Interesse an Frankreichs Nationalspieler Tchouaméni Reals Hundert-Millionen-Euro-Frustshopping

Mehr als hundert Millionen Euro hat Real Madrid als Handgeld für Kylian Mbappé angespart. Weil der aber in Paris bleibt, soll jetzt sein Landsmann Aurélien Tchouaméni aus Monaco kommen – und das Mittelfeld revolutionieren.
Von Florian Haupt, Barcelona
Aurélien Tchouaméni spielt bisher für die AS Monaco, soll bald aber für Real Madrid auflaufen

Aurélien Tchouaméni spielt bisher für die AS Monaco, soll bald aber für Real Madrid auflaufen

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Matthieu Mirville / IMAGO / ZUMA Wire

Der Mittwoch sollte bei Real Madrid ganz dem Mittelfeld gehören. Am späten Mittag vermeldete der Champions-League-Sieger die allseits erwartete Vertragsverlängerung von Luka Modrić, 36. Nur das zweite Kapitel lief vorerst nicht nach Drehbuch. Die ebenfalls erwartete Verpflichtung von Aurélien Tchouaméni, 22, zieht sich noch hin – der französische Nationalspieler soll während der jüngsten Länderspielreise nach Kroatien aber immerhin schon mal den Medizincheck absolviert haben.

Vergangenheit und Zukunft treffen sich zur gemeinsamen Gegenwart: So in etwa lautet die Idee. Doch wo Modrić seit jeher als unkompliziert in Vertragsangelegenheiten gilt, muss Real für Tchouaméni tief in die Tasche greifen. Rund hundert Millionen Euro Ablöse werden nach Medienberichten an die AS Monaco gehen.

Das ist viel Geld für einen, der dem breiten Fußballpublikum bisher so unbekannt ist, dass selbst die Madrider Sportmedien noch mit dem zugegebenermaßen schwierigen Namen hadern: Tchuameni, Touchameni – es gibt noch verschiedenste Schreibweisen. Im anvisierten Arbeitsvertrag dürfte er jedoch korrekt sein. Und wenn der Spieler dann auch seine Unterschrift setzt, dürfte die Erleichterung enorm sein.

Rache für die Mbappé-Saga

Schon wieder geisterte zuletzt nämlich Reals Trauma über den Markt: Paris Saint-Germain mischte sich just in den Deal mit ein, den die Spanier als Ersatz für die verpasste Verpflichtung von Kylian Mbappé vornehmen wollen. Für den Stürmerstar hatte Real einen dreistelligen Millionenbetrag allein als Handgeld zur Seite gelegt. Nachdem er dann aber doch in Paris verlängerte , wurden die Ressourcen frei für Tchouaméni.

Doch wie vorher schon Liverpool zeigte nun plötzlich auch PSG gehobenes Interesse. Damit ließen die Pariser auch deshalb in Madrid die Alarmglocken schrillen, weil PSG bereits 2017 den damals 18-jährigen Mbappé noch aus Monaco nach Paris umgeleitet hatte, als sich Real mit dem Klub schon handelseinig war. Bei Tchouaméni deutet zwar alles auf ein anderes Ende hin. Aber zumindest den Preis haben die Pariser, und sei es nur als Rache für die Mbappé-Saga, noch mal um etliche Millionen nach oben getrieben.

Für Real ist es schon der zweite Sommer mit Frustshopping. 2021 wurde nach einem »non« aus Paris zu einem 200-Millionen-Euro-Transferangebot für Mbappé eilig noch Eduardo Camavinga verpflichtet, ebenfalls ein junger französischer Mittelfeldspieler. Camavinga, 19, spielte zwar nicht viel, aber dann in aller Regel überzeugend; noch etwas ungestüm, aber stets belebend. Bei den Champions-League-Aufholjagden zu Hause gegen Paris, Chelsea und Manchester City stand er nie in der Startelf, aber bei allen acht Real-Toren in den Partien auf dem Platz, eingewechselt einmal für Modrić und zweimal für Toni Kroos.

Die Nachteile des Altmeister-Mittelfelds

Kroos, 32 und mit Vertrag noch bis 2023, Modrić und der Brasilianer Casemiro, 30, bilden ein etabliertes Weltklasse-Mittelfeld, das schon vor dem vierten gemeinsamen Champions-League-Sieg fest in die Geschichtsbücher des Fußballs gehörte. Ihr Spielmanagement im Finale gegen Liverpool zeugte von aller Erfahrung aus zusammen 98 Jahren. Aber die bringen auch Nachteile mit sich.

Mit den Altmeistern im Maschinenraum plus dem 34-jährigen Karim Benzema davor kann Real nicht so intensiv pressen wie im heutigen Spitzenfußball üblich. Die Mischung dieser Europacup-Saison aus Catenaccio und Epik wird aber nicht ewig so funktionieren. Sich nur auf Konter mit den Genialitäten Benzemas und dem Tempo des jungen Außenstürmers Vinícius zu verlassen, entspricht außerdem nicht dem Klubverständnis als Offensivmannschaft. »So tief zu stehen, ist nicht sehr ästhetisch«, räumte Trainer Carlo Ancelotti selbst während der Saison einmal ein.

Tchouaméni spielt auch für die französische Nationalelf: die Dynamik der Jugend

Tchouaméni spielt auch für die französische Nationalelf: die Dynamik der Jugend

Foto: FRANCK FIFE / AFP

Tchouaméni würde demgegenüber wie Camavinga und der Uruguayer Federico Valverde, 23, die Dynamik der Jugend einbringen – das Trio gilt jetzt als Real-Mittelfeld der Zukunft, wobei die Details des Übergangs den erprobten Händen Ancelottis überlassen werden.

Wer sein Faible für Senatoren kennt, muss kaum befürchten, dass die drei Etablierten Kroos, Modrić und Casemiro auf keine Spielzeit mehr kommen. Denkbar ist aber, dass man sie nicht mehr in der bekannten Regelmäßigkeit zusammen sehen wird.

Ein Bälleeroberer wie N'Golo Kanté

Die Analysten verorten Tchouaméni dieser Tage schon konkret auf der Planstelle Casemiros vor der Abwehr. »TchouaNgolo« nannten ihn manche Mitspieler in Monaco, weil er fast so viele Bälle erobert wie N'Golo Kanté. Doch der im nordfranzösischen Rouen geborene Sohn kamerunischer Eltern hat weitere Qualitäten. Seine Technik und Variation im Passspiel wirkt schon jetzt besser als die von Casemiro.

Der Brasilianer ist freilich vor allem ein taktisches Genie. Casemiros Instinkt für die gefährdeten Zonen im Defensivverbund, seine situative Einordnung in die Abwehrreihe als dritter Innenverteidiger und sein Gespür für die Zweikampfführung machen ihn seit Jahren unersetzlich. Keiner kennt den Job so gut wie er.

Toni Kroos (vorn) und Luka Modrić feierten Ende Mai den Gewinn der Champions League

Toni Kroos (vorn) und Luka Modrić feierten Ende Mai den Gewinn der Champions League

Foto: Matthias Hangst / Getty Images

Real spielt immer nur mit einem Mann vor der Abwehr. Die Doppelsechs, in der Tchouaméni in Monaco wie zuletzt in der französischen Nationalelf meist spielte, gilt in Madrid seit jeher als verpönt. Als alleiniger Abräumer muss sich ein Mittelfeldspieler jedoch quasi vervielfältigen können. Dem jungen Camavinga, der bei seinem Ex-Klub Rennes oft zentral defensiv agierte, gelang das bei den wenigen Proben in Madrid noch nicht. Und Tchouaméni? Wie seinem Landsmann blieben auch ihm gegebenenfalls die etwas offensiveren Halbpositionen von Kroos oder Modrić.

Real sucht noch einen Stürmer

Der Deutsche wird mindestens im mittleren Saisonteil schon deshalb nicht an Bedeutung verlieren, weil er aus der Nationalelf zurückgetreten ist. Außer ihm kann während der katarischen Winter-WM von Reals Schlüsselspielern nur David Alaba (nicht qualifiziert) ausruhen. Der polyvalente Österreicher dürfte in der neuen Idealformation für den frisch verpflichteten Antonio Rüdiger aus der Abwehrmitte weichen und den mäßig überzeugenden Ferland Mendy als Linksverteidiger ablösen. Gegebenenfalls könnte aber auch er als Sechser für Casemiro aushelfen.

Vorn wiederum wird noch ein Stürmer gesucht, die Rede ist von dem bei Manchester City nach den Einkäufen von Erling Haaland und Julián Álvarez überschüssigen Brasilianer Gabriel Jesus. Allerdings müsste dafür noch einer von drei Arbeitsplätzen für Nicht-EU-Ausländer freigeräumt werden, die momentan seine Landsleute Militão, Rodrygo und Vinícius belegen. Die angestrebte Einbürgerung von Vinícius stockt jedoch. Nur wenig läuft bei Real Madrid dieser Tage so verlässlich wie Siege im Europacup.

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