Rehhagel-Interview "Alle Menschen werden Brüder"

Er hat ein Land in kollektiven Jubel gestürzt: Otto Rehhagel, Trainer der Griechen, führte seine Mannschaft zum sensationellen EM-Erfolg. Im Interview spricht der 65-Jährige über das Wunder von Lissabon, den Freudentaumel in Griechenland und seinen Matchwinner Charisteas.




"Alle Menschen werden Brüder": Otto Rehhagel
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"Alle Menschen werden Brüder": Otto Rehhagel

Otto Rehhagel, können Sie den Gewinn des EM-Titels mit der griechischen Nationalmannschaft schon einordnen?

Otto Rehhagel:

Dieses 1:0 geht weit über die sportlichen Begriffe hinaus. Es ist phantastisch, dass der Fußball in der Lage ist, an einem Tag alle Menschen zu vereinen, was die Politiker bislang vergeblich versuchen. Es gibt ein Lied dazu, das heißt: Alle Menschen werden Brüder.

Was war der Hauptgrund für diesen Erfolg?

Rehhagel: Herzlichen Dank der Mannschaft, die sich wunderbar diszipliniert verhalten hat, sie hat das wunderbar hinbekommen. Es ist ja nicht immer einfach, wenn 30 Männer so lange zusammen sind. In drei Jahren ist tatsächlich eine Mannschaft zusammengewachsen, die dieses Wunder vollbracht hat.

Sie gelten als Kandidat für den Posten des Bundestrainers in Deutschland. Werden Sie Ihren Vertrag in Griechenland bis 2006 erfüllen?

Rehhagel: Es ist an der Zeit, um über die Jungs zu sprechen, sie haben etwas Wundervolles vollbracht. Es wäre fatal, auch nur ein einziges Wort über andere Dinge zu verlieren.

Was hätten Sie vor der EM geantwortet, wenn Ihnen jemand gesagt hätte, dass Griechenland Europameister wird?

Rehhagel: Wir hatten uns ja qualifiziert für die EM und uns dann vorgenommen zu sehen, wozu diese Mannschaft noch in der Lage ist. Wir konnten nicht ahnen, dass es so weit geht. Wir haben uns zunächst nur auf das Eröffnungsspiel gegen Portugal konzentriert. Wir wollten sehen, ob wir mithalten können.

Die Favoriten sind bei dieser EM gescheitert. Die Griechen haben Frankreich, Tschechien und zweimal Portugal geschlagen. Sind die Großen kleiner oder die Kleinen größer geworden?

Rehhagel: Die Welt ist ein Wohnzimmer geworden. Die Menschen wissen voneinander alles. Auch die Letten haben ja gezeigt, was man mit einer kleinen Gruppe, mit ein paar guten Leuten zwischen 20 und 30 Jahren, bewegen kann. Dieses Turnier hat eben eine Sensationsmannschaft gewonnen. Es hat ein paar Überraschungen gegeben. Das macht die ganze Geschichte ja so spannend.

Können Sie im Nachhinein einmal etwas zu Ihrer Taktik sagen?

Rehhagel: Ich plauder' hier doch nicht alles aus.

Wie bewerten Sie die Leistung von Angelos Charisteas, der bei Werder Bremen kein Stammspieler war?

Rehhagel: Er war vom ersten Tag an bei uns im Kader. Ich habe ihn beobachtet, ich habe ihn spielen sehen. Ich habe gesehen, das ist der Junge, der auf verschiedenen Positionen spielen kann. In Bremen hat er nicht so oft gespielt, aber da muss man meine ehemaligen Spieler Thomas Schaaf und Klaus Allofs schon verstehen. Sie haben andere starke Stürmer im Kader, die Tore am Fließband geschossen haben. Bei uns hat er nicht so viel Konkurrenz. Er hat eine sensationelle EM gespielt.

Was bedeutet dieser Erfolg für Griechenland?

Rehhagel:Ich freue mich in erster Linie, dass es uns gelungen ist, die Menschen so zu bewegen. Die Griechen neigen in Freude und Trauer zu Übertreibungen. Dass es die Menschen so zusammengebracht hat, ist eine wunderbare Sache, aber sie werden sich auch wieder beruhigen.

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Europameister Griechenland

Das Team von Otto Rehhagel polarisiert. Sind die Griechen verdient kontinentaler Champion geworden? Oder ist der Triumph der defensiv orientierten Mannschaft ein Rückschritt? Was sagen Sie dazu?



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