Real-Trainer Ancelotti "Schlechtestes Spiel, seitdem ich hier bin"

Real Madrid ist immer noch Tabellenführer in Spanien, doch die Stimmung bei den Königlichen ist im Keller. Nach der Klatsche gegen den Stadtrivalen Atlético redete Trainer Carlo Ancelotti Klartext.

Real-Trainer Ancelotti (r.): Klartext nach der Klatsche
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Real-Trainer Ancelotti (r.): Klartext nach der Klatsche


Hamburg - Carlo Ancelotti stellt sich oft schützend vor seine Spieler, ein schlechtes Wort kommt dem Italiener kaum über die Lippen. Am Samstagabend war das anders. "Keiner von uns hatte ein gutes Spiel", lautete Ancelottis Fazit nach der desaströsen 0:4-Niederlage von Real Madrid im Stadtderby mit Atlético. Der Klartext des 55-Jährigen ging weiter: "Wir haben alle Kopfballduelle verloren. Atlético hat mehr gekämpft, hatte mehr Qualität am Ball, waren besser organisiert. Sie waren einfach in allen Belangen besser."

Dann zog Ancelotti das Fazit des Abends: "Das war das schlechteste Spiel, seitdem ich hier Trainer bin."

Seit der Saison 2013/2014 coacht Ancelotti Real Madrid und hat seitdem schon den spanischen Pokal, den Supercup, die Klub-Weltmeisterschaft und vor allem den lange ersehnten zehnten Titel in der Champions League gewonnen - gegen Atlético.

Doch seitdem konnten die "Königlichen" in sechs Partien gegen den Stadtrivalen nicht mehr gewinnen. Die Art und Weise, wie der stolze Klub nun unterging, hatte eine neue Qualität. Es war eine "kolossale Klatsche", titelte die größte spanische Tageszeitung "El País".

"Diese Lustlosigkeit war nicht normal"

"Heute hat es an allem gefehlt", sagte auch Superstar Cristiano Ronaldo, dem an diesem Abend nichts gelang. Der Portugiese steckt nach Jahren auf konstant hohem Niveau in einer kleinen Krise. Jüngst hatte er sich zu einer Tätlichkeit hinreißen lassen und sah dafür die Rote Karte. Das Comeback am Samstag hatte er sich gänzlich anders vorgestellt.

"Ronaldo gelang heute nicht die einfachste Ballannahme", sagte ein spanischer Fernseh-Kommentator. Aber damit war Ronaldo nicht allein. "Diese Lustlosigkeit war nicht normal", wunderte sich Ancelotti.

Ihm wird von den Zeitungen seit Wochen vorgeworfen, dass er vor Klubboss Florentino Pérez kuscht und auf Anweisung des auf Marketing bedachten Chefs mit Ronaldo, Karim Benzema, Gareth Bale, Isco und dem gegen Atlético wegen Verletzung fehlenden WM-Torschützenkönig James Rodríguez zu viele defensiv eher schwache Profis einsetzt. Der Starkolumnist José Vicente Hernáez forderte am Sonntag in der Sportzeitung "Marca" sogar den Rücktritt des Trainers: "Gehen Sie bitte, Herr Ancelotti!", schrieb er.

Zwar steht Real auch nach der Pleite mit 54 Punkten noch an der Spitze der Primera División. Atlético liegt noch vier Zähler zurück. Doch bei einem Team mit einem Jahresetat von 550 Millionen Euro (Atlético rund 120 Millionen) sind die Ansprüche höher. Die Real-Profis - im Dezember nach einer Serie von 22 Pflichtspielerfolgen noch als "unschlagbar" gefeiert - stehen nach einem Leistungstief im neuen Jahr bereits am Pranger.

Ancelotti vertraut seinen Spielern

Im Vicente Calderón wirkten sie über die gesamten 90 Minuten wie Statisten. Nach Treffern von Tiago (14. Minute), Saúl Niguez (18.) und Antoine Griezmann (67.) krönte der ehemalige Bayern-Stürmer Mario Mandzukic in der 89. seine Klasseleistung mit einem Kopfballtor zum auch in der Höhe verdienten Endstand.

Dass die Gäste stark ersatzgeschwächt angetreten waren und mit Sergio Ramos, Rodríguez, Luka Modric und Pepe (alle verletzt) sowie Marcelo (Gelbsperre) gleich auf fünf Stammspieler verzichten mussten, ließen Fans und Medien nicht als mildernden Umstand gelten.

Iker Casillas und Benzema baten die Fans um Verzeihung, Toni Kroos schrieb bei Twitter: "Immer noch sauer wegen der Niederlage. Wir werden hart arbeiten und stärker zurückkommen. Unterstützt uns weiter."

Und auch Ancelotti bemühte sich trotz der Klatsche noch um einen versöhnlichen Abschluss des Abends. "Wir müssen jetzt in Ruhe aufarbeiten, was genau passiert ist, und wir dürfen nicht vergessen, dass wir noch immer Tabellenführer sind. Ich habe viel Vertrauen in meine Spieler."

luk/dpa



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brotherandrew 08.02.2015
1. Ist doch schön ...
... zu sehen, daß auch "Übermannschaften" mal eins auf den Deckel bekommen können. Das betrifft eben alle drei Großen: Real Madrid, FC Barcelona und FC Bayern München. Und auch das, was dahinter kommt wie z.B. Chelsea.
Bundeskanzler20XX 09.02.2015
2. Eine Frage des Prestige
Erfolg alleine kaufen ist nicht möglich, sicher kann man mit Geld eine perfekte Basis für den Erfolg schaffen, aber neben dem eingekauften Talent muss man darauf achten, dass das Talent auch zusammenfindet. Ebenso wird es schwer das Niveau auf lange Zeit konstant hoch zu halten. Kleinere Ausrutscher helfen dabei die Konzentration aufrecht zu halten. Letztlich muss man aber gestehen, dass der Faktor Geld der entscheidende ist zwischen Meisterschale und Blumentopf. Was im Profisport aber eher bedauernswert ist, ist die Tatsache, dass ein Verein der es mit wenig Mitteln schafft ganz oben mitzuspielen, es nicht schafft dieses Niveau langfristig zu festigen weil zum einen Leistungsträger abwandern und zum anderen kein entsprechender Ersatz nachnominiert werden kann weil das Prestige fehlt. Dortmund wird auch nach dieser verkorksten Saison, den Abstieg schließen wir mal aus, keine Probleme haben Leistungsträger zu halten bzw. den ein oder anderen Topspieler zu verpflichten. Augsburg hingegen wird nach einer derzeit grandiosen Saison in der kommenden Saison mit argen Problemen zu kämpfen haben wenn erst mal sämtliche guten Spieler weg sind.
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