Real Madrid in der Krise Wenn die Sonne nicht mehr aufgeht

Ein unausgewogener Kader, ein wankender Trainer Zinédine Zidane und Niederlagen gegen Außenseiter: Vor dem Clásico gegen Barcelona zeigt Real Madrid, dass es nicht mehr zur europäischen Spitzenklasse gehört.
Von Florian Haupt, Barcelona
Real Madrids Torwart Thibaut Courtois (r.) nach einem Eigentor gegen Donezk in der Champions League

Real Madrids Torwart Thibaut Courtois (r.) nach einem Eigentor gegen Donezk in der Champions League

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JUAN MEDINA / REUTERS

Wie es seine Gewohnheit ist, ging Florentino Pérez auch nach dem Champions-League-Auftakt gegen Schachtjor Donezk in die Kabine. Allein, es soll nicht den üblichen Small Talk gegeben haben. Keine Analysen, keine Erklärungen, keine Aufmunterungen. Es soll überhaupt nicht gesprochen worden sein. Angefangen beim Präsidenten stand Real Madrid nach dem 2:3 (0:3) unter Schock.

Von einem "Skandal" schrieb das Hofblatt "Marca" auf seiner Website schon, da war nicht mal die erste Halbzeit vorbei. Gemeint waren jedoch keine rüden Fouls des Gegners oder strittige Schiedsrichterentscheidungen, sondern die eigene Mannschaft. Real lieferte besonders in den ersten 45 Minuten (Stand: 0:3) eine Vorstellung, die, so "As", direkt "ins Horrorkabinett von 118 Jahren Klubgeschichte" wanderte.

Erschwerende Beweisumstände für die Chronisten: Zum einen hatte Schachtjor acht Corona-Ausfälle zu beklagen, trat teilweise mit Teenagern und quasi ohne Ersatzbank an. Zum anderen war Madrid vor sich selbst gewarnt. Bereits am Samstag hatte man beim 0:1 gegen den Aufsteiger Cádiz an gleicher Stelle im heimischen Zweitstadion eine Leistung abgeliefert, für die es, wie Trainer Zinédine Zidane sagte, "keine Entschuldigung gab".

Es fehlte alles: Bewegung, Intensität, Koordination

Nun lernten die (TV-)Zuschauer: Es geht noch schlechter. Schachtjor holte die Tore nach, die Cádiz liegen gelassen hatte, und vergab drei weitere Chancen allein vor Thibaut Courtois. Besonders in der ersten Halbzeit fehlte Real alles: Bewegung, Intensität, Koordination. "Da waren wir nicht auf Höhe dieses Wettbewerbs", sagte Luka Modric.

Durch seinen Kunstschuss und eine Überrumpelungsaktion des eingewechselten Vinícius gelangen in der zweiten Halbzeit zwar schnelle Anschlusstreffer, doch weitere Torchancen gab es praktisch nicht. Schachtjor konnte sich immer wieder organisieren. Viel zu langsam läuft der Ball derzeit bei Real Madrid. Aber: Das im Vergleich zur europäischen Spitze gemächliche Spieltempo ist keine Nachricht mehr. Real ist herausgefallen aus der Extraklasse.

Die Lektion, die Zidane dem Team nach 17 und 19 Punkten Rückstand in den Saisons 2017/18 und 2018/19 eingebimst hatte, lautete: Wir sind nicht mehr so besonders, um uns weniger Intensität als die anderen leisten zu können. Auf Basis der besten Defensive Europas erackerte sich Real nach der Corona-Pause die spanische Meisterschaft. Aber die Botschaft scheint verloren gegangen. Die Leiden des Weltmeisters Raphaël Varane, der mit einem Eigentor nahtlos an seine Fehler beim letzten Achtelfinal-Aus in Manchester anknüpfte, illustrieren einen Spannungsabfall, der gegen Donezk durch den Ausfall des verletzten Antreibers Sergio Ramos noch verstärkt wurde.

"Die Mannschaft hat nicht so gespielt, wie ich das wollte, und wenn das passiert, hast du (der Trainer, d. Red.) die Schuld", sagte Zidane nach Spielschluss. Mehr als alles andere fehle Selbstvertrauen: "Ich sehe mich in der Lage, das zu regeln." Zidane verordnete positives Denken. "Heute ist alles grau, morgen geht die Sonne wieder auf."

Schlechte Personalpolitik

Der Trainer muss einerseits strukturelle Mängel verwalten. Reals Kader ist fatal unausgewogen. Die meisten Leistungsträger sind über 30, die meisten Nachrücker erst Anfang 20. Eine Einkaufsoffensive von über 300 Millionen Euro in der Vorsaison verpuffte, Mittelstürmer Luka Jovic (60 Mio.) wirkte auch gegen Donezk wieder, als wäre er lieber an jedem anderen Ort der Welt. Und Zidanes Wunschtransfer Eden Hazard (100 Millionen Euro plus Boni) ist so permanent verletzt, dass schon keiner mehr weiß, was er eigentlich hat.

Diesen Sommer nun investierte Real keinen Cent in Spieler, denn zur Coronakrise kommen die Kosten des Umbaus des Estadio Santiago Bernabéu. Ursprünglich sollte er bei laufendem Spielbetrieb erfolgen. Aber weil ja derzeit eh keine Fans zugelassen sind, spielt man in der Zweitarena. So geht es schneller voran.

Bis 2022 soll das neue Bernabéu fertig sein, und wenn die Welt bis dahin wieder normal ist, wird Real seine Zuschauereinnahmen potenzieren können. Dann soll auch - mindestens - Kylian Mbappé mit an Bord sein, dessen Vertrag in Paris 2022 ausläuft. Pérez setzt alles auf die mittelfristige Zukunft. Womöglich auch, wie mancher Insider orakelt, weil er für Zidane lieber kein Geld mehr ausgeben will.

Trainer mit hängendem Kopf: Zinédine Zidane nach dem 2:3 gegen Donezk

Trainer mit hängendem Kopf: Zinédine Zidane nach dem 2:3 gegen Donezk

Foto: Indira / imago images/ZUMA Wire

Der Meistertrainer gilt im Klub, vorsichtig gesagt, als wählerisch. Dass von allen 2019er-Einkäufen, die Zidane zu einem Großteil mitbestimmt hat, nur Außenverteidiger Ferland Mendy einen Stammplatz hat, mag unglücklich gelaufen sein. Dass er mit dem schrulligen Gareth Bale nie auf eine Wellenlänge kam, irgendwo nachvollziehbar. Doch das Zerwürfnis mit James Rodríguez versteht man schon weniger. Bale und James kosteten einst zusammen 180 Millionen Euro, jetzt musste sie der Verein nach England verschenken. Für Bale zahlt er sogar noch das halbe Gehalt.

Und warum Zidane auch vielversprechende Jungnationalspieler wie Dani Ceballos und Sergio Reguilón in die Premier League abschob, erscheint endgültig mysteriös. 

Zidanes Veteranentreue und Sorglosigkeit

Zidane irritiert mit seiner Veteranentreue zu Profis wie Linksverteidiger Marcelo, dem er am Mittwoch quasi ein Denkmal setzte: "Mir tut es leid für die Spieler, sie verdienen das nicht, sie haben mir viele Titel gewonnen", sagte Zidane. Außerdem mit seiner scheinbar wahllosen Rotation von Talenten wie Rodrygo oder Jovic, die mal wochenlang gar nicht vorkommen und dann plötzlich wie gegen Donezk in wichtigen Partien von Beginn an. Dazu kommt eine gewisse Sorglosigkeit. Trotz der heiklen Ausgangslage mit dem Offenbarungseid gegen Cádiz, einer anspruchsvollen Champions-League-Gruppe (Inter, Mönchengladbach) und dem Ausfall von Ramos schonte er gegen Donezk zunächst seine einzigen scharfen Angriffswaffen, Karim Benzema und Vinícius. Dabei mussten genau diese beiden ausgeruht sein, sie hatten im jüngsten Länderspielfenster nicht gespielt.

Nun steht am Samstag der Clásico beim FC Barcelona an (16.15 Uhr/Stream: DAZN). Zidane ist nicht Julen Lopetegui, der vor zwei Jahren eine ähnliche Krisensituation mit einem 1:5 beim Erzrivalen garnierte und hochkant gefeuert wurde. Zidane ist Vereinspatrimonium, der Trainer von drei Champions-League-Siegen. Doch in der aktuellen Lage ist selbst er angezählt. Klubkenner legen die Hand nicht mehr für ihn ins Feuer. "Marca" sieht eine "Dynamik" am Werk, "die Zidane am Ende mit sich reißen wird".

Von Barcelona geht es am Dienstag weiter nach Mönchengladbach in der Champions League. In den letzten zwei Jahren hat Real fast so viele Spiele in der Königsklasse verloren (sieben) wie gewonnen (acht). Wo sonst die Liebesbeziehung zum Europacup beschworen wird, sind die Erwartungen jetzt auf dem Nullpunkt. "Auf in die Europa League", titelt ein "As"-Kolumnist sarkastisch.

Und übrigens: Am Tag nach Donezk war in Madrid die Sonne nicht zu sehen. Es regnete.