Machtkampf bei Real Madrid Punktsieg für Gladiator Ramos

Florentino Pérez wollte Real-Kapitän Sergio Ramos "rausschmeißen". Das hat sich der Klub-Präsident nochmal überlegt, denn - anders als bei vielen deutschen Fans - ist Ramos in Madrid beliebt und anerkannt.

Sergio Ramos
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Sergio Ramos

Von Florian Haupt, Barcelona


In Deutschland hat Sergio Ramos einen Ruf als unfaires Raubein. In Madrid gilt er als geborener Leader, und als solcher hat er ein untrügliches Gespür für die Erfordernisse des Augenblicks. Meistens jedenfalls. Der Kapitän von Real Madrid hatte seine Mitspieler zwei Tage nach dem Aus in der Champions League um sich versammelt und den zweiten Liga-Platz als neues Saisonziel des in allen Wettbewerben gescheiterten Klubs ausgegeben: "Wer dafür nicht alles gibt, kann abhauen."

Der Appell landete schnell in den Medien. Real Madrid ist auch deshalb so groß, weil seine Krisen so groß sind - und so transparent. Das geneigte Publikum weiß deshalb inzwischen auch, dass Ramos und Präsident Florentino Pérez, der den Klub wie ein römischer Kaiser führt, nach dem 1:4 gegen Ajax Amsterdam in der Spielerkabine aneinandergerieten. Laut der Sportzeitung "As" erhob Gladiator Ramos das Wort, als Pérez während einer Standpauke bei der "beschämenden" Arbeitseinstellung der Mannschaft angekommen war. "Beschämend" sei vielmehr die Kaderplanung gewesen, so der Kapitän.

Fan mit einem Ramos-Banner
Getty Images

Fan mit einem Ramos-Banner

Pérez reagierte erbost: "Ich schmeiß' dich raus." Ramos steckte nicht zurück: "Zahl' mich aus, und ich bin weg." Er würde dann erhobenen Hauptes gehen, fügte der Kapitän hinzu, denn: "Ich habe den Kopf hingehalten für dieses Wappen, diesen Klub und sogar für dich."

Die Anspielung war deutlich. Ohne Ramos' Kopfballtor in der Nachspielzeit des Champions-League-Finals 2014 gegen Atlético Madrid kein Titel in jener Saison. Kein Beginn des epochalen Zyklus von vier Europapokalen in fünf Jahren, der Pérez fast auf die Stufe der Epoche seines großen Vorbilds Santiago Bernabéu hob, dem Präsidenten des "Weißen Balletts" und Schöpfer des modernen Reals.

Es ist nicht der erste Machtkampf

Manche Analysten sahen in Ramos' Verhalten eine unbotmäßige Aufmüpfigkeit. Zumindest heimlich imponiert jedoch den meisten - und der Mannschaft sowieso - sein Mut, dem Präsidenten die Wahrheiten ins Gesicht zu sagen, die sich ihm sonst keiner zu sagen traut. Inhaltlich hat Ramos angesichts des fatalen, ersatzlosen Verkaufs von Cristiano Ronaldo die Mehrheit sowieso auf seiner Seite: 70 Prozent von 63.000 Fans bei einer Abstimmung in "As".

Es ist nicht der erste Machtkampf zwischen Klubchef und Kapitän in dieser Saison. Als die Entlassung von Trainer Julen Lopetegui nach einem 1:5 in Barcelona nur noch eine Frage von Stunden war und Insider schon Antonio Conte als fixen Nachfolger vermeldeten, wurde Ramos in den Katakomben des Camp Nou nach der Personalie befragt. "Respekt erzwingt man nicht", erwiderte er. "Man gewinnt ihn. Ihr wisst alle, mit was für Trainertypen wir Erfolg hatten." Das reichte, um die Option des Italieners abzuschießen. Conte gilt als harter Hund, doch als ihm Ramos' Worte zugetragen wurden, beschlichen ihn Zweifel. Er verlangte weitere Zusicherungen, die Verhandlungen scheiterten. Neuer Trainer wurde der sanftere Santiago Solari.

Real-Präsident Florentino Pérez
REUTERS

Real-Präsident Florentino Pérez

Nun lässt Pérez drohend die Keule José Mourinho über dem Bernabéu kreisen. Der Archetyp eines Trainers, der über Autorität und Reibung kommt. Ein rotes Tuch für Ramos, dessen Verhältnis zu Mourinho am Ende von dessen erster Madrider Zeit (2010-2013) völlig zerrüttet war. Wie ernst es Pérez mit Mourinho meint, wird man in den nächsten Tagen sehen. Seine Kamarilla rät ihm eher ab, zu groß ist das Risiko neuerlicher Gräben und Verwerfungen.

Den 32-jährigen Abwehrchef und den seit diesem Freitag 72-jährigen Präsidenten verbindet eine Erfolgsgeschichte. Das hat nicht zuletzt damit zu tun, dass Ramos von Pérez verpflichtet wurde; nicht wie der langjährige Torhüter Iker Casillas, der schon da war, als Pérez seine erste Amtszeit begann (2000 - 2006), oder Ronaldo, der gerade neu verpflichtet war, als er 2009 zum zweiten Mal einstieg. Doch das spielt beim sendungsbewussten Pérez sehr wohl eine Rolle. 2005 kaufte er den damals 19-jährigen Ramos für 27 Millionen Euro vom FC Sevilla. 603 Spiele, 84 Tore und 25 Platzverweise später weiß man: Es war Pérez' bester Transfer.

So ist er halt, der Sergio

Aber: "Als Kapitän weiß man manchmal zu viel", klagte Ramos im vergangenen Sommer, als er bei Reals Abwerbungsposse um Nationaltrainer Lopetegui zwischen allen Stühlen saß. Damals wurde ihm allerdings auch Machtmissbrauch vorgeworfen, weil er den Verband angeblich vom direkten Rauswurf Lopeteguis abhalten wollte. Letztlich ging er für die Fans jedoch auch aus dieser Episode unbeschadet hervor. Zu unzweifelhaft sind seine Loyalität, die Bereitschaft, zur Not den Bad Boy zu geben, nach Pleiten in Interviews seinen Mann zu stehen oder fast jeden Elfmeter in der Panenka-Variante zu lupfen.

Sogar das eigentlich Unverzeihliche scheint ihm leicht verziehen worden zu sein: die absichtlich und überheblich provozierte Gelbe Karte aus dem Hinspiel von Amsterdam, die zu einer Sperre im Rückspiel führte. Die Uefa sperrte ihn nach seinem Bekenntnis noch ein weiteres Spiel, und Ramos rundete die Groteske ab, indem er sich während des Debakels gegen Ajax für eine Amazon-Dokumentation in seiner Stadionloge filmen ließ. Doch die Kritik der sonst so hysterischen Berichterstattung hielt sich an diesem Punkt in Grenzen: so ist er halt, der Sergio.

Bei einer der weiteren Umfragen wollte "Marca" wissen, welche Spieler die Fans kommende Saison noch bei Real sehen wollen. Unter dem Strich von 50 Prozent Zustimmungsrate beispielsweise: Karim Benzema, Toni Kroos, Marcelo und - mit nur acht Prozent Befürwortern - Gareth Bale. Locker drüber: Sergio Ramos mit 76 Prozent.

Kaiser Pérez schaut genau auf solche Stimmungsbarometer, er fürchtet das Volk auf den Tribünen seines Kolosseums. Und er weiß: Nach Ronaldo auch Ramos zu vergrätzen, kann er sich in der gegenwärtigen Lage nicht erlauben. Und so sollen sich die beiden schon wieder halbwegs angenähert haben. Eine SMS von Ramos, ein Rückruf von Pérez, und die Verabredung zu einem klärenden Gespräch - es ist eine Hassliebe, und zu der gehörte immer auch die Versöhnung. Bisher jedenfalls.

insgesamt 5 Beiträge
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kodu 09.03.2019
1. Die meisten seiner Kritiker wären wohl froh...
...wenn sie einen solchen Eisenfuß in ihrer Mannschaft hätten. Ich habe ihn schon bewundert, als er noch mit langen Haaren, die Außenbahn hoch und runter hetzte. Ein großer Verteidiger...wenn auch gelegentlich auf der Rasierklinge wandelnd...
recep.devecioglu 09.03.2019
2.
Es war ein Fehler gewesen Ronaldo gehen zu lassen. Real hat seine Identität verloren mit diesen Abgang. Wenn man jetzt noch Ramos verärgert, dann wird der Schaden noch viel schlimmer. Dieser Club braucht eine neuen hungrigen Trainer z.B. Pochettino.
Pudi 09.03.2019
3.
Zitat von recep.deveciogluEs war ein Fehler gewesen Ronaldo gehen zu lassen. Real hat seine Identität verloren mit diesen Abgang. Wenn man jetzt noch Ramos verärgert, dann wird der Schaden noch viel schlimmer. Dieser Club braucht eine neuen hungrigen Trainer z.B. Pochettino.
Igendwann muss man aber solch eine Entscheidung treffen. Auch Barca steht diese noch bevor mit Messi. Ein Umbruch nach 3 CL Erfolgen in Serie ist kein schlechter Zeitpunkt. Und 100 Mio für einen 32-jähigen zu kassieren ist nun auch nicht das schlechteste. Der Fehler war, dass man meinte ohne namhaften Ersatz die Lücke zu stopfen. Und damit hat Ramos recht, wenn er die Kaderplanung anprangert. Mit CR7 hat Real sicherlich eine Torgarantie verloren, aber bestimmt nicht seine Identität. Der unagefochtene Leader und Identifikationsfigur bei Real war und ist Ramos. Vor dem hat auch ein CR7 das Knie gebeugt. Und das er sich in solch einer Situation vor die Mannschaft stellt und sich mit dem allmächtigen Präsidenten anlegt, zeigt was für eine Type Ramos auch neben dem Platz ist. Nur mit solchen Männern ist es möglich das zu erreichen, was Real in den letzten Jahren gelungen ist. Und das sage ich als Barca-Anhänger.
bcpt8 09.03.2019
4.
Sicher der Prototyp des Spielers, den man vor allem wegen seiner physischen Kompromisslosigkeit schon im Hinblick auf Unversehrtheit lieber im eigenen Team statt beim Gegner wissen möchte. Seine herkunftsbedingte Affinität zum Stierkampf spiegelt sich in einer für die Mannschaft aufopfernden "viva o muerte-Martialik seines Spiels wider, so mutet es an. Seine Variabilität und Durchschlagskraft als ursprünglich gelernter Stürmer und seit seiner Profizeit erfogreiche Defensivkraft haben neben Kritik sicherlich auch Anerkennung verdient. Cojones scheint er jedenfalls zu haben, nicht nur wenn's um die Verteidigung seiner persönlichen Interessen geht - wie bei den überlieferten, letztlich ungeahndeten Dopingvergehen. Bei Özils Abschiebung zu Arsenal als Teil der Refinanzierung des Bale-Deals soll er neben Ronaldo Wortführer des Protests gegen Klubpräsident Pérez (und Mourinho) gewesen sein. Nach dem CR7-Wechsel zu Juve hat sich der Andalusier zwar zum ersten Mannschaftskapitän emanzipiert, kam mir aber zuvor noch als eine der Hauptschranzen des Hofstaates der portugiesischen Primadonna auf dem Platz vor (auch wenn das Publikum schon damals in ihm den eigentlichen Leader sah). Zu der Zeit soll er bei Pérez auch noch lange auf Granit gebissen haben bei seiner Forderung nach einer saftigen Gagenerhöhung, weil er sich gegenüber den Prestigeeinkäufen CR7 und Bale weit unterbezahlt wähnte. Und beteuert zugleich seinen mentalitätsmäßig nachvollziehbar "ewigen Dank", dass ihn dieser Präsident zu Real geholt hat. Für legendäre Fouls und Tätlichkeiten insbesondere in den Clásicos soll er sich im Nachgang zwar persönlich beim Gegner entschuldigt haben, dennoch frappiert mich ein bisschen, wie gerade diese Erzrivalen dann in der Furia Roja den hochpolitisch-ideologischen Madridista-/Catalans-Schalter umlegen und an der Seite ihrer Vereins-Erzrivalen in mannschaftsveträglicher Koexistenz Herausragendes auch in Nationenwettbewerben leisten konnten/können.
Freud 11.03.2019
5. Vamos
Und nie zurück. Wie er Mo Salah aus dem CL-Finale foulte, das rief die Bewunderung von Lothar Matthäus und Didi Hamann hervor. Und mein endgültiges Urteil: Einer der fiesesten Kicker dem ich je zusah. Und einer der Arroganz mit Klasse verwechselt. Und mit ihm seine Follower. Zeit für einen wie auch immer gearteten Abgang.
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