Real Madrid in der Krise Wut auf Zidane

Testdebakel gegen Atlético, Posse um Gareth Bale - bei Real Madrid herrscht schon vor der Saison Krisenstimmung. Der Frust entlädt sich über den Trainer, der eben noch als Heilsbringer galt: Zinédine Zidane.

Real-Trainer Zinédine Zidane: Die Krise war nie weg
Johannes Eisele/ AFP

Real-Trainer Zinédine Zidane: Die Krise war nie weg

Von Florian Haupt, Barcelona


Vor einem Besuch von Real Madrid in München gab es mal ein Zitat von Karl-Heinz Rummenigge, das der Presse viel Spaß gemacht hat. Zum Halbfinal-Rückspiel der Champions League 2014 kündigte Bayerns Vorstandsvorsitzender an, in der Arena werde "der Baum brennen". Die in Spanien unbekannte Metapher sorgte tagelang für heitere Wortspiele - vor allem, als Real den Titelverteidiger dann 4:0 demontierte.

Die Partie gilt im Nachhinein als Beginn des besten Zyklus der zeitgenössischen Klubgeschichte. Vier der nächsten fünf Champions-League-Titel sollten die Madrilenen gewinnen. Erst als Assistent, dann als Chef stets mit von der Partie war Zinédine Zidane, und der Trainer scheint sich in die Idee zu verrannt zu haben, dass die goldenen Tage dieser Generation noch nicht vorbei sein müssen. Dass es also keinen neuen Zyklus braucht. Sondern allenfalls ein paar neue Akzente.

Zum erneuten Auftritt in München beim Audi Cup mit dem Halbfinale am Abend gegen Tottenham Hotspur (18 Uhr; TV: ZDF; um 20.30 Uhr spielt der FC Bayern gegen Fenerbahce) hat diese Idee einen heißen Sommer heraufbeschworen. Diesmal brennt wirklich der Baum. Allerdings bei Real.

Nur ein Drittel der Fans hält Zidane für den idealen Trainer

Nach einem 3:7 (0:5) gegen den Stadtrivalen Atlético als Tiefpunkt einer gruseligen USA-Tournee entlud sich der Frust über Zidanes Umbruchverweigerung in wütenden Philippiken. Vormalige Bewunderer attackieren die Vereinsikone persönlich, Hofreporter berichten von Warnschüssen aus dem Präsidium, nur noch ein Drittel der Fans hält ihn für den idealen Trainer. Ein Einladungsturnier wie in München wird plötzlich zur "Frage des Stolzes" ("Marca"), zur Therapiestunde für einen Klub "auf der Couch" ("As"), gar zum "Endspiel für Zidane" ("Mundo Deportivo").

Die Krise fühlt sich schon jetzt so heftig an, weil sie nie weg war. Im März brach Zidane sein Sabbatical ab, weil Real in ihr zu versinken drohte. Seither sind Spiele wie Ergebnisse nur noch schlechter geworden. Zidanes Punkteschnitt (1,55 Punkte pro Partie) lag unter dem seines Vorgängers Santiago Solari (2,00).

Während Zidane sich in einem Privatkrieg mit Gareth Bale verzettelte ("Je eher er geht, desto besser"), hat er andere Altstars wieder mit Privilegien ausgestattet. Falsche Nostalgie?

Die Parolen haben sich abgenutzt

Zum einen ist kein Cristiano Ronaldo mehr da, und es stellt sich angesichts von 17, 16, zwölf und 15 Champions-League-Toren in den vier Titeljahren die Frage, wie viele es ohne ihn gegeben hätte. Zum anderen sind die Spieler nun mal älter geworden: Sergio Ramos ist 33, Marcelo 31, Luka Modric 33, Karim Benzema 31. Nicht viel frischer wirken Toni Kroos, 29, Isco, 27, Raphaël Varane, 26 oder Dani Carvajal, 27.

Klar, "so darf man nicht verlieren": das fand auch Kapitän Ramos nach dem Atlético-Debakel. Aber die Parolen haben sich abgenutzt wie elterliche Drohungen - sie blieben schon zu oft folgenlos. Apathie und Agonie verstricken sich, der Kopf lähmt die Beine, die Beine den Kopf. Derweil leiden Reals Talente unter der starren Hierarchie.

Bei seiner Rückkehr kündigte Zidane "Veränderungen" an. Er schien sich selbst beweisen zu wollen, dass er nicht nur ein fertiges Team managen, sondern auch ein neues aufbauen kann. Die alles beherrschende Frage in Madrid ist, wo dieser Ehrgeiz geblieben ist, denn Zidane nahm nicht mal die Verjüngungsansätze von Vorgänger Santiago Solari auf. Die betreffenden Spieler ließ er verkaufen (Marcos Llorente an Atlético), verleihen (Sergio Reguilón an Sevilla, Dani Ceballos an Arsenal) oder entfernte sie von ihrer Position wie Linksaußen Vinícius, der seinen Platz für Eden Hazard räumen musste - den einzigen Neueinkauf, den Zidane bisher in der Stammelf sieht.

200 Millionen Euro für Ersatzspieler und Talente

Es gibt einen zweiten Profi, den Zidane unbedingt verlangte und der bei ihm den Rang eines Heilsbringers einzunehmen scheint: Paul Pogba. Doch weil Real schon 300 Millionen Euro ausgegeben hat (davon 200 Millionen für Ersatzspieler und Talente), stocken die Abwerbungsversuche bei Manchester United derzeit. Laut einer "Marca"-Umfrage würden 60 Prozent der Anhänger den Transfer begrüßen. Gleichzeitig bezweifeln 92 Prozent, dass Reals Probleme damit behoben wären.

Deren größtes unter vielen betrifft seit Langem das defensive Umschalten. Nun steht nach dem Llorente-Verkauf mit Casemiro nur noch ein Abräumer im Kader. In den USA fehlte der Brasilianer, das Ergebnis hätten auch zehn oder zwölf Atlético-Tore sein können. Pogba jedoch personifiziert Anarchie. Er kann mit seiner Dynamik und Torgefahr auf vielen Gebieten weiterhelfen. Aber nicht auf dem der Stabilität.

Realistisch liegt die größte Hoffnung damit wohl auf Grégory Dupont. Der Mann ist Fitnesstrainer, Zidane hat ihn von der französischen Weltmeisterelf abgeworben. Hat er den Kraftaufbau richtig getimt, kommt bei den Altmeistern die Physis zurück, und damit auch der Glauben und vielleicht noch etwas Wut über das eigene Phlegma und die bösen Kritiken - dann, ja dann könnte Zidane vielleicht doch recht behalten. "Ich bin mir sicher, dass diese Mannschaft gute Sachen machen wird", sagte er zuletzt und fügte hinzu: "Wir werden das bald sehen." Vor den Spielen in München ist die Lage so angespannt, dass bald lieber jetzt sein sollte.



insgesamt 19 Beiträge
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Francesca F. 30.07.2019
1. einer wie Pep..
maßlos überschätzt! Wenn es mal eng wird kommt nichts. Taktische Fehleinschätzungen, Unflexibilität. Mit dieser zusammengekauften Truppe isses aber auch schwierig...zugegeben. Da lobe ich mir Kovac oder Streich oder Bosz.
golfstrom1 30.07.2019
2. Real
Real Madrid erleidet das gleiche Schicksal wie viele frühere sehr erfolgreiche Teams. Das Team ist satt nach den Riesenerfolgen unter Zidane. Zidane hat ja nicht nur die Championsleague mehrmals gewonnen, sondern dieses Team wurde auch spanischer Meister. Hier wird nur ein Komplettaufbau einer neuen Elf helfen. Von Spielern wie Modric, Ramos, Marcelo oder auch Kroos sollte man sich rigoros trennen und um Eden Hazard einen Neuaufbau starten. Dann sollte man etwas Geduld mitbringen und auch mal zwei bis drei weniger erfolgreiche Jahre in Kauf nehmen für den Neuaufbau. Ansonsten droht Real zur Witznummer in Europas Spitzenfussball zu werben und, ähnlich wie ManU derzeit, jahrelang seinen Ansprüchen hinterhecheln mit unzähligen Trainerentlassungen.
LuPy2 30.07.2019
3. Dieser Trainer
hat bereits geliefert, wie niemand sonst. Ich denke, dass man ihn bei Real geholt hat und er sich nicht aufgedrängt hat. 300 Mio bereits ausgegeben, doch Zidane hat bisher nur einen Spieler geholt. Der Club macht offenbar Dinge an Zidane vorbei. Ich wünsche Real Madrid den absoluten Abstieg in die Bedeutungslosigkeit, auf dass ihre Überheblichkeit weiche.
hackmackenreuther 30.07.2019
4. einen wie Pep
gibt es nicht nochmal...
mostly_harmless 30.07.2019
5.
Zitat von Francesca F.maßlos überschätzt! Wenn es mal eng wird kommt nichts. Taktische Fehleinschätzungen, Unflexibilität. Mit dieser zusammengekauften Truppe isses aber auch schwierig...zugegeben. Da lobe ich mir Kovac oder Streich oder Bosz.
Stimmt natürlich, der Mann hat keine Ahnung. War nur einer der besten Spieler aller Zeiten und hat 3x hintereinander die CL gewonnen. Wenn das keine Beweise für seine grenzenlose Ahnungslosigkeit sind, weiss ichs auch nicht. Wohingegen Bosz immerhin genau 1 Spielidee hat (üblicherweise Hurrafussball genannt), an der - egal wie die Situation ist - nichts geändert wird. Und die gigantische Anzahl von NULL Titeln und einem Komplettversagen bei Dortmund vorzuweisen hat.
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