Regeländerungen im Fußball Schluss mit dem Ententanz

Hintern raus, Gegner weg, Ball rein: Was bei Gerd Müller noch schön anzusehen war, ist kaum mehr zu ertragen. Das Sperren mit Ball ist heute pure Destruktion und macht das Spiel unattraktiv. SPIEGEL-ONLINE-Autor Jens Jeep plädiert für eine Regeländerung.

Im ersten Teil der SPIEGEL-ONLINE-Serie über mögliche Regeländerungen ging es um Fouls im Strafraum, in diesem Teil widmen wir uns den Ententänzern. Denn zu den unwürdigsten Anblicken des modernen Fußballs gehört der folgende: Der von der angreifenden Mannschaft kommende Ball rollt auf die Torauslinie zu.

Während der angreifende Spieler dies verhindern und weiterspielen will, möchte der Abwehrspieler genau dies unterbinden. Er breitet dazu die Arme aus, als sei er der Albatros aus "Bernhard und Bianca", reckt den Hintern in Richtung Angreifer und trippelt hinter dem Ball her, ohne diesen jemals berühren zu wollen.

Die Folge sind Abstoß oder gar ein Freistoß, sollte der Angreifer entnervt versuchen, unter Einsatz der eigenen Arme am Verteidiger vorbei und endlich an den Ball zu kommen. Das Spiel wird unterbrochen, die Mannschaften orientieren sich neu, der Angriff ist unterbunden. Zeit vergeht, Tore fallen keine. Eine merkwürdige Situation, dieses Sperren mit Ball. Zwei Regeln passen hier nicht zusammen.

Die Einwurf- beziehungsweise Abstoßregeln stellen schlicht darauf ab, wer den Ball zuletzt berührt hat:

Regel 15
"Überschreitet der Ball in der Luft oder am Boden in vollem Umfang die Seitenlinie, wird der Einwurf gegen das Team des Spielers ausgesprochen, der den Ball zuletzt berührt hat."

Regel 16
"Überschreitet der Ball in der Luft oder am Boden in vollem Umfang die Torlinie, ohne dass dabei ein Tor (…) erzielt wurde, und wurde der Ball zuletzt von einem Spieler des angreifenden Teams berührt, wird auf Abstoß entschieden."

Regel 17
"Überschreitet der Ball in der Luft oder am Boden in vollem Umfang die Torlinie, ohne dass dabei ein Tor (…) erzielt wurde, und wurde der Ball zuletzt von einem Spieler des verteidigenden Teams berührt, wird auf Eckstoß entschieden."

Anders die Regeln über die Behinderung des Gegenspielers. Normalerweise ist das Behindern des Gegners im Spiel natürlich nicht gestattet und wird mit einem indirekten Freistoß geahndet (Regel 12). Jedoch heißt es in der "Auslegung der Spielregeln und Richtlinien des Weltverbands Fifa für Schiedsrichter" hierzu:

"Schirmt ein Spieler, der den Ball in spielbarer Distanz kontrolliert, diesen aus taktischen Gründen vor einem Gegner ab, ohne dass er dazu seine Arme oder seinen Körper benutzt, liegt kein Vergehen vor."

Die Fifa geht also davon aus, dass man den Ball kontrollieren kann, ohne ihn berührt zu haben. Das ist sicher richtig. Hier liegt aber der Widerspruch zu den Regeln 15 bis 17: Wenn es um das Behindern geht, dann darf dies, wer den Ball kontrolliert. Geht es jedoch um Einwurf, Eckstoß oder Abstoß, dann kommt es nicht auf die Kontrolle, sondern allein auf die letzte Berührung an. Das Ergebnis ist das ausgestreckte Hinterteil.

Logik sieht anders aus: Wer kontrolliert, der sollte abschirmen dürfen, müsste dann aber auch für den Ball verantwortlich sein, wenn dieser ins Aus geht. Richtig wäre daher die umgekehrte Regel, beispielsweise in Bezug auf den Eckstoß:

Regel 17
"Überschreitet der Ball in der Luft oder am Boden in vollem Umfang die Torlinie, ohne dass dabei ein Tor (…) erzielt wurde, und wurde der Ball zuletzt von einem Spieler des verteidigenden Teams berührt oder in spielbarer Distanz kontrolliert, wird auf Eckstoß entschieden."

Dann läge zwar weiterhin kein Vergehen vor, wenn ein Spieler den ins Aus trudelnden Ball ohne Berührung abschirmt wie eine zu helle Lampe, aber den Eckstoß oder den Einwurf bekäme zu Recht die andere Mannschaft. Der Spielfluss würde dramatisch gesteigert und die Hinterteile der Spieler könnten häufiger beim Torjubel wackeln, seltener beim Schutz eines Balls vor dem unsanften Zusammentreffen mit einem Fußballschuh.

Und wo wir gerade dabei sind: Wenn ein Spieler verletzt ist, wird der Ball oft absichtlich ins Aus geschossen, damit es eine Spielunterbrechung gibt. Die Fairness will es, dass die gegnerische Mannschaft den Einwurf dann wieder dem anderen Team zuwirft, das den Ball vor der Unterbrechung führte - allerdings gern so weit wie möglich zurück in dessen Hälfte, was dann nicht mehr ganz so fair ist. Das könnte man eigentlich ganz einfach regeln:

Spielt eine Mannschaft den Ball bewusst ins Aus, um eine Spielunterbrechung zur notwendigen Behandlung eines verletzten Spielers herbeizuführen, so erhält dieselbe Mannschaft einen Einwurf auf Höhe des Spielers, der den Ball ins Aus befördert hat."

Lesen Sie im dritten Teil, wie man mit einer kleinen Regeländerung dafür sorgen könnte, dass es kein Zeitspiel mehr gibt und dennoch alle Spieler rechtzeitig zur Sportschau aus der Dusche sind.

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