Leipzig-Stürmer Yussuf Poulsen Jetzt schießt er auch noch Tore!

Fleißig gegen den Ball, doch technisch limitiert: Yussuf Poulsen galt bei RB Leipzig als Auslaufmodell. Unter Trainer Ralf Rangnick blüht der Däne jedoch auf - und tut endlich, was ein Angreifer soll.
Von Tobias Escher
Yussuf Poulsen

Yussuf Poulsen

Foto: Jan Woitas/ dpa

27 Minuten sind gespielt im Duell zwischen Leipzig und Leverkusen, Spielstand: 0:0, Torchancen: keine. Dann erspäht RB-Stürmer Yussuf Poulsen eine Lücke in der Bayer-Abwehr. Mit Vollgas startet er in den Strafraum, sofort erhält er den Ball. Lukas Hradecky stürzt sich auf Poulsen, doch der Däne bleibt cool und hebt den Ball über Leverkusens Keeper. Ein Tor in echter Stürmer-Manier.

So manch ein Leipziger Anhänger dürfte sich verwundert die Augen gerieben haben. War das derselbe Poulsen, der in der Vergangenheit vor dem Tor oft in Panik verfiel?

Sechsmal traf Poulsen, 24, in dieser Bundesliga-Saison schon, am Sonntag beim 3:0-Erfolg über Leverkusen gleich doppelt. Damit hat er bereits nach elf Spieltagen seine persönliche Bestmarke von fünf Saisontoren geknackt. Poulsen hat endlich Torgefahr entwickelt - und gleichzeitig spielt er seine alten Stärken in der Defensive aus. Das macht ihn aktuell zu einem Schlüsselspieler für RB.

Poulsen am 11. Spieltag gegen Leverkusen

Poulsens Höhenflug hängt eng mit dem System seiner Mannschaft zusammen. Bereits 2013 wechselte er aus Dänemark zu RB, er stürmte für Leipzig bereits, als die Gegner noch Chemnitz und Elversberg hießen. Er ist damit länger Teil der Mannschaft als jeder andere.

Vieles hat sich in Leipzig seit damals verändert, nur eines nicht: die Spielphilosophie. Ralf Rangnick, Sportdirektor und Trainer, möchte seine bevorzugte Art des Fußballs umgesetzt sehen: Tempospiel und pausenloses Pressing. Der Gegner soll nie durchschnaufen dürfen.

Poulsen wurde in Leipzig mit dieser Art des Fußballs sozialisiert. Er interpretiert seine Stürmer-Rolle, anders als viele seiner Bundesliga-Kontrahenten, nicht über das Toreschießen, sondern über seine Arbeit gegen den Ball. Er jagt seine Gegner, hetzt sie über den Platz. Sein Wille und sein Verständnis, wann der Gegner unter Druck gesetzt werden muss, sicherten ihm einen Stammplatz.

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Sein Einsatz kaschierte, dass er in den technischen Disziplinen selten überzeugte. Zuspiele versprangen dem hölzern wirkenden Poulsen, Pässe landeten beim Gegner. Besonders eklatant war seine Schwäche vor dem gegnerischen Tor: In seinen ersten beiden Jahren in der Bundesliga saß nur knapp jeder zehnte Schuss.

Diese Defizite waren irgendwann nicht mehr zu übersehen. Ex-Trainer Ralph Hasenhüttl wollte seine Mannschaft in der vergangenen Saison spielerisch weiterentwickeln - und verzichtete immer öfter auf Poulsen. In der Rückrunde stand er nur sechsmal in der Startelf. Kritiker sahen seine Zeit in Leipzig abgelaufen. Die Zukunft schien den Edeltechnikern zu gehören, Jean-Kévin Augustin und Bruma.

Rangnick verortete das Problem allerdings bei Hasenhüttl. Der Sportdirektor trennte sich vom Österreicher, übernahm selbst den Trainerposten und rief als Parole aus: "Zurück zu den Anfängen!" Rangnick formte Leipzig wieder zu einem Pressing-Team. Das Jagen des Gegners war wieder angesagt - und damit Poulsen. "Yussuf ist die Art und Weise, wie wir jetzt spielen, fast auf den Leib geschneidert", sagt Rangnick.

Tatsächlich definiert sich Poulsen auch in dieser Saison stark über sein Spiel gegen den Ball. Das beweist sein SPIX: Den höchsten Wert weist er in der Kategorie Balleroberung auf (70). In den technischen Kategorien Chancenkreation (32) und Dribbelstärke (48) ist er allenfalls Bundesliga-Durchschnitt.

In einer Kategorie ist er in dieser Saison explodiert: der Torgefahr (70). Fast jeder dritte Schuss landet im Tor. Erklären lässt sich diese Steigerung nicht so einfach. Rangnick sagt, Poulsen sei "inzwischen auch technisch nochmal besser geworden". In der Tat verspringen Poulsen weniger Zuspiele. Ein Supertechniker wird er jedoch wohl nicht mehr.

Wahrscheinlich ist die Wahrheit simpler: Poulsen fühlt sich in Rangnicks System wohl. Auch neben dem Platz gehört er mittlerweile zu den Führungsspielern . Ruhe und Ausstrahlung - genau das fehlte Poulsen auf dem Platz bisher. Früher verfiel er in Hektik, sobald er alleine auf den Torwart zulief, berührte den Ball öfter als nötig. Mittlerweile agiert er zielgerichteter. So zu sehen bei seinem zweiten Treffer gegen Leverkusen: Ballannahme, kurz den Torwart ausschauen, schießen - Tor. Das dürften Leipzigs Fans in dieser Saison noch häufiger erleben.

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