Regionalliga-Reform Aufstand gegen Bundesliga-Amateure

Am DFB-Bundestag steht nicht nur die Wahl der Präsidiums-Doppelspitze zur Debatte. Auch über die Zukunft der Regionalliga muss beraten werden. Die Drittligaclubs klagen zunehmend über die Zweitteams der Bundesligisten, die die Liga sportlich verzerren, die besten Junioren unter Vertrag nehmen und kaum Zuschauer bewegen.
Von Andreas Lampert

Hamburg - Wenn sich am 22. Oktober um 17 Uhr die 256 Delegierten zum DFB-Bundestag in der Osnabrücker Stadthalle versammeln, werden die Funktionäre in den grauen Anzügen sich kurzzeitig wie im Stadion fühlen. Die Fangruppe "Violet Crew", die gewöhnlich den Regionalligisten VfL Osnabrück anfeuert, will zusammen mit anderen Fußballfans an jenem Freitag den Ordnungshütern der DFB-Statuten ordentlich einheizen. Grund der Fan-Demonstration ist die überfällige Regionalliga-Reform, die auf dem Bundestag zur Sprache kommen soll.

Den Anhängern der Drittligisten, deren Protest unter dem Motto "Amateurteams raus aus Liga 3" steht, ist die zunehmende Etablierung der Bundesliga-Zweitteams in der Regionalliga zuwider. Gegen die mit den besten Nachwuchsspielern gespickten Zweitkader von Bundesliga-Größen wie Bayern München, Hamburger SV oder Borussia Dortmund haben in die Regionalliga abgerutschte Traditionsclubs wie Eintracht Braunschweig, Kickers Offenbach, Fortuna Düsseldorf oder der VfL Osnabrück immer weniger Chancen und gehören zudem zu den wirtschaftlich Leidtragenden.

Sieben nicht aufstiegberechtigte Clubs im Norden

Nicht nur, dass die Zweitteams der Bundesligisten kaum Zuschauer zu den Auswärtspartien mitbringen, auch an Fernsehgeldern geht den Regionalligisten einiges verloren. "Ein Unding" nennt Osnabrücks Manager Lothar Gans diesen Umstand, "in der Regionalliga Nord landen allein 2,3 Millionen Euro an Fernsehgeldern nicht in den Kassen der Traditionsclubs, sondern gehen direkt auf die Konten der großen Vereine." Die Bundesligisten kassieren also doppelt, wie Braunschweigs Manager Wolfgang Loos bemerkt: "Die Frage muss erlaubt sein, ob die Zahlung der Fernsehgelder an den jeweiligen Bundesligaverein nicht ausreichend ist." Zumal auch die Regionalliga zuletzt sportlich einige Fragezeichen hinterlässt: Allein im Norden spielen sieben Amateurteam von Erst- und Zweitligisten, im Süden sind es vier Mannschaften. Theoretisch könnte im Norden also dem Achten und Neunten der Aufstieg in die Zweite Liga gelingen - Voraussetzungen, die inzwischen auch beim DFB diskutiert werden.

"Es ist in meinen Augen nicht tragbar, dass man in einer Staffel von 19 Clubs sieben nicht aufstiegsberechtigte Vereine hat", sagt auch Hans-Georg Moldenhauer, Präsident des Nordostdeutschen Fußballverbands und seit 1995 als DFB-Vizepräsident für die Zukunftsentwicklung des Fußballs verantwortlich. Der ehemalige Torhüter des 1. FC Magdeburg soll den Regionalliga-Ausschuss führen, der nach dem DFB-Bundestag ein Reformpapier vorlegen soll. In den letzten Wochen war Moldenhauer ständig mit dem Auto unterwegs, um mit den einzelnen Clubs zu sprechen und ihre Probleme zu verstehen. "Viele melden sich natürlich jetzt mit mehr oder weniger guten Vorschlägen", berichtet der 62-Jährige, "Problem dabei ist natürlich, dass jeder den Vorschlag aus seiner Sicht macht."

Für Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge beispielsweise ist die Diskussion um die Amateurteams in der Regionalliga eine völlig absurde, denn für ihn zählen allein die sportlichen Argumente. "In Spanien dürfen die zweiten Mannschaften ja auch bis in die Zweite Liga aufsteigen", so Rummenigge, der deshalb die angekündigte Fandemonstration und das Veto der Managerkollegen nicht nachvollziehen kann. Vielmehr solle man sich Gedanken machen, ob nicht eine Mannschaft wie der FC Bayern II in der Zweiten Liga spielen könnte. "Die wären als amtierender Regionalliga-Meister sportlich spielberechtigt", unterstreicht Rummenigge, der eine entsprechende Eingabe bei der DFL bereits gemacht hat, doch selbst unter den Proficlubs diesbezüglich keine Gleichgesinnten findet.

Von der EM in die Regionalliga

Weil die Zweitteams der Bundesligisten oftmals Spieler aus dem Erstligakader einsetzen, beklagen die Regionalligisten eine zunehmende Schieflage. "Solange die Amateurteams der Bundesliga Profis einsetzen dürfen, hat die Regionalliga mit normalem Wettbewerb nichts zu tun", schimpft Osnabrücks Trainer Claus-Dieter "Pele" Wollitz. Als der VfL neulich gegen Dortmunds Amateure spielte und 1:2 verlor, standen beim Gegner WM-Teilnehmer Lars Ricken und der 51-fache norwegische Nationalspieler Andre Bergdölmo (51 Länderspiele) auf dem Feld. Herthas Amateure haben in dieser Saison auch schon neun Profis in ihrem Nachwuchsteam eingesetzt, Wolfsburgs Zweite holte sich mit Spielern wie Tomislav Maric, Maik Franz und Roy Präger ebenfalls Verstärkung aus dem Bundesligakader und bei den Bayern-Amateuren spielte zu Anfang der Saison sogar Bastian Schweinsteiger, der ein paar Wochen zuvor noch bei der Euro in Portugal geglänzt hatte.

"Wenn diese Teams nach Lust und Laune Profis einsetzen", beklagt sich Düsseldorfs Manager Thomas Berthold im "Kicker", "können sie einem in die Suppe spucken und über Auf- und Abstieg entscheiden." Doch auch das vom DFB mit insgesamt 24 Millionen Euro geförderte Talent- und Ausbildungsprogramm macht den Regionalligisten zu schaffen. Weil jedes Team inzwischen sechs Spieler unter 24 Jahren und zwei Spieler unter 21 Jahren in seinem Kader haben muss, bleiben für Clubs wie Osnabrück, Braunschweig und Offenbach nur Nachwuchsspieler der dritten Klasse, weil laut Gans die Bundesligisten durch ihre finanziellen Mittel "die absoluten Topleute im Nachwuchsbereich" verpflichten können.

"Die sind unheimlich durchgestylt"

So werden die Forderungen nach einer dritten Profiliga unter der Obhut der DFL oder einer Reserveliga, etwa nach englischem Vorbild, als Lösung des augenblicklichen Problems vorgeschlagen. Moldenhauer würde auch eine deutsche Nachwuchsrunde für gut heißen, wie es sie bereits in den achtziger Jahren einmal gegeben hat und die als Fortsetzung der A-Junioren-Bundesliga dienen könnte. "So eine knallharte deutsche Nachwuchsmeisterschaft würde Sinn machen und auch unseren DFB-Auswahlteams wie U18, U20 oder U21 helfen", so der DFB-Vize.

Doch mit seinem Vorschlag steht Moldenhauer im Widerspruch zu den meisten Trainern der Bundesliga-Amateurteams, die ihre jungen Spieler gerne unter ernsthaften Wettkampfbedingungen spielen sehen würden. "Ich bin gegen eine eigene Liga für Bundesliga-Amateure", sagt beispielsweise Wolfburgs Amateurcoach Uwe Erkenbrecher, "die Jungs spielen schon bei den A-, B- und C-Junioren nur untereinander, und viele sind daher unheimlich durchgestylt. Für sie ist es gut, wenn sie auch gegen Lübeck oder Paderborn antreten müssen oder vor 15.000 Zuschauern in Braunschweig."

Vielversprechende Resonanz

Die Organisatoren der Osnabrücker Fandemo haben sich bislang über mangelnde Resonanz zum geplanten Protest nicht beklagen können. Für den Fußmarsch durch die Innenstadt haben sich bereits Fangruppen aus Braunschweig, Düsseldorf, St. Pauli, Oldenburg und Münster angekündigt. "Die Trostlosigkeit bei den Spielen gegen die Amateurteams ist wirklich unerträglich", erklärt Violet-Crew-Mitglied Daniel Dincher, "die Auswärtsspiele finden auf irgendwelchen Sportplätzen neben den Stadien statt und wenn die HSV-Amateure an der Bremer Brücke antreten, haben die vielleicht 10 bis 15 Fans dabei. Das hat mit Fußballkultur wahrlich nichts zu tun." Das riesige Transparent mit der Aufschrift "Amateurteams raus aus Liga 3", das die VfL-Fans bei jeder Partie hissen, wird auch bei der Fandemo dabei sein.

Auch die Gerüchteküche brodelt vor dem DFB-Bundestag. So lief über N3-Videotext die Nachricht, dass der DFB eine Spielverlegung der für Samstagnachmittag angesetzten Partie zwischen Eintracht Braunschweig und dem VfL Osnabrück auf Freitagabend beantragt haben soll, um so die Demonstration zu unterwandern. Der NDR soll der Spielverlegung nicht zugestimmt haben. Begründung: zu kurzfristig, der Fernsehsender hat für diesen Tag seine Kamerateams schon zur Osnabrücker Stadthalle geschickt.

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