Real Madrid nach dem Duell mit PSG Zidanes sanfte Reform

Beim 2:2 gegen Paris hat Real Madrid seine wohl beste Saisonleistung gezeigt. Trainer Zinédine Zidane hat aus dem Team wieder eine exzellente Mannschaft geformt - gegen alle Skeptiker, auf seine Art.

Javier Soriano / AFP

Von Florian Haupt, Madrid


Das wäre es natürlich gewesen, wenn Gareth Bale in der Nachspielzeit das Siegtor erzielt hätte. Wenn der Wales-, Golf- und Madrid-(in dieser Reihenfolge)-Spieler seiner drittwichtigsten Leidenschaft durch einen Freistoß den entglittenen Sieg gegen Paris Saint-Germain wiederbesorgt hätte. Aber Bale traf mit seinem formidablen Versuch nur den Pfosten, und ein unterhaltsamer Abend musste auf die letzte Pointe verzichten.

Es brauchte sie nicht, um das Publikum aus dem randvollen Madrider Estadio Santiago Bernabéu frohgemut in die verregnete Nacht zu entlassen. Die Leute verabschiedeten ihre Mannschaft mit Applaus, während PSG-Profis hüpfend vor der Gästekurve dieses 2:2 in der Champions League feierten. Beide Umstände, die Madrider Zufriedenheit wie die Pariser Ausgelassenheit über ein Remis, illustrierten: Real Madrid ist wieder da.

Nach einer der schlechtesten Spielzeiten der Klubgeschichte war vom Fanvolk an sich eine Revolution gefordert worden. Doch der zurückgekehrte Trainer Zinédine Zidane verweigerte sich populistischer Gesten und setzte größtenteils wieder auf die Elf, die ihm - plus Cristiano Ronaldo - in seiner ersten Amtszeit dreimal die Champions League gewonnen hatte. Erst peu à peu fing er an zu variieren, und jetzt, Ende November, lässt sich festhalten: Es ist vielleicht keine Revolution geworden. Aber allemal eine wirkungsvolle Reform. Nichts erinnerte mehr im Entferntesten an das 0:3 vom Hinspiel, als Real in Paris chancenlos wirkte.

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Real-Remis gegen PSG: 80 Minuten Glanz

"Sehr stark, sehr selbstbewusst" sah PSG-Trainer Thomas Tuchel den Gegner und so überlegen, dass er von einem unverdienten, aber daher umso süßeren Punkt für seine Elf sprach. Tatsächlich hat man Real wohl zuletzt 2017 in der besten Saison von Zidanes erster Periode so organisch Fußball spielen sehen. Ob Zugänge wie Eden Hazard, Newcomer wie Fede Valverde, Wiedererstarkte wie Marcelo oder Toni Kroos, schon fast Vergessene wie Isco und sowieso der Evergreen Karim Benzema: Auf wundersame Weise scheint sich alles plötzlich alles ineinander zu fügen.

Beim frühen 1:0 etwa: Hazard zauberte im Mittelfeld gegen halb Paris und hielt so den Ballbesitz, bis er über rechts das Spiel öffnen konnte. Dort startete Valverde durch, Isco spitzelte den Ball an den Pfosten und Benzema zeigte per Abstauber, dass er auf seine älteren Tage und ohne Nebenmann Ronaldo zum echten Goalgetter geworden ist, der nicht umsonst auch die Torjägerliste der spanischen Liga anführt (17. Minute).

Wann hat man Kroos zuletzt in Madrid so spielen sehen?

Seine Brillanz in Technik, Aktionsradius und Spielübersicht hat er sich trotzdem bewahrt; und physisch ist er weiterhin nicht zu unterschätzen. Der 31-Jährige veredelte auch bei seinem Kopfball zum 2:0 einen Real-Vortrag, der entschlossen in der Balleroberung, temporeich im Mittefeld, präzise am Strafraum und so opulent wie optimistisch war (79.). Wann etwa hat man Kroos in seiner Madrider Zeit fünfmal gefährlich aufs Tor schießen sehen, darunter einmal mit einer fast direkt verwandelten Ecke?

Zidane lachte sein zwischenzeitlich schon verloren gegangenes Zidane-Lachen, als er später sagte: "Immer so zu spielen, würde ich sofort unterschreiben. Es war eine Riesenpartie von allen." Auch von ihm, denn mit dem offensiven Mittelfeldmann Isco anstatt wie sonst eines dritten Angreifers hatte er den PSG sichtlich überrascht. Es ähnelte wieder dem 4-3-1-2 der beiden vergangenen Madrider Champions-League-Titel 2017 und 2018, aber ein Matchplan ist das eine, die generelle Grundstimmung etwas ganz anderes. Was also hat er mit diesen Spielern angestellt, die ja die gleichen sind wie im September? Da wurde Zidane ernst und erwähnte die Tugenden Arbeit und Geduld. Auch wenn das viele langweilig finden mögen.

Das Bernabéu ist hingerissen von Valverde

Klarer als im Pressesaal spricht er durch seine Aufstellungen, und die vom Dienstag hinterließ eine interessante Botschaft. Im Mittelfeld heißt es bis auf Weiteres auch an großen Abenden nicht mehr Casemiro-Kroos-Modric wie all die Jahre, sondern Casemiro-Valverde und Kroos/Modric. Der junge Uruguayer Valverde, 21, ist der große Aufsteiger der letzten Wochen. Seit er Stammspieler wurde, hat Real nur eine von zehn Partien verloren - es war die einzige, in der er aus der Startelf rotiert wurde. Just wie man nun auch gegen den PSG die Gegentore erst kassierte, nachdem er unter Standing Ovations und "Valverde"-Chören das Feld verlassen hatte. Das Bernabéu ist hingerissen von diesem dynamischen Teamplayer, der Box-to-Box spielt, dabei eine enorme Physis einbringt und die Linien in Reals Fußball zusammenschweißt.

Paris gelang derweil immerhin der Tagessieg in einem pikanten Torwartduell. Reals Thibaut Courtois wirkte unsicher, wurde vor einem Elfmeter samt Platzverweis nur vom Videobeweis wegen eines vorangegangenen PSG-Fouls bewahrt und partizipierte durch einen Kommunikationsfehler mit Raphaël Varane am Anschlusstor durch Kylian Mbappé, dem kurz darauf der Ausgleich durch Pablo Sarabia folgte. Auf der anderen Seite hielt Keylor Navas "extraordinaire" (Tuchel). Der Costaricaner indes war erst vor der Saison aus Madrid gekommen, wo er aus relativ unerfindlichen, wohl klubpolitischen Gründen nicht mehr am jüngeren Courtois vorbeikam. Nun ging Navas als Letzter vom Rasen, seine alten Fans verabschiedeten ihn mit warmem Applaus.

Bis Courtois das auch mal erleben darf, muss er wohl erst eine Champions League gewinnen. Fürs Erste wird Madrid zwar nur als Gruppenzweiter in die Achtelfinalauslosung gehen. Aber wieder mit dem Glauben an sich selbst.

Real Madrid - Paris St. Germain 2:2 (1:0)
1:0 Benzema (17.)
2:0 Benzema (79.)
2:1 Mbappé (81.)
2:2 Sarabia (83.)
Madrid: Courtois - Carvajal, Ramos, Varane, Marcelo - Casemiro - Valverde (76. Modric), Kroos - Isco (82. Rodrygo), Benzema, Hazard (69. Bale). - Trainer: Zidane
Paris: Navas - Meunier, Thiago Silva, Kimpembe, Bernat - Marquinhos - Gueye (46. Neymar), Verratti - Di María (76. Draxler), Icardi (76. Sarabia), Mbappé. - Trainer: Tuchel
Schiedsrichter: Soares Dias (Portugal)
Gelbe Karten: Marcelo - Meunier (2)

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