Madrid-Trainer Zidane in der Krise Sie fragen schon nach seinem Rücktritt

Vierter in der Liga, in der Champions League droht das Vorrunden-Aus: Es läuft nicht bei Real Madrid, und Zinédine Zidane ist das Gesicht der Krise. Die kommende Woche könnte über seine Zukunft entscheiden.
Angeschlagen, aber immer noch beliebt: Zinédine Zidane

Angeschlagen, aber immer noch beliebt: Zinédine Zidane

Foto: JAVIER BARBANCHO / REUTERS

Die Frage war direkt, die Antwort auch: »Ich werde nicht zurücktreten«, sagte Zinédine Zidane.

Es war Dienstagabend, das große Real Madrid hatte schon wieder gegen Schachtar Donezk verloren: eine Mannschaft, die in derselben Champions-League-Gruppe vom europäischen Mittelgewicht Borussia Mönchengladbach zweimal überrollt worden war. 10:0 gewann die Borussia insgesamt. 2:5 unterlag Real, zu Hause 2:3, nun auswärts 0:2.

Womit der Vorhang aufging für die »delikatesten Tage Zidanes bei Real Madrid« (»ABC«). Am Samstag beginnt eine Schicksalswoche mit der Partie beim Sevilla des ehemaligen Real-Trainers Julen Lopetegui (16.15 Uhr; Stream: DAZN). Es folgt am Mittwoch das entscheidende Gruppenspiel gegen Mönchengladbach. Und danach das Derby gegen Atlético. Das Programm könnte nicht härter sein. Ein Schauspiel in drei Akten, bei dem man nicht weiß, ob der Regisseur nach den Zwischenpausen auf seinen Stuhl zurückkehrt.

»Mehr als angezählt« sei Zidane, die Vertrauensbasis fast dahin: so berichtete die klubnahe »Marca« aus Vorstandskreisen. Denn genau wie die erste Donezk-Pleite wurde auch die zweite von blamablen Heimniederlagen in der Liga flankiert: damals gegen Aufsteiger Cádiz, diesmal gegen Abstiegskandidat Alavés. »Bildnis des Dorian Gray« nannte »As« das Team nach der jüngsten Pleite, deren Ort nicht hätte symbolischer sein können.

Im Olympiastadion von Kiew, wohin Schachtar wegen des Konflikts in der Ostukraine ausweichen muss, hatte Real 2018 im Finale gegen Liverpool seinen historischen Champions-League-Hattrick besiegelt. Es war das letzte Spiel von Cristiano Ronaldo – und das letzte der ersten Amtszeit von Zidane. Fünf Tage später trat er aus heiterem Himmel zurück: »Die Mannschaft braucht Veränderung, eine neue Ansprache und Arbeitsmethode.«

Diesmal will Zidane nicht gehen

Genau diesen Satz würden Kritiker eher auf die aktuelle Situation übertragen. Hinten, vorn, in der Mitte: Überall hapert es. Mit seiner konfusen Mischung aus ziemlich alten und sehr jungen Spielern wirkt das Team unausgegoren, es hat taktische Defizite, nach Rückständen blockiert es. Nicht umsonst fiel mit der Frage nach dem Rücktritt jetzt ein Tabu.

Diesmal aber will Zidane nicht gehen. Obwohl das für den Verein mit seinem Präsidenten Florentino Pérez womöglich die Königslösung wäre. Denn ihn einfach so entlassen – das mag sich trotz allem immer noch keiner vorstellen.

Mit Alfrédo di Stefano und Cristiano Ronaldo bildet er Reals heiliges Triumvirat. Einer der besten Fußballer der vergangenen Jahrzehnte, elegant und erhaben, verewigt in seinem monumentalen Volleytor zum Champions-League-Sieg 2001 gegen Bayer Leverkusen. Als Trainer gewann er dann drei Champions-League-Titel in seinen ersten zweieinhalb Jahren Amtszeit, so etwas wird es wohl nie mehr geben. Dazu Klasse und Diskretion. Bis zum Gladbach-Spiel jedenfalls ist er für 55 Prozent der Fans laut einer Umfrage von »As« immer noch der beste Real-Trainer, trotz starker Alternativkandidaten wie dem ehemaligen Tottenham-Coach Mauricio Pochettino (33 Prozent) und Reserveteamtrainer Raúl (12 Prozent) – einst Kapitän Zidanes im Madrid der »Galaktischen«.

Pérez hat Stimmungsbarometer immer genau im Blick, er weiß: Zidanes Position mag schwach sein wie nie. Aber sie ist immer noch relativ stark.

Kein Vergleich zu jemandem wie Lopetegui, von dem man sich 2018 nach ähnlich missratenem Saisonstart trennte. Ihm folgte der von der zweiten Mannschaft beförderte Santiago Solari. Doch als der einen ähnlichen Showdown wie jetzt mit drei Niederlagen in einer Woche vermasselte, zauberte Pérez überraschend wieder Zidane aus dem Hut. Auch deshalb steht der Präsident in seiner Schuld: Die Malaise wäre sonst auf höchster Ebene angekommen.

Die Krise von jetzt ist die Krise von damals

Sportlich ist die Krise von jetzt im Prinzip immer noch die von damals. Seit Ronaldos Abgang fehlen Tore, die anderen Hattrick-Helden, Luka Modric etwa oder Toni Kroos, sind fast alle über 30, die massenhaft eingekauften Talente entwickeln sich nicht, der potenzielle neue Star und Zidane-Liebling Eden Hazard trainiert schlecht und ist oft verletzt. Auf Basis defensiver Stabilität wurde vorige Saison eine spanische Meisterschaft gewonnen, um die sich sonst niemand ernsthaft bewarb. Zwar wirkt Hauptrivale Barcelona auch dieses Jahr nicht stabil, bislang hat das Team nur vier seiner neun Ligaspiele gewonnen. Trotzdem ist Real in La Liga nur Vierter – hinter Villarreal, Atlético und Überraschungstabellenführer Real Sociedad.

»Ich habe mich nie für unantastbar gehalten«, sagte Zidane am Freitag. Er wirkte aufgeräumt, geradezu heiter. Gleich würde das Training beginnen, und auf dem Platz zu stehen, das macht ihn immer noch am glücklichsten. »Ich war Profi hier und Trainer«, sagte er. »Ich kenne meine Geschichte mit diesem Klub. Die Spieler kennen sie auch.«

Zu dieser Geschichte gehört, dass Krisen immer vorbeizogen. Als würde nicht nur für die Spieler, sondern auch für ihren Trainer gelten, was Zidane nach einem 2:0-Sieg bei Inter Mailand – dem einzigen in den vergangenen fünf Spielen – sagte: »Wenn sie sich zusammenreißen müssen, tun sie es«. Nach der ersten Donezk-Pleite etwa, da ging es zum FC Barcelona, plötzlich stimmte der Matchplan, plötzlich kam auch das Schlachtenglück zurück, Real siegte 3:1.

Die »Blume von Zidane« nannte man diese Dynamik während seiner ersten Amtszeit, wonach sich die Dinge im entscheidenden Moment schon fügten. Es hatte etwas Übersinnliches, und es passte gut zu seiner mystischen Aura, dem schüchternen Lächeln, den kargen, oft banalen Erklärungen. Das heutige Real ist im Vergleich zu damals ein schwächeres Team. Kann trotzdem noch einmal eine Blüte wachsen?

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Nach der zweiten Donezk-Pleite wurde zumindest die Möglichkeit bereitet: Der Sieg Inters in Mönchengladbach später am Abend gab Real sein Schicksal wieder in die eigene Hand. Anstatt zum ersten Mal überhaupt in der Champions League vor der K.-o.-Runde auszuscheiden, kann man bei einem Erfolg gegen die Borussia sogar noch Gruppensieger werden, wenn Schachtar nicht in Mailand siegt. Auch das trieb der Klubleitung vorerst alle Trennungsgedanken aus. In so einer Situation schmeißt man eine Ikone nicht einfach raus.

Fügen sich die Dinge aber nicht, verliert womöglich auch Madrid den Glauben an Zidane.