Real-Torwart Thibaut Courtois Madrids neuer Heiliger

Vor dem Champions-League-Halbfinale bei Ex-Klub Chelsea wird Thibaut Courtois als Wunderkeeper gefeiert. Er selbst sah das tendenziell schon immer so – musste allerdings manchen Sturm überstehen.
Von Florian Haupt, Barcelona
Thibaut Courtois: Mittlerweile wird er mit Real-Legende »San Iker«, Iker Casillas, verglichen

Thibaut Courtois: Mittlerweile wird er mit Real-Legende »San Iker«, Iker Casillas, verglichen

Foto: JAVIER SORIANO / AFP

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Neulich hat Thibaut Courtois ein Geschenk bekommen, und weil er nicht so der Typ für falsche Bescheidenheit ist, hat er es gleich mit aller Welt geteilt: ein Trikot von Football-Gott Tom Brady, persönlich gewidmet an »Thibaut, den besten Torhüter der Welt«.

Der Amerikaner Brady ist keine nennenswerte Instanz in Fußball-Fragen, sicher. Aber so ganz allein steht er mit seiner Meinung nicht, seit Courtois, 28, die internationale Prominenz reihenweise zur Verzweiflung bringt.

Im Viertelfinalrückspiel der Champions League erstickte der Keeper von Real Madrid den Keim einer Aufholjagd des FC Liverpool, als er gleich in der dritten Minute im Eins-zu-eins gegen Stürmerstar Mohamed Salah abwehrte. Und im Halbfinalhinspiel gegen Chelsea war kaum länger gespielt, als er Timo Werner aus fünf Metern mit einer sagenhaften Fußabwehr den Führungstreffer versagte. Wie zuvor Salah war Werner damit für den Rest des Abends als Goalgetter erledigt; auch deshalb geht Chelsea trotz dominanter Leistung nur mit einem 1:1 ins heutige Rückspiel.

»Ich hab nur den Fuß so rausgefahren«, sagte Courtois über den abgewehrten Werner-Schuss, und machte es noch mal vor.

Courtois, 1,99 Meter, kann in solchen Duellen seinen großen Körper noch größer machen und behält trotzdem eine bemerkenswerte Agilität. Inzwischen hat er dazu auch die Mentalität eines Ausnahmekeepers, die Nervenstärke und den Einschüchterungsfaktor. »Er ist im besten Moment seiner Karriere und noch mal eine Stufe über 2018«, findet Roberto Martínez, sein Nationaltrainer bei den Belgiern.

König in der Luft – mit 1,99 Meter Körpergröße kein Wunder

König in der Luft – mit 1,99 Meter Körpergröße kein Wunder

Foto: JOAQUIN CORCHERO / imago images/Cordon Press/Miguelez Sports

2018 war der Sommer, als er zum besten Keeper des WM-Turniers ernannt wurde. Courtois schien angekommen, wohin ihn seine fantastischen Anlagen seit Teenagertagen bei KRC Genk zu führen schienen. Bei Atlético Madrid (2011-2014) etablierte er sich früh als Rückhalt eines Meisters und Champions-League-Finalisten, seine Vintage-Eleganz mit klassischem Haar und schwarzen Handschuhen gaben ihm dabei auch ästhetisch Konturen. Bei Chelsea (2014-2018) machte er dann vielleicht keinen Schritt nach vorn, aber gewiss auch nichts verkehrt. Die Probleme kamen danach, mit dem Wechsel zu Real.

Das schwere Erbe von Navas

»Ich habe einen Tsunami überlebt« – so beschrieb er kürzlich selbst die schwierige Anfangszeit dort. Für ihn selbst mochte es ein Wunschtransfer sein: die Rückkehr nach Madrid bedeutete die zu seinen Kindern, deren Mutter ihn nicht zuletzt wegen seiner häufigen Affären verlassen hatte. Real-Präsident Florentino Pérez rieb sich die Hände: mit 35 Millionen Euro Ablöse war der WM-Star vergleichsweise günstig, weil er vor seinem letzten Vertragsjahr stand.

Doch ansonsten hatte niemand auf ihn gewartet. Das Tor gehörte dem bei Mannschaft und Publikum beliebten Keylor Navas, der darauf verweisen konnte, alle zwölf von ihm bestrittenen Champions-League-K.o.-Runden gewonnen zu haben. Courtois erschien demgegenüber als präsidiale Caprice, der den Trainern, weil jünger und vermarktbarer, aus klubpolitischen Gründen aufgedrückt wurde.

Ball im Tor: Die Anfangszeit von Courtois bei Real Madrid war hart

Ball im Tor: Die Anfangszeit von Courtois bei Real Madrid war hart

Foto: JOHANNES EISELE / AFP

Die Torwartdebatte nahm ihren Lauf: hier der Protegé und Neuankömmling, dort der verdiente und abservierte Altmeister. »Es gab einen schwierigen internen Wettbewerb«, erklärte Vater Thierry Courtois später und verglich Navas' Beharrlichkeit mit der generöseren Haltung von Torwartlegende Petr Čech in der gemeinsamen Zeit bei Chelsea: »Petr war ein großartiger Teamkollege, auf den Thibaut immer zählen konnte. Von Keylor lässt sich nicht dasselbe sagen.«

Nach einem Jahr verkaufte man Navas zu Paris Saint-Germain. Was die Fans davon hielten, taten sie bald kund: Während die bloße Namenserwähnung des abgegebenen Champions-League-Helden zu Ovationen bei der Mitgliederversammlung führte, wurde Courtois beim folgenden Heimspiel gegen Brügge ausgepfiffen. Seine schon in der ersten Saison nur durchwachsenen Leistungen verschlechterten sich weiter. Der Tsunami war komplett.

Er hat etwas Großmäuliges

Courtois ist ein Typ, der Zuspruch schätzt und dabei durchaus etwas narzisstisch erscheinen kann. Seine Interviews haben etwas erfrischend Offenes und reichen bis an die Grenzüberschreitung von Fußballer-Codes, etwa wenn er eigene Paraden als gut und entscheidend lobt. Bei aller Großmäuligkeit bleibt Courtois dabei in der Form stets kultiviert.

Es gehört auch zu seinem Glück, dass er im entscheidenden Moment den besten Fußballer-Versteher schlechthin zum Chef hatte, Zinédine Zidane. Der nach einer Auszeit zu Real zurückgekehrte Trainer wusste, was zu tun war. Als Courtois im Oktober 2019 bei einem Champions-League-Spiel in Istanbul endlich einmal seine Klasse zeigte, erhöhte er ihn auf der Pressekonferenz danach zum Retter und Helden des Abends. Es war der Turnaround.

Der Trainer hielt zu ihm und Courtois wurde immer selbstsicherer

Der Trainer hielt zu ihm und Courtois wurde immer selbstsicherer

Foto: Juan Manuel Serrano Arce / Getty Images

Seitdem wurde aus einem Teufelskreis eine Aufwärtsspirale: Elogen der Presse, gute Leistungen, noch mehr Elogen, noch bessere Leistungen. In derselben Saison wurde Courtois zum Meisterschaftsgaranten und in dieser Spielzeit hält er eine müde, verletzungsgeplagte Elf immer wieder im Rennen. Seit der Coronapause hat er in 44 Ligaspielen nur 28 Gegentore kassiert, von den letzten 22 Torschüssen hielt er 21.

Wo er in Spanien mittlerweile auf einer Stufe mit den lange etablierten Jan Oblak (Atlético) und Marc-André ter Stegen (Barcelona) gesehen wird, wo ihn klubnahe Medien mit ihrem seit »San Iker« Casillas höchsten Torwartheiligentitel als »San Thibaut« feiern – da hat die Keeperprobleme allenfalls noch sein Ex-Klub Chelsea.

2018 verpflichten die Londoner als Courtois-Nachfolger für 80 Millionen Euro Ablöse den jungen Kepa Arrizabalaga, der sich bald das Etikett des Pannentorwarts erwarb und mittlerweile vom 29-jährigen Fahrensmann Édouard Mendy verdrängt wurde. Vielleicht hätte sich auch Chelsea besser an Zidane gehalten: dem sollte Kepa im Winter 2018 für ein Viertel der Summe hingestellt werden. Zidane aber lehnte ab.

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