Regisseur der WM-Übertragungen "Zum Finale wünsche ich mir Regen"

Hunderte Millionen Menschen sind von ihm abhängig. Wolfgang Straub entscheidet, welche Bilder weltweit von der WM gezeigt werden. Im PLAYER-Interview spricht der deutsche TV-Regisseur über internationale Sehgewohnheiten, schlechtes Wetter beim Endspiel und Angela Merkel.


Frage: Herr Straub, Sie werden am 9. Juli Regie bei der TV-Übertragung des WM-Finales aus dem Berliner Olympiastadion führen. Wie bereiten Sie sich auf das Ereignis vor, zu dem die Rekordkulisse von anderthalb Milliarden Menschen weltweit an den Bildschirmen erwartet wird?

Regisseur Straub: "Am liebsten Abendspiele"
Stephan Pick für PLAYER

Regisseur Straub: "Am liebsten Abendspiele"

Straub: Ähnlich wie die Reporter lesen auch wir im Vorfeld natürlich die Fachmagazine und Zeitungen, damit wir wissen, welcher Akteur beim jeweiligen Spiel im Mittelpunkt des Interesses steht. Zudem sollten die Kameramänner zumindest die wichtigen Spieler kennen. Denn die zeigen wir schließlich am häufigsten im Bild, auch gerne mal in Nahaufnahme. Da wir im Übertragungswagen die Mannschaftsaufstellungen sehr früh bekommen, schauen wir uns den einen oder anderen wichtigen Akteur beim Warmmachen schon mal genauer an.

Frage: Sieger oder Verlierer - welche Bilder finden Sie spannender?

Straub: Bilder mit leidenden Spielern sind in den meisten Fällen eben die interessanteren. Grundsätzlich entscheidet das Angebot der Kameras über die Auswahl der Bilder. Hat man parallel viele gute Bilder auf den Schirmen, muss man sich blitzschnell entscheiden. Notfalls liefert man ein anderes eben später nach. Alle Kameras zeichnen ja weiter auf. Die Entscheidungen sind letztlich auch Bauchsache.

Frage: Gibt es international unterschiedliche Sehgewohnheiten?

Straub: Ja, ganz eindeutig sogar. Die Franzosen beispielsweise zeigen während eines Matches mehr Zeitlupen. In Italien oder Spanien wird ein Tor gerne auch mal aus acht verschiedenen Kameraperspektiven in Zeitlupe und obendrauf noch mal in Super-Slowmotion zelebriert. In England oder Deutschland hingegen bevorzugt man es, das Tor anschließend noch einmal in seiner ganzen Entstehung zu zeigen. Also so, wie es sich die Trainer gerne anschauen würden. Der Trainer wiederum ist in England während eines Spiels vielleicht zwei, dreimal im Bild, in Deutschland hingegen wird der Coach auch gerne achtmal gezeigt.

Frage: Was ist bei Elfmetern?

Straub: Da entscheidet man sich in anderen Ländern schon einmal für die Hintertorkamera. Bei uns hingegen in der Regel für die Führungskamera, die Franz Beckenbauer und einige Bundesliga-Trainer ohnehin am liebsten das ganze Spiel über laufen lassen würden, weil man da das Spielgeschehen in der Perspektive am besten überblickt. Aber eine gute TV-Übertragung lebt natürlich von dem spannenden Mix aus den verschiedenen Perspektiven und Möglichkeiten. Die oberste Regel für das Finale lautet aber: wenig Experimente. Die Bilder müssen überall auf der Welt verstanden werden. Bei den Eskimos in Grönland genauso wie bei den Scheichs in der Wüste.

Frage: Gefällt Ihnen der späte Anpfiff um 20 Uhr?

Straub: Nachmittagsspiele bei Sonnenschein sind für uns nicht so schön. Denn da muss man beispielsweise aufpassen, dass die Werbebanden nicht zu sehr spiegeln. Zudem liegt eine Spielhälfte oft im Schatten und die andere im prallen Licht – enorm schwierig für die Kameras. Daher sind mir Abendspiele bei Regen am liebsten. Ja: Zum Finale wünsche ich mir Regen!

Frage: Warum?

Straub: Ich wünsche mir ordentlich Niederschläge, weil so ein Regenspiel einfach tollere Bilder liefert. Auch die unterschiedlichen Stadien haben große Auswirkungen auf unsere Arbeit. Ein Einwurf in einem reinen Fußballstadion ist in der Regel viel schneller ausgeführt. Ich habe also weniger Zeit, um mit Zeitlupen oder Nahaufnahmen zu arbeiten. Im Berliner Olympiastadion dauert es wegen der Laufbahn dagegen trotz Balljungs länger, bis der Ball wieder im Spiel ist. Ich weiß also schon im Vorfeld, dass es im Finale wohl mehr Zeitlupen und Nahaufnahmen geben wird. Bei einem WM-Spiel kann ich übrigens aus 25 verschiedenen Kameraperspektiven auswählen.

Frage: Wann beginnen Sie und Ihr Team mit den Vorbereitungen für die Übertragung?

Straub: Rund vier Stunden vor einem Spiel treffen wir uns im Stadion. Dann geht man noch einmal alles mit den Kollegen durch, macht letzte technische Checks. Eine Stunde vor Anpfiff gehe ich auf Sendung. Das ist dann der Moment, wo du dich nur noch auf das Bild, das Spiel, die Arbeit konzentrierst. In der Phase bekomme ich den berüchtigten Tunnelblick. Inklusive der Nachbereitung sitze ich rund vier Stunden nonstop im Übertragungs-Wagen. Selbst den Toilettengang muss ich mir da verkneifen.

Frage: Neben den gewöhnlichen Zuschauern werden auch Promis im Stadion erwartet. Müssen Sie da auf etwas besonders achten?

Straub: Wir erhalten vor jedem Spiel eine Liste mit den Persönlichkeiten und VIP-Gästen, die auf der Tribüne sitzen und die von Indien bis China weltweit erkannt werden. Also die Kategorie Brad Pitt oder Diego Maradona. Bundeskanzlerin Angela Merkel wäre für das weltweite Fernsehsignal fast schon ein Grenzfall.

Die Fragen stellte Jan Lacroix



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