Leverkusen schwere Fehler des Gegners eiskalt aus. Jetzt ist der Aufsteiger neuer Tabellenführer der Bundesliga. Nach einem Ende der Unbekümmertheit sieht es allerdings nicht aus.
Jubelnde Leipziger

Jubelnde Leipziger

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Beschwingt betrat Timo Werner nach dem großen Coup die Kabine. Der Angreifer von RB Leipzig pfiff ein fröhliches Lied, irgendein Ventil für die eigene Euphorie brauchte es wohl, wenn man als Aufsteiger 3:2 (1:2) beim Champions League-Klub Bayer Leverkusen gewinnt und nach rund einem Saisondrittel plötzlich auf dem ersten Tabellenplatz thront.

Flotte Sprüche oder gar Hochmut sind in Leipzig verboten. Natürlich. Daher ist so eine Melodie eine nette Alternative. Sprechen wollte Werner erstmal nicht, das überließ der Stürmer dem Tageshelden Willi Orban: "Dieses Spiel zeigt den Spirit, der in unserer Mannschaft steckt", sagte der Schütze des Siegtreffers und geriet ins Schwärmen. Leipzig reitet einfach immer weiter auf der Welle des Erfolgs.

Sollte der FC Bayern am Samstagabend bei Borussia Dortmund gewinnen (18.30 Uhr, High-Liveticker SPIEGEL ONLINE), wird der aktuelle Spitzenreiter zwar wieder um einen Rang zurückfallen, aber die Besonderheit des Augenblicks war natürlich allen bewusst. "Es ist einfach schön, auch für die Liga, dass die Bayern erstmals seit Jahren als Tabellenzweiter zu einem Auswärtsspiel fahren", sagte Trainer Ralph Hasenhüttl. Das war ein schlauer Satz, der die Leistung seines Teams hervorhob, zugleich aber eher nach einer abstrakten Analyse klang. Als seien die Leipziger eher Beobachter als Protagonisten dort vorne im Meisterschaftsrennen. Und diese Rolle wollen sie so lange wie möglich beibehalten.

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In der Kunst, Fragen nach der Zukunft auszuweichen, sind die Leipziger mittlerweile ähnlich gut geschult wie im Umschaltspiel nach Ballgewinn. "Ich schaue nicht auf die Tabelle, das ist für mich egal", behauptete Emil Forsberg, dem das zweite Leipziger Tor gelungen war, und Marcel Sabitzer entgegnete auf die Frage, wo er sich das Top-Spiel zwischen dem BVB und den Bayern ansehe: "Eventuell gar nicht. Nach dem Training am Samstagvormittag haben wir bis Montag frei, da kann man auch mal ein bisschen abschalten." So viel Gleichgültigkeit gegenüber der Tabellenkonstellation war dann doch ein wenig unglaubwürdig. Aber offenbar glauben sie, diese Haltung helfe, die Glückssträhne nicht zu beschädigen. Und ihr Glück hatten sie an diesem Abend zweifellos strapaziert.

Was war passiert?

Eigentlich war die Partie schon so gut wie verloren, als Hakan Calhanoglu nach 54 Minuten zum Elfmeter für Leverkusen anlief. Bayer führte 2:1, einen Zwei-Tore-Rückstand hätte Bayer sich wohl nicht mehr aus der Hand nehmen lassen. Doch Torhüter Péter Gulácsi hielt den Ball, und die Partie kippte. Das große Motiv in den Leipziger Analysen war die "Mentalität", von der diverse Spieler und Hasenhüttl sprachen. Aber die günstigen Fügungen auf dem Rasen waren mindestens genauso bedeutsam.

Nach Kevin Kampls frühem 1:0 (zweite Minute) sprang ein Ball eher zufällig von der Hüfte des Leverkuseners Julian Baumgartlinger zum 1:1 ins eigene Tor (4.). Dass Bayer tatsächlich auch den dritten Elfmeter dieser Saison vergab, war ein Geschenk, und ein schlecht platzierter Schuss, wie jener von Forsberg, den Bernd Leno zum 2:2 ins Tor flutschen ließ, wird so schnell nicht mehr zu einem Treffer führen. "Wir haben in den entscheidenden Momenten die richtigen Entscheidungen getroffen", sagte Orban, mindestens genauso zutreffend ist allerdings der Befund, dass Bayer in den Schlüsselszenen falsch agierte.

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Über allen Debatten um Facetten des Balleroberungs- und Umschaltfußballs, den sowohl Leverkusen als auch Leipzig spielen, stand am Ende eine uralte Fußballwahrheit: Wer mehr leichte Fehler macht, verliert.

Und diese Partie wurde ein Fest der großzügigen Gastgeschenke in einer Stadt, die den Leipzigern zunächst keinen schönen Empfang bereitet hatte. Schon beim Auswärtsspiel in Köln hatten Chaoten mit einer Blockade die Einfahrt des Busses ins Stadion verhindert, in Leverkusen schleuderten nun Vermummte gelbe und rote Farbbeutel auf die Frontscheibe des Fahrzeugs. Wirklich gefährlich war die Aktion nicht, der Bus stand an einer Ampel. Hasenhütttl machte sich sogar ein wenig über die Werfer lustig. "Einer hat zwei Meter daneben geworfen, der sollte vielleicht beim nächsten mal besser von der Seite kommen, da ist der Bus breiter", sagte er.

Der Trainer war bestens gelaunt. Niemand hätte sich gewundert, wenn auch er ein Siegerliedchen gepfiffen hätte, als die von Frühlingsgefühlen beschwingte Reisegruppe im gereinigten Bus davonbrauste.