Fußball-Regionalligist Türkgücü München Ambitioniert und ausgebremst

Der Regionalliga-Spitzenreiter Türkgücü möchte in drei Jahren Münchens zweitwichtigster Klub hinter den Bayern sein. Doch nun durchlebt der Verein unruhige Zeiten. Schuld daran ist nicht nur Corona.
Aus München berichtet Florian Kinast
Noch spielt der Klub in Heimstetten - die Zukunft ist ungewiss

Noch spielt der Klub in Heimstetten - die Zukunft ist ungewiss

Foto: Markus Fischer/ imago images/Passion2Press

Dieser Montag nun, der 30. März, sollte für Türkgücü München ein historischer Tag werden. Die Partie gegen die SpVgg Bayreuth, das erste Flutlicht-Heimspiel im Grünwalder Stadion, und dann gleich live im Fernsehen auf Sport1. Eine tolle Plattform, um sich den Fans zu präsentieren, den Sponsoren und auch möglichen neuen Geldgebern. "Mit Bandenwerbung, Spieltags-Presenting, Mittelkreisbannern", wie Geschäftsführer Max Kothny erzählt, das volle Programm. Man hätte zeigen können, was man so drauf hat, kurz vor dem Aufstieg in die 3. Liga.

Doch dann legte die Coronakrise den gesamten Spielbetrieb im deutschen Fußball lahm und bremste damit auch den aufstrebenden Regionalliga-Spitzenreiter aus - derzeit ist unklar, wie in den Regionalligen das Thema Aufstieg gehandhabt werden wird. Wobei es nicht nur die Virus-Pandemie ist, die den Klub gerade beschäftigt. Auch ohne Corona steht das Projekt vor einer in manchen Punkten ungewissen Zukunft. Denn es ist noch völlig unklar, wie es in der kommenden Saison weitergeht. Und vor allem: wo und mit wem.

Es sind gerade seltsame Zeiten bei Türkgücü.

Klublegenden Winkler, Mansiz und Cacau

Schon vor Jahrzehnten stand der 1975 von Migranten gegründete Klub (damals als SV Türk Gücü) für eine erfolgreiche Integrationsgeschichte. Ende der Achtzigerjahre stieg man in die damals drittklassige Bayernliga auf, die berühmtesten Spieler, die das Vereinstrikot trugen: der spätere 1860-Stürmer Bernhard Winkler, Ilhan Mansiz, der Stürmerstar der Türkei bei der WM 2002, und natürlich der 23-fache Nationalspieler und heutige Integrationsbeauftragte des DFB, Cacau.

Der starke Mann von Türkgücü: Hasan Kivran

Der starke Mann von Türkgücü: Hasan Kivran

Foto: Klaus Rainer Krieger/ imago images

Nach der Insolvenz 2001 dümpelte der Türkische SV München als Nachfolgeklub lange in der Kreisliga, der Aufschwung kam 2016, als der Unternehmer und Ex-Spieler aus Bayernliga-Zeiten Hasan Kivran als Präsident übernahm. Von der sechstklassigen Landesliga ging es 2018 in die Bayernliga, 2019 direkt weiter in die Regionalliga. Doch damit sollte nicht Schluss sein. Kivrans ehrgeiziges, im Herbst 2019 geäußertes Ziel: Bis 2023 in der 2. Liga zu spielen und sich in München langfristig als zweite Kraft hinter dem FC Bayern zu etablieren. Vor Sechzig, vor Unterhaching.

Im Juli 2019 gliederte Kivran die Fußballabteilung als GmbH aus (Handelsregistereintrag HRB 250129), Gesellschafter wurde zu 99 Prozent die HK Erste Vermögensverwaltung & Beratung GmbH. HK wie Hasan Kivran. Wie der Klub betont, wird die 50+1-Regel dabei korrekt eingehalten, da der Stammverein in der Gesellschafterversammlung noch immer die Stimmenmehrheit habe.

23 neue Spieler für den Aufstieg

Kivran rüstete weiter auf, gerade vor dieser Saison, in der sich der Meister der Regionalliga Bayern direkt für die 3. Liga qualifiziert und nicht wie sonst den Umweg über die Playoffs nehmen muss. Kivran holte als Trainer Reiner Maurer und als Geschäftsführer und Kaderplaner Robert Hettich, zwei Protagonisten, die einst zu Zweitligazeiten schon beim TSV 1860 ein erfolgreiches Gespann bildeten, zwei Vertraute und Freunde. "Zwischen uns passt kein Blatt Papier", sagt Hettich heute.

In Absprache mit Maurer verpflichtete Hettich insgesamt 23 neue Spieler für die Mission Aufstieg. "Spieler, die von dem Projekt überzeugt waren", sagt Hettich, "Spieler mit Drittliga- und Regionalliga-Erfahrung, die gut zusammenpassten und untereinander charakterlich und menschlich harmonierten." Spieler, die auch gern wieder zurück nach München wollten, so wie die bekanntesten Akteure, Stürmer Patrick Hasenhüttl vom FC Ingolstadt II und Mario Erb vom KFC Uerdingen.

Dazu stieg mit dem Versicherungskonzern AON ein Hauptsponsor ein, dessen Firmenlogo früher schon auf den Trikots von Manchester United zu sehen war. Insgesamt belief sich der Etat des Klubs nach SPIEGEL-Informationen auf für einen Regionalligisten stattliche 1,7 Millionen Euro.

Plötzlich Unruhe

Alles lief bestens, bis zur Winterpause hatte Türkgücü acht Punkte Vorsprung auf Verfolger Schweinfurt 05. Doch dann wurde es auf einmal unruhig. Völlig überraschend verkündete der Verein Ende Februar die Trennung von Hettich, der noch bis Sommer 2020 Vertrag hatte. Auf Nachfrage zu den Gründen sagt Hettichs Nachfolger Max Kothny zum SPIEGEL: "Herr Kivran und der Aufsichtsrat haben entschieden, dass die Arbeit von Robert vollendet war. Er hat sehr gute Arbeit geleistet und eine harmonische Truppe aufgebaut, die ganz oben in der Tabelle steht. Nun wurde aber entschieden, dass man die Grundlagen für die neue Saison setzen möchte. Deswegen hieß es, wir arbeiten nicht mehr weiter."

Aber hat man Hettich nicht zugetraut, einen ordentlichen Drittliga-Kader zusammenzustellen? Oder ging Hettich von allein, weil sich der Präsident, wie man aus dem Umfeld des Klubs hört, mit einem schwierigen Führungsstil zu sehr in die sportlichen Belange und damit in Hettichs Aufgabenbereich eingemischt haben soll? "Zu Interna möchte ich mich nicht äußern", sagt Hettich, der bei "Sky" auch Videoanalysen und Grafiken zu Bundesliga- und Champions-League-Spielen erstellt, "die Trennung folgte in beidseitigem Einvernehmen".

Rausschmiss und Rückholaktion

Für Wirbel sorgte aber auch der Rauswurf von Stammspieler Mario Erb wegen dessen vorzeitiger Abreise aus dem Wintertrainingslager in der Türkei. Laut Auskunft von Maurer hatte ihm Erb erklärt, es gebe Komplikationen bei seiner hochschwangeren Frau, noch am selben Tag flog Erb zurück nach München. Darauf kündigte die Klubführung dem 29-jährigen Abwehrchef fristlos und erklärte später gegenüber der "Süddeutschen Zeitung" mit einer eher sonderbaren Formulierung: "Die Geburt der Tochter fand zwölf Tage nach Abreise von Herrn Erb statt, Mutter und Kind waren und sind wohlauf." Was sich als Rechtfertigung für den Rauswurf las nach dem Motto: Warum die Aufregung, ging doch alles gut. Da hätte Erb auch im Trainingslager bleiben können.

Nun aber kam vor wenigen Tagen die Kehrtwende, der Klub nahm die Kündigung zurück und Erb wieder auf. Um damit einen drohenden Rechtsstreit zu vermeiden? "Nein, eine rein menschliche Entscheidung, die der Präsident mit mir getroffen hat", so Kothny, "denn wir wollen Mario und seine junge Familie in dieser schweren Zeit unterstützen."

Die Trainerfrage ist ungeklärt

Völlig unklar ist indes die Trainerfrage, auch Maurer, dessen Vertrag im Sommer ausläuft, weiß noch nicht, wie es weitergeht: "Es war bis heute ein äußerst erfolgreiches Jahr, in dem wir die hohen Erwartungen sogar übertroffen haben. Ich konzentriere mich auf die aktuell schwierige Situation durch die Corona-Epidemie. Was im Sommer sein wird, lasse ich auf mich zukommen." Laut Klub-Auskunft wolle man sich noch einmal zusammensetzen.

Gern hätte man auch mit Präsident Kivran gesprochen. Über die Zukunft des Trainers, über seine Pläne und Visionen, über seinen Führungsstil, ob er sich wirklich so viel einmischt in die sportlichen Bereiche, aber auch, ob es stimmt, dass er, wie man hört, persönlich gute Kontakte zum KFC Uerdingen mit seinem umstrittenen Präsidenten Mikhail Ponomarev unterhält und den Drittliga-Klub vom Niederrhein als Vorbild sieht. Doch auf eine Anfrage des SPIEGEL erklärte Geschäftsführer Kothny, ein Interview mit Kivran sei "nicht möglich".

Eine pikante Stadionfrage

Und dann ist da ja noch die Stadionfrage. Wie nun in der Rückrunde der Regionalliga würde Türkgücü gern auch in der 3. Liga die Heimspiele im städtischen Stadion an der Grünwalder Straße austragen. Wie der TSV 1860 und der FC Bayern II. Doch drei Drittligisten in einem Stadion, stellte der DFB bereits klar, das sei rein organisatorisch nicht möglich. Das Problem: Weder 1860 noch Bayern denken daran, ihren Platz für Türkgücü zu räumen, die Fronten scheinen verhärtet.

Bald nach der Oberbürgermeister-Stichwahl an diesem Sonntag will die Stadt München die drei Vereine an einen Tisch bitten, sollte gar keine Lösung erreicht werden, droht Türkgücü als letztes Szenario der Exodus aus der Stadt. Der trotzigen Ankündigung von Hasan Kivran vom Februar, dann eben in NRW zu spielen, weil man da viele Derbys hätte, erklärte der DFB bereits eine Abfuhr, im jeweiligen Bundesland müsse man schon bleiben.

Die bisherige Hinrunden-Heimstätte im Münchner Vorort Heimstetten wäre nicht drittligatauglich. Andere Ausweichoptionen, die Geschäftsführer Kothny im äußersten Notfall für denkbar hielte, wären andere bayerische Stadien. Unterhaching oder Ingolstadt, Augsburg oder Regensburg, sogar Nürnberg oder Fürth, weit weg von München. Wie man hört, hält sich die Begeisterung über einen neuen Mitspieler auf dem eigenen Platz aber überall in Grenzen, die Zeichen stünden dort eher auf Ablehnung.

Schwierige Zeiten für den ehrgeizigen Klub, kurz vor dem Aufstieg in die 3. Liga - in die selbsternannte Zwischenstation für noch weiter oben.