RB Leipzigs Marcel Sabitzer "Da sollten einem keine Steine in den Weg gelegt werden"

Marcel Sabitzer ist einer der wichtigsten Spieler von Bundesliga-Tabellenführer Leipzig. Vor dem Spiel gegen Dortmund spricht er über den neuen Stil unter Trainer Julian Nagelsmann und einen möglichen Wechsel.
Marcel Sabitzer: 18 Torbeteiligungen in 22 Pflichtspielen in dieser Saison für RB Leipzig

Marcel Sabitzer: 18 Torbeteiligungen in 22 Pflichtspielen in dieser Saison für RB Leipzig

Foto: Hartmut Bösener/ imago images

SPIEGEL: Herr Sabitzer, womit hat Sie Ihr neuer Trainer bei RB Leipzig, Julian Nagelsmann, schon einmal überrascht?

Sabitzer: Taktisch hat er mich nicht überrascht. Es ist aber schon mehrmals vorgekommen, dass es am Spieltag keine Mannschaftsbesprechung gab.

SPIEGEL: Warum ist das außergewöhnlich?

Sabitzer: Es ist eigentlich üblich, dass man vor dem Spiel noch etwas bespricht. Aber es ist jetzt schon das eine oder andere Mal passiert, dass wir nur am Vortag die Gegneranalyse gemacht haben. Am Spieltag sind wir dann von der Platzbesichtigung in die Kabine gekommen, da hing dann nur die Aufstellung, und wir sind raus zum Aufwärmen.

Zur Person
Foto: Maja Hitij/ Bongarts/Getty Images

Marcel Sabitzer, 25, begann seine Karriere beim FC Admira Wacker Mödling in der zweiten österreichischen Liga. 2014 wechselte der offensive Mittelfeldspieler von Rapid Wien zu RB Leipzig, wurde aber sofort für eine Saison an Red Bull Salzburg ausgeliehen. Seit 2015 ist Sabitzer in Leipzig und hat sich in dieser Saison zu einem der wichtigsten Spieler entwickelt: In 22 Pflichtspielen hat der österreichische Nationalspieler elf Tore erzielt und sieben weitere Treffer vorbereitet. Gegen Dortmund bestreitet er sein 100. Bundesligaspiel.

SPIEGEL: Warum macht er das so, was glauben Sie?

Sabitzer: Ich denke, er will nicht, dass es bei den vielen Spielen, den ganzen Besprechungen und dem Videostudium irgendwann zu viel ist. Er hat vielleicht das Gefühl, dass schon alles gesagt ist und wir wissen, was zu tun ist. Zu viel Reden ist manchmal auch nicht gut.

SPIEGEL: Haben Sie während des Spiels schon mal daran gedacht, dass es in der Kabine Ärger geben könnte, weil die Mannschaft seine Anforderungen nicht richtig umsetzt?

Sabitzer: Dass der Trainer in der Halbzeit ausrastet, gab es bisher nicht. Wir kriegen in der Pause meistens zwei, drei Szenen im Video gezeigt und besprechen relativ sachlich, was wir besser machen können. Dann heizt er uns noch mal ein, und es geht weiter.

Julian Nagelsmann trainiert seit Sommer 2019 RB Leipzig: "Taktisch hat er mich nicht überrascht"

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Foto: Jan Woitas/ dpa

SPIEGEL: Gibt es auch Momente zu Spielbeginn, bei denen Sie merken, dass der Plan komplett aufgeht und Ihr Gegner keine Chance haben wird?

Sabitzer: Ja, klar. Man hat einen Plan vor dem Spiel, daran versucht man sich zu halten. Und dann gibt es Momente, in denen man merkt: Okay, das ist der Schlüssel zum Erfolg. Es ist schon viel aufgegangen von dem, was wir uns vorgestellt haben. Es ist oft beeindruckend, welche Lösungen der Trainer für den kommenden Gegner findet. Das hilft speziell uns Offensivspielern. Wir haben schon sehr viele Tore geschossen, das kann man sicher darauf zurückführen.

SPIEGEL: Was hat Nagelsmann am Stil von RB Leipzig verändert?

Sabitzer: Wir spielen nicht mehr so aggressiv, stehen nicht mehr so hoch. In der Vergangenheit haben wir fast nur gegen den Ball gearbeitet und dann auf Konter umgeschaltet. Diese Saison haben wir öfter den Ball. Und mittlerweile wissen wir auch mehr damit anzufangen.

SPIEGEL: Was fehlt der Mannschaft noch?

Sabitzer: Defensiv müssen wir alle zusammen ein bisschen stabiler sein, damit wir Spiele sicher nach Hause bringen. Neulich gegen Paderborn hätten wir fast ein 3:0 aus der Hand gegeben (Endstand: 3:2, Anm. d. Red.). Das darf uns auf keinen Fall passieren, damit nehmen wir uns selbst aus dem Rennen um den ersten Platz.

SPIEGEL: Leipzig ist Tabellenführer und spielt nun gegen den Dritten, Borussia Dortmund (Dienstag, 20.30 Uhr/Liveticker SPIEGEL, TV: Sky). Wer ist der größte Konkurrent im Meisterrennen?

Sabitzer: Gladbach macht es richtig gut, die haben einen guten Trainer, eine gute Mannschaft. Deshalb werden die auch lange vorne dabeibleiben, da bin ich mir sicher. Dann wir natürlich, mit Bayern ist sowieso immer zu rechnen, und Dortmund wird auch wieder eine Phase bekommen, in der sie Spiele am Stück gewinnen werden. Es ist ein sehr offenes Rennen, das ist für die ganze Nation spannend. Es macht Spaß, wenn länger Spannung drin ist. Aber wir werden uns nicht dagegen wehren, wenn wir am Ende vorne stehen.

Marcel Sabitzer traf in dieser Saison gegen Werder Bremen per Freistoß

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Foto: Carmen Jaspersen/DPA

SPIEGEL: Warum spielen Sie für RB Leipzig, was macht den Verein für Sie aus?

Sabitzer: Ich passe gut zum System, das hier erwartet wird. Ich war damals nicht so begeistert davon, aus Salzburg in die zweite deutsche Bundesliga zu wechseln. Im Nachhinein muss ich eingestehen, dass es das Beste war, was mir für meine Entwicklung passieren konnte.

SPIEGEL: Sie durften 2014 von Rapid Wien nicht innerhalb der österreichischen Liga wechseln. Also hat Leipzig Sie verpflichtet und gleich an Salzburg ausgeliehen. Haben Sie sich mit dem Trick wohlgefühlt?

Sabitzer: Wenn Sie mich so fragen: Wohlgefühlt habe ich mich damit nicht. Ich habe damals echt kurz überlegt, das Ganze abzubrechen, weil ich wusste, dass viel Gegenwind kommen kann. Aber sportlich gesehen hat es sich letztlich ausgezahlt.

SPIEGEL: Viele Fußballfans kritisieren RB Leipzig, sie finden es unfair, dass der Verein mithilfe von Red Bull so schnell erfolgreich geworden ist. Verstehen Sie die Kritik?

Sabitzer: Nein, das kann ich nicht verstehen. Was sind viele? Ultras oder Fans? Wir spüren davon gar nichts mehr. International ist es sowieso ganz normal, dass es Investoren gibt, die den Verein weiterbringen wollen. Wenn man sich die Entwicklung des Fußballs insgesamt ansieht, dann kann man sich davor auf lange Sicht auch in Deutschland nicht mehr komplett verschließen.

Marcel Sabitzer und Timo Werner (r.) sind mit RB Leipzig aktuell Tabellenführer in der Bundesliga

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Foto: INA FASSBENDER/ AFP

SPIEGEL: Was planen Sie für Ihre nächsten Karriereschritte?

Sabitzer: Ich bin noch lange nicht am Ende und überhaupt noch nicht zufrieden, sondern will mehr erreichen. Man wird sehen, wohin der Weg führt. Aber im Moment, in dieser Saison kann mir nichts Besseres passieren, als hier zu sein.

SPIEGEL: Empfinden Sie eine besondere Dankbarkeit gegenüber dem Red-Bull-System?

Sabitzer: Dankbarkeit muss auf Gegenseitigkeit beruhen. Ich habe ein Jahr in Salzburg gespielt, das Double geholt, die meisten Tore geschossen, bin dann mit Leipzig aufgestiegen, wir sind zweimal in die Champions League eingezogen und stehen jetzt im Achtelfinale. Viel mehr hätte man nicht erreichen können. Der Verein weiß schon, was er an uns Spielern hat. Darum denke ich, dass der gegenseitige Respekt sehr groß sein sollte. Wenn tatsächlich mal die Situation eintreten sollte, dass sich ein Spieler mit einem Wechsel verbessern könnte, weil er sich noch schneller als der eigene Klub entwickelt, dann sollte man sich auch eingestehen: Okay, der hat für den Verein so viel getan, und da sollten einem keine Steine in den Weg gelegt werden, wenn es am Ende auch für beide Seiten eine Win-win-Situation ist. Dass in solch einem Fall dann auch mal die menschliche Seite zählen sollte.

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