Real-Stürmer Benzema Der Suchende

Das Image von Skandalprofi Karim Benzema ist so schlecht wie nie. Auf dem Platz ist ihm davon aber nichts anzumerken - der Angreifer von Real Madrid ist in der Form seines Lebens.

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Bei Spielen von Real Madrid ist auf dem Fußballplatz wohl niemand so einsam wie Karim Benzema. Der Stürmer läuft dorthin, wo sonst niemand ist: weg von seinen Teamkollegen, weg von den Verteidigern, hinein in die Isolation. Benzema, 28, tut das, damit seine Mitspieler Freiräume erhalten. Und trotzdem schießt er regelmäßig Tore. Diese Mischung macht den Franzosen zu einem der besten Mittelstürmer der Welt.

Abseits des Fußballplatzes ist jedoch kaum jemand so umstritten wie Benzema. Seine Skandal-Liste ist lang: 2010 sorgte er gemeinsam mit Bayerns Franck Ribéry für Schlagzeilen, als er die Dienste einer minderjährigen Prostituierten in Anspruch nahm, später wurde er von der Polizei gestoppt, nachdem er mit 216 Stundenkilometern durch eine Tempo-100-Zone gerast war. Es folgte jüngst der Skandal um eine mögliche Verwicklung in die Erpressung seines Nationalmannschaftskollegen Mathieu Valbuena samt Verbannung aus der Équipe Tricolore.

Es ist, als gäbe es Karim Benzema zweimal. Auf dem Platz agiert er vorausschauend und intelligent, daneben eher nicht. Beide Benzemas scheinen ständig auf der Suche nach dem richtigen Weg, doch nur einer findet ihn.

Es ist bemerkenswert, wie wenig ihn die Schlagzeilen auf dem Rasen zu beeinträchtigen scheinen. Denn dort befindet er sich in der Form seines Lebens. Wenn Madrid am Samstag im Clásico gegen den FC Barcelona um Punkte kämpft (20.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE), wird der Erfolg auch von dem Franzosen abhängen.

Samariter unter Superstars

Es ist seine siebte Saison in Madrid, aus dem aktuellen Kader sind nur Sergio Ramos, Marcelo und Pepe länger bei Real. Und es ist Benzemas mit Abstand beste Saison: 24 Pflichtspieltore hat er bislang erzielt, im Schnitt schießt er pro 90 Minuten 1,13 Tore und damit mehr als Gareth Bale (0,9/90 Minuten) und sogar Cristiano Ronaldo (1,08/90).

Benzema ist der Samariter in einer Offensivreihe voller Superstars. Ein Stürmer, der auch dann lächelt, wenn er einen Schuss auflegt, statt selbst abzuziehen. "Viele bewerten mich anhand der Zahl meiner Tore, für mich ist auch die Art und Weise, wie ich spiele, sehr wichtig", sagte er einst.

Die Partie gegen Sevilla (4:0) am vergangenen Spieltag in der Primera División ist beispielhaft. Sobald Real den gegnerischen Strafraum anvisiert, blickt sich Benzema um. Der Franzose sucht Ronaldo, er schaut, welchen Raum der Superstar ansteuert und wo sich ihm mögliche Gegner in den Weg stellen. Dann justiert Benzema den eigenen Laufweg neu. Sein Ziel ist es, die Abwehrspieler mit sich zu ziehen und damit Räume für Ronaldo zu öffnen.

Die 17. Minute, Mittelstürmer Benzema klebt an der linken Außenlinie. Er balanciert einen Lauf von Ronaldo aus, der seine ursprüngliche Position verlassen hat, weil es ihn in die Mitte zog. Es ist Benzemas Bewegung zu verdanken, dass sich die gegnerische Defensive nicht einfach zusammenziehen und auf den Ball stürzen kann.

"Zidane ist der Schlüssel"

Der Ball landet bei Benzema. Der Angreifer sieht sich drei Verteidigern gegenüber, die Situation scheint aussichtslos. Dann dribbelt er los, direkt hinein in den Gegnerpulk, sofort ist Benzema umringt von Abwehrbeinen. Als Sevillas Profis alles um sich herum vergessen und sich nur noch auf Benzema und den Ball konzentrieren, streichelt der Franzose ihn ansatzlos durch sie alle hindurch in den Lauf von Mitspieler Marcelo. Ein Tor resultiert daraus nicht. Trotzdem verdeutlicht die Szene, was für ein Fußballer Karim Benzema ist: selbstlos und mutig, technisch stark und wuchtig, und spielintelligent genug, um all dies zu veredeln. Ein Mann fürs Grobe und Feine zugleich.

Seine Top-Form ist kein Zufall. "Zinédine Zidane ist der Schlüssel zu meinem Erfolg", hat Benzema einmal gesagt. Das war 2014, Zidane assistierte damals Ex-Real-Trainer Carlo Ancelotti. Seit der ehemalige Weltfußballer selbst Chefcoach der Madrilenen geworden ist, hat Benzema seine Trefferquote nach oben geschraubt, allein in den ersten fünf Ligaspielen unter Zidane schoss er sieben Tore.

Doch Zidane und allem Talent zum Trotz bangt der Stürmer um die Teilnahme an der Heim-EM im Sommer. Der französische Verband will bis Mitte April darüber entscheiden, ob Benzema nach seiner Suspendierung im Zuge des Falls Valbuena begnadigt wird. Das schien nach Bekanntwerden der Details in der Angelegenheit undenkbar. Weil es einen Stürmer wie ihn in Frankreich kein zweites Mal gibt, ist Benzemas Rückkehr ins Nationalteam weiter möglich. Mit ihm dürften die Chancen auf den Titel steigen. Es ist möglich, als dass auch dieser Skandal dem Fußballer Karim Benzema nicht weiter schaden wird.

insgesamt 2 Beiträge
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BSC 02.04.2016
1. Nein
Es muss beim Nein der Nationalmannschaft zu Benzema bleiben, egal, wie gut er drauf ist. Er hat so viele rote Linien überschritten, da gibt es kein zurück.
zeisig 02.04.2016
2. Aber, aber !
Zitat von BSCEs muss beim Nein der Nationalmannschaft zu Benzema bleiben, egal, wie gut er drauf ist. Er hat so viele rote Linien überschritten, da gibt es kein zurück.
Man muß ja nicht gleich Gott spielen. Lassen Sie das mal die Franzosen selbst entscheiden.
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