Red Bull in Leipzig "Wir würden selbst den Teufel mit offenen Armen empfangen"

Red Bull will zum neuen Lebenselixier des Ost-Fußballs werden. Mit Macht, viel Geld und einem Trick kauft sich der Brause-Brauer in Sachsens fünfte Liga ein - um dann schnell in den Profibereich aufzusteigen. Proteste haben keine Chance, der Konzern selbst spricht schon vom "Beispiel Hoffenheim".

Wenn in einer Oberliga-Spielstätte namens "Stadion am Bad" Werbebanden beschmiert werden, wenn der Rasen mit Unkrautbekämpfungsmittel zerstört wird, wenn in einem sächsischen Örtchen wie Markranstädt derartige Proteste stattfinden - dann muss Außergewöhnliches geschehen sein.

Zum Beispiel die Übernahme des lokalen Fußballvereins durch einen global operierenden Brausekonzern aus Österreich.

Leipziger Arena: Hier ausnahmsweise mal gut besucht

Leipziger Arena: Hier ausnahmsweise mal gut besucht

Foto: Jan Woitas/ picture-alliance/ dpa

Red Bull ist der Grund für die Aufregung in der Leipziger Vorstadt. Das Unternehmen will den SSV Markranstädt nutzen, um mit aller Macht in die deutsche Bundesliga zu drängen - dank eines Tricks und einigem Geld.

Mitte vergangener Woche ließ sich ein neuer Club namens "Rasen Ball Leipzig e.V." ins Vereinsregister eintragen, kurz "RB Leipzig" - die Anfangsbuchstaben sind nicht zufällig die gleichen wie bei Red Bull. "Vor etwa einem halben Jahr ist Red Bull auf uns zugekommen und hat sich erkundigt, wie in Sachsen Vereinsgründungen vonstatten gehen müssen", sagt Klaus Reichenbach, der Chef des Sächsischen Fußballverbandes (SFV). "Sie wollten partout keinen Formfehler begehen." Red Bull wollte einen Fünftligisten finden, der zu einem lukrativen Deal bereit war - gegen eine Entschädigung, deren Höhe von Red Bull nicht beziffert wird, aber laut "Leipziger Volkszeitung" im sechsstelligen Bereich liegt. Der Konzern fand den SSV Markranstädt. Dieser gibt in der kommenden Saison sein Spielrecht ab und geht im "Rasen Ball" auf.

Nun soll der Verein bald im Profifußball spielen. "Wer unser Engagement im Motorsport beobachtet, weiß, dass wir längerfristig planen," sagt ein Red-Bull-Sprecher SPIEGEL ONLINE. Schon mittelfristig will man eine Strahlkraft entfalten, die einige hundert Kilometer über Markranstädt hinausreicht: "Leipzig, Sachsen und die angrenzenden Regionen" wolle man "mit der hoffentlich schnell entstehenden Euphorie" begeistern. "Das Beispiel Hoffenheim hat schon Sinn gemacht", sagt der Sprecher, der nicht namentlich genannt werden will. RB wird in Weiß-Rot-Weiß auflaufen - den Red-Bull-Farben, die auch das von Huub Stevens trainierte Mutterteam in Salzburg und der gleichnamige New Yorker Fußballclub tragen.

Wer sich in Leipzig umhört, hat Schwierigkeiten, jemanden zu finden, der offen Kritik am Red-Bull-Einstieg übt. Die Vorfreude darauf, in der traditionsreichen Fußballstadt mal wieder andere Gegner als den FC Oberneuland oder den VfB 09 Pößneck zu sehen, ist riesig. Laut einer Umfrage in der "Leipziger Volkszeitung" begrüßen mehr als 70 Prozent der Bürger das Engagement der Österreicher. In der zweitgrößten ostdeutschen Stadt wurde zu DDR-Zeiten immer erstklassiger, oft auch internationaler Fußball gespielt - mit den Rivalen Lok und Chemie (dem heutigen FC Sachsen) Leipzig.

SFV-Chef Reichenbach hofft nun auf "höherklassigen Fußball": Das hätte "die ganze Region und der ganze Osten verdient". Er setzt darauf, dass "in Leipzig endlich in einer Spielklasse gespielt wird, die für eine gute Auslastung des WM-Stadions sorgt". In die 44.000-Zuschauer-Arena kamen bei Heimspielen des FC Sachsen zuletzt kaum mehr als 3000 Fans - das soll sich ändern. Nach dem anvisierten Aufstieg in die viertklassige Regionalliga zum Ende der kommenden Saison will man von Markranstädt ins Leipziger WM-Stadion umziehen. Und danach möglichst schnell weiter nach oben klettern. Dass dafür Abermillionen bereitstehen, wird von Red Bull nicht dementiert.

Proteste wie die Unkrautbekämpfungsattacke in Markranstädt sind angesichts solcher Aussichten kaum mehr als eine Pflichtübung der traditionell schwer engagierten Leipziger Fangruppen - sie haben keinen großen Rückhalt in Leipzig. "Red Bull trifft auf eine am Boden zerstörte Fußballstadt", sagt Matthias Gärtner vom "Bündnis Aktiver Fußballfans". "Derzeit könnte der Teufel persönlich kommen. Wenn er ein paar Millionen dabei hat, würde er mit offenen Armen empfangen."

2006 war das noch anders. Damals versuchte Red Bull, den Traditionsverein Sachsen Leipzig zu übernehmen. Nach monatelangen Protesten und gewalttätigen Fan-Konflikten verabschiedeten sich die Österreicher offiziell von ihren Plänen, aus Leipzig eine Bundesliga-Stadt zu machen.

Der Brause-Brauer ist nun erst mal froh, in der harmonischen Leipziger Vorstadt gelandet zu sein. "Gewalt wird bei Red Bull nicht akzeptiert", sagt der Sprecher. Er erinnert an die Übernahme der traditionsreichen, aber bankrotten Salzburger Austria vor Jahren. Die Ablehnung von Gewalt sei "der Grund gewesen, warum wir uns in Salzburg von der alten Fanszene getrennt haben: Dort haben wir kurzfristig tausend Anhänger verloren und mittelfristig zehntausend dazugewonnen."

Die drei Jahre seit dem ersten Übernahmeversuch in Leipzig scheint der Konzern gut genutzt zu haben. In der Vorbereitung des Unternehmens Bundesliga/Markranstädt machten die Salzburger offenbar vor allem eines: keine Fehler. Sogar bei dem neu installierten RB-Fußballchef Andreas Sadlo passte Red Bull auf. Er war bisher als Spielervermittler bekannt - weshalb spätestens in der Regionalliga, wo der Einflussbereich des DFB beginnt, ein Problem aufgetreten wäre. "Unsere Statuten verbieten, dass Spielerberater im operativen Geschäft eines Vereins agieren", sagt DFB-Sprecher Stephan Brause. Doch Red Bull hat vorgesorgt: "Herr Sadlo hat seine Tätigkeit als Spielervermittler niedergelegt", sagt der Unternehmenssprecher. "Wir wollen da eine klare Abgrenzung."

Und was sagen die Leipziger Traditionsvereine Lok und Sachsen Leipzig? Auch sie äußern sich erstaunlich moderat. Beide heben hervor, dass ihre eigenen mittelständischen Investoren im Hintergrund ohnehin die Treue halten würden - während die Großen wohl zu RB gehen.

Zumindest Sachsen Leipzig könnte auch unmittelbar vom Red-Bull-Boom profitieren. Sollte der Konzern das Jugendinternat des im Insolvenzverfahren stehenden Clubs übernehmen, könnte er mit einer Ausbildungsentschädigung für zahlreiche Jugendspieler rechnen.

Besonders freut sich der ehemalige FC-Sachsen-Investor und WM-Stadion-Betreiber Michael Kölmel, der die Namensrechte am Stadion bereits reserviert hat. RB Leipzig soll schließlich bald in der "Red-Bull-Arena" spielen.

Weniger rosig sind die Perspektiven für Lok Leipzig. Der Verein hat seit 2004 einen Durchmarsch von der elften in die fünfte Liga geschafft und muss nun mit ansehen, wie ihm kurz vor dem geplanten Sprung in den bezahlten Fußball ein Emporkömmling die öffentliche Aufmerksamkeit und das Sponsoreninteresse streitig macht.

Lok-Präsident Steffen Kubald gibt der Lokalpresse gegenüber lediglich zu Protokoll, er hoffe, "dass der Aufsteiger nicht von vornherein feststeht". Die Bullen seien künftig die "Bayern der Oberliga".

Doch auch die seien in der vergangenen Saison nur Zweiter geworden.

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