Real-Sieg in Rom Die Sache mit dem Selbstbewusstsein

Das Weiterkommen in der Champions League war ihnen bereits sicher, dennoch spielte Real Madrid in Rom Sicherheitsfußball. Der war zwar erfolgreich, zeigt jedoch auch die Verunsicherung in der Post-Ronaldo-Ära.

AP

Aus Rom berichtet


Selbstbewusstsein ist etwas anderes als Selbstvertrauen. Der feine Unterschied lässt sich derzeit sehr gut am Beispiel Real Madrid zeigen. Eigentlich kennt dieses Team nach drei Champions-League-Siegen in drei Jahren seine herausragende Qualität. Gleichzeitig verunsichert aber auch der Gedanke, dass der Verlust von Trainer Zinédine Zidane und Superstar Cristiano Ronaldo wohl in engem Zusammenhang zum zeitweise desolaten Saisonverlauf stehen. Wie soll ein Team in diesem Wissen selbstsicher auftreten?

Auf die Negativserie hatte der Verein reagiert und Trainer Julen Lopetegui durch Santiago Solari ersetzt. Der war so erfolgreich gestartet, dass Real eigentlich wieder zu altem Selbstvertrauen hätte zurückkehren dürfen.

Nach einer so überraschenden wie deutlichen 0:3-Niederlage in Eibar am vergangenen Wochenende zeigte sich bei der nun folgenden Champions-League-Partie in Rom, wie fragil das Vertrauen der Königlichen in die eigene Qualität noch immer zu sein scheint. Real gewann das Spiel zwar 2:0, und Solari sagte danach, sein Team sei im Rennen um den Champions-League-Titel "so lange der Favorit, bis ein anderes Team ihn öfter gewinne". Doch das Auftreten auf dem Platz stand im deutlichen Kontrast zu den vollmundigen Aussagen des 42-Jährigen.

Beide Teams schon vor Anpfiff weiter

Nach der Niederlage von ZSKA Moskau früher am Abend war beiden Teams im Stadio Olimpico das Weiterkommen bereits sicher. Es wäre nach Wochen des ständigen Drucks in Madrid ein guter Zeitpunkt gewesen, endlich wieder befreit Fußball zu spielen. Das taten aber fast ausschließlich die Gastgeber aus Rom. Die schienen feine Antennen für die Verunsicherung der Königlichen nach dem Wochenende zu haben und rannten die Real-Defensive direkt munter an.

"Wir waren in der ersten Hälfte besser als Real", sagte AS-Trainer Eusebio Di Francesco nach dem Spiel begeistert über seine junge Mannschaft. Besonders motiviert präsentierte sich Roms Cengiz Ünder. Der 21 Jahre alte Rechtsaußen zwang seinen Gegenspieler Marcelo vom Anpfiff an bei jeder sich bietenden Gelegenheit in direkte Duelle. Meist ging er als Sieger hervor, und Reals Linksverteidiger wirkte ungekannt hilflos. Hätte Ünder seine starke erste Hälfte mit einem Tor veredelt und den Ball nicht kurz vor dem Pausenpfiff freistehend aus drei Metern über das leere Tor geschossen, hätte dieses Spiel ein anderes Ende nehmen können.

Funktionierende Abläufe helfen

Doch er war damit nicht allein, denn auch seine Kollegen ließen in der ersten Halbzeit diverse gute Gelegenheiten ungenutzt. Als sich nach der Pause Roms Defensive von der Leichtsinnigkeit der Offensive anstecken ließ und Verteidiger Federico Fazio eine Kerze von Torwart Robin Olsen zu kurz zurückköpfte, war Gareth Bale zur Stelle und brachte Real in Führung (47. Minute).

Wenn die etablierten Spieler schwächeln, bringt es ein Team weiter, wenn neue Gesichter Verantwortung übernehmen. An diesem Abend war es zum einen Marcos Llorente, der kurzfristig für Casemiro in das Team rückte. Dem sicheren Auftreten des 23-Jährgen war es zu verdanken, dass Rom in der zweiten Hälfte kaum noch zu gefährlichen Aktionen kam. Zum anderen war es der neue Torwart Thibaut Courtois, der eine herausragende Partie zeigte.

Offensichtlich helfen solche funktionierenden Abläufe, um das angeknackste Selbstbewusstsein langsam wieder zurückzugewinnen. Denn nur gute zehn Minuten später zeigten die Königlichen einen sehenswerten Angriff, der mit einem Treffer von Lucas Vázquez (59.) nach Kopfballvorarbeit des erneut überzeugenden Karim Benzema zielstrebig zu Ende gespielt wurde.

Die richtigen Schlüsse ziehen

In der Defensive stabilisierten sich auch Raphaël Varane und Sergio Ramos wieder zunehmend, die ihre bedenkliche Leistung aus dem Éibar-Spiel phasenweise mit in dieses Champions-League-Spiel rübergehoben hatten. Rechtsverteidiger Dani Carvajal, der ebenfalls nach Verletzung zurückkam, lief hingegen über die gesamte Spieldauer seiner alten Form hinterher.

Ganz anders erging es seinem Gegenpart Marcelo. Der ließ nach einer Stunde erstmals wieder Freude am Spiel erkennen und tauchte im gegnerischen Strafraum auf. Zwar verzog er (61.), doch einen kleinen Knoten schien es gelöst zu haben. Denn kurz vor Ende kam der Brasilianer erneut in Roms Strafraum an den Ball (87.). Der Abseitspfiff hielt ihn nicht davon ab, sich den Ball noch mal hochzulegen und per Seitfallzieher auf das Tor zu schießen. Es hatte mit seinem Auftreten in der ersten Hälfte kaum noch etwas gemein.

Nach dem Hinspiel gegen AS Rom vor heimischer Kulisse Mitte September, einer 3:0-Gala, schien man sich im Klub und auch bei den Beobachtern sicher zu sein, das Kapitel Ronaldo sei in Madrid endlich abgeschlossen. Der folgende Absturz zeigte, dass es ein Trugschluss war. Aus dem mühsamen 2:0 im Rückspiel sollten sie nun andere Schlüsse ziehen.

Real hat keinen Ronaldo mehr, dennoch verfügt das Team über einen exzellenten Kader, der auch so zu den besten in Europa zählt. "Wir müssen zeigen, dass wir ein großer Klub sind", sagte Matchwinner Llorente nach dem Spiel. Vielleicht hilft es manchmal einfach, sich die eigene Stärke wieder ins Bewusstsein zu rufen, um neues Selbstvertrauen zu gewinnen.



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