Eigener Nachwuchs Wie Real dem Altherrenklub Bayern den Schneid abkauft

Von wegen immer nur Superstars: Gerade in der Jugendarbeit hat Real Madrid zuletzt viel richtig gemacht. Von Champions-League-Gegner Bayern München lässt sich das nicht behaupten.

Daniel Carvajal (r.) mit Álvaro Morata
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Daniel Carvajal (r.) mit Álvaro Morata

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Wenn der FC Barcelona für all das steht, was schön, wahrhaftig und gut ist im Fußball, dann gilt Real Madrid meist als Antithese: Der ehemalige Franco-Klub mit dem Geck Ronaldo, dem Unruhestifter Pepe und der Tradition der unsinnigen Stareinkäufe: David Beckham! Julio Baptista! Nicolas Anelka!

Keine Frage, das Herz der deutschen Fans schlägt nicht für die Königlichen, sondern für Barcelona. Auch und gerade in München fühlt man sich spätestens seit dem Gastspiel des Fußball-Entwicklers Pep Guardiola als bajuwarischer Außenstandort des schönen Spiels, kombiniert mit der stolz zur Schau getragenen regionalen Identität im Kader.

Im Sommer wird nun mit Philipp Lahm einer der letzten Granden aus dem eigenen Stall seine Karriere beenden, Bastian Schweinsteiger lässt die Laufbahn im fernen Chicago austrudeln, ob Holger Badstuber noch einmal sportlichen Wert für den FCB erlangen wird, erscheint höchst ungewiss. Es bleiben übrig: David Alaba und Thomas Müller.

Gewogen, für zu leicht befunden

Die kargen Versuche, in den vergangenen Jahren einen der ihrigen aus der U19 oder der in der Regionalliga Süd dahindümpelnden Zweitvertretung zu einem Faktor im Bundesligakader werden zu lassen, scheiterten. Pierre-Emil Höjbjerg, Mitchell Weiser, Sinan Kurt, Lucas Scholl - gewogen, für zu leicht befunden, da möge sich doch bitte wer anders drum kümmern.

So schleichend sich die Wahrnehmung des qua Geburtsort eingepflanzten "Mia san mia" von der Realität entfernte, vollzog sich in Madrid ein Mentalitätswandel. Hochtalentierte Nachwuchskräfte wie Jesús Vallejo oder Marcos Llorente versauern nicht auf der Tribüne oder verbringen ihre Samstagnachmittage auf Provinzsportplätzen, sondern holen sich bei ihren Leihvereinen Eintracht Frankfurt oder Deportivo Alavés mit üppigen Einsatzzeiten das Rüstzeug für die Heimkehr.

Ein Ansatz, der bereits bei Rechtsverteidiger Daniel Carvajal Früchte trug: Seit seinem Auslandsjahr in Leverkusen ist er Stütze der Madrilenen und hat seinem Mitbewerber, dem Brasilianer Danilo, in dieser Saison gerade einmal ein Dutzend Einsätze gewährt. So einen könnten sie beim heutigen Champions-League-Gegner Bayern München (20.45 Uhr; High-Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV ZDF) nach dem Abschied Lahms gut gebrauchen, bekommen werden sie ihn nicht. Ein derartiger Leih-Coup gelang den Bayern zuletzt 2011, als sich Alaba in Hoffenheim die Minuten und Wettkampfhärte holte, um danach bei den Münchnern direkt angreifen zu können.

Die aktuellen Leihspieler sind neben erwähntem Badstuber die nahezu in Vergessenheit geratenen Medhi Benatia und Gianluca Gaudino. Man tritt Carlo Ancelotti nicht zu nahe, wenn man ihm nur geringes Interesse an einer Rückführung dieser Spieler in seinen Prachtkader unterstellt.

Schon 2005 wurden in Madrid die Weichen gestellt

Während sie an der Säbener Straße die Jugendarbeit gerade für viel Geld wieder an die Üblichkeiten im europäischen Spitzenfußball anpassen wollen, hat Real diesen Schritt schon 2005 vollzogen: Damals investierte der Verein 100 Millionen Euro in die neue Trainingsumgebung in Valdebebas. Mit Ergebnissen im Hier und Jetzt: Die "La Fábrica"-Zöglinge Carvajal, der per Rückkaufoption aus Turin heimgekehrte Álvaro Morata, Nacho Fernández, Überflieger Lucas Vázquez und Ersatzkeeper Kiko Casilla verzeichnen 2016/17 zusammen bereits über 150 Pflichtspieleinsätze.

Das CIES Football Observatory zählte im vergangenen Herbst nach und identifizierte in den fünf großen europäischen Ligen 41 Spieler, die dem Nachwuchs Reals entstammten. Zum Vergleich: "La Masia", die legendäre Akademie des FC Barcelona, kam auf nur 37. Und auch in den ersten Mannschaften der beiden ewigen Rivalen ist eine Annäherung zu konstatieren. Das Ensemble der Barça-Asse hatte in der jüngeren Vergangenheit an nennenswertem Masia-Nachschub nur Sergi Roberto zu verzeichnen. Er ist 25.

In Madrid träumen sie derweil von einer Renaissance der späten Achtzigerjahre: Damals errang man fünf La-Liga-Titel in Folge mit selbst ausgebildeten Spielern wie Emilio Butragueño, Chendo, Manolo Sanchís, Ricardo Gallego, Míchel oder auch Rafael Martín Vázquez. Ihre Nachfolger heißen Federico Valverde, Achraf Hakimi, Daniel Gómez, Óscar Rodríguez, Fran García, Álex Martín und Sergio Díaz, gelten als goldene Versprechen auf die Zukunft, und messen sich am kommenden Freitag im Halbfinale der UEFA Youth League mit Benfica. Der bayerische Nachwuchs scheiterte wie immer in der Vorrunde.



insgesamt 38 Beiträge
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Papazaca 12.04.2017
1. Die Analyse stimmt, aber es braucht viel Geld und Zeit
Wenn man idealerweise die 11 weltbesten Spieler haben möchte, kommen die nicht unbedingt aus dem eigenen Nachwuchs. Und der eigene Nachwuchs kostet viel Zeit und Geld. Letztlich ist es natürlich der richtige Weg, aber man löst damit nicht sofort das Problem. Teilweise: ja, und man erzielt sicher auch interessante Transfererlöse, aber viele Topspieler "kauft" man mit Hilfe der Scoutingabteilung. Es ist wie im modernen Marketing: Der Zeithorizont der Verantwortlichen ist sehr kurz, um Erfolg zu "produzieren", oft nur 2 Jahre. Bei Guardiola waren es 3 Jahre. Und das "Danach" interessiert die nicht mehr. Guter Nachwuchs ist sicher wichtig, aber kein Allheilmittel für eine gute Mannschaft. Die Formel für den Erfolg ist eben komplex, sonst wäre es ja auch zu leicht.
Poco Loco 12.04.2017
2.
Nach dem gescheiterten 100 Millionentransfer von Gareth Bale kann man davon ausgehen, dass soviel Geld allemal besser in die Nachwuchsspieler investiert ist, als es regelmässig für überschätzte Stars auszugeben. Bei den Bayern sieht man derzeit wenig Nachwuchs, der es bis in die Stammelf schaffen könnte, mal abgesehen von Joshua Kimmich. Abgesehen davon hoffe ich nur, dass der FC Barcelona beim Rückspiel gg. Juve nicht schon wieder von Schiedsrichter Entscheidungen begünstigt wird, denn an Wunder glaubt auch beim FC Bayern keiner mehr. Ich hoffe das Barca bekommt was es schon vorher verdient hätte, nähmlich das Ausscheiden aus dem Wettbewerb 2016/17.
schwaebischehausfrau 12.04.2017
3. Nur zweitklassig...
Die schöne Story vom "best geführten Club" der Welt kriegt ziemlich große Kratzer, sobald es um die Nachwuchs-Arbeit geht. Diesbezüglich ist der FCB eher europäisches Schlußlicht. Seit mehr als 7 Jahren (Alaba 2010, Thomas . Müller 2009) hat es kein eigener Nachwuchs-Spieler mehr zum Stammspieler gebraucht beim FCB. Das ist schon eine Bankrotterklärung gemessen an den Ansprüchen des Vereins. Wenn man sich die aktuellen Jugend-Nationalmannschaften des DFB anschaut, dann sieht's nicht viel besser aus. Selbst ein Club mit so bescheidenen finanziellen Mitteln wie der 1. FC Kaiserslautern stellt dort mehr Spieler als der FC Bayern.
ödi 12.04.2017
4. Alaba?
David Alaba der eigenen Jugendarbeit zuzuordnen scheint mir auch etwas zu hoch gegriffen. Er wurde bei Austria Wien ausgebildet bis er 16 Jahre alt war. In der Jugend des FCB spielte er gerade mal 1 1/2 Jahre. Wird daraus dann schon ein "Eigengewächs"?
spon_2937981 12.04.2017
5.
Ein gutes Nachwuchszentrum erhöht sicher die Chance, dass gute Leute den Sprung ins erste Team schaffen. Eine Garantie ist es aber auch nicht. Talentierte Spieler wachsen nicht auf Bäumen, in keiner Stadt. Deshalb wird es einen immer schärferen Kampf um die größten Talente geben. Die Spanier haben einen exzellenten Zugriff auf die südamerikanischen Talente - und geringere Gefahren hinsichtlich Akklimatisierung. Wenn die Bayern nun das Real-Modell intensivieren (Talente holen, ausleihen, fertige Spieler zurück), ist es auch wieder keinem recht... Und so ein paar der Aussortierten Münchner machen sich bei ihren neuen Vereinen doch ganz gut.
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