Rehhagels Griechen Mit deutschen Tugenden ins EM-Finale

Griechenland hat sich sensationell für das EM-Endspiel gegen Portugal qualifiziert. Mit körperlicher Robustheit und taktischer Disziplin fand der Außenseiter auch gegen die spielerisch überlegenen Tschechen fast immer die passende Antwort. Der anschließenden Frage des Abends wich Trainer Rehhagel jedoch noch aus.

Von Till Schwertfeger, Porto


Traianos Dellas (2.v.r): Kopfballtor in der Verlängerung
REUTERS

Traianos Dellas (2.v.r): Kopfballtor in der Verlängerung

Als Otto Rehhagel, 65, mit seinen kurzen, schnellen Schritten und ausgebreiteten Armen die griechische Fankurve im Estádio do Dragao erreichte, tauchte der Coach sogleich in den Rauchschwaden eines bengalischen Feuers unter. Seine Spieler lagen dort bereits alle auf einem Haufen, den sie aus überbordenden Glücksgefühlen planlos gebildet hatten. Traianos Dellas, 28 Jahre alt, Innenverteidiger, untertrieb maßlos, als er später sagte: "Ich habe meinen Teamkollegen und meinem Trainer mit dem Tor viel Freude bereitet."

Der wegen seiner Statur und Herkunft "Koloss von Rhodos" genannte Grieche, der in der italienischen Serie A für AS Rom verteidigt, hatte in der letzten Sekunde der ersten Hälfte der Verlängerung per Kopf das Silver Goal erzielt und damit für eine der größten Sensationen in der Geschichte der Europameisterschaften gesorgt. "Im Fußball gewinnt nicht immer der Beste. Das Märchen geht weiter", kommentierte Rehhagel mit glänzenden Augen den 1:0-Sieg gegen Tschechien, der den Einzug ins EM-Finale am Sonntag (20.45 Uhr, Liveticker, SPIEGEL ONLINE) in Lissabon bedeutet.

Als Gegner der Portugiesen hatten dort alle Experten die tschechische Mannschaft erwartet, die als einzige mit vier Siegen (gegen Lettland, Holland, Deutschland und Dänemark) ins Halbfinale marschiert war und mit Milan Baros den EM-Torschützenkönig (fünf Treffer) stellt. Doch nachdem seine Anfangsoffensive mit einem Lattentreffer Tomas Rosickys (3.) und einem von Torwart Antonios Nikopolidis parierten Schuss Marek Jankulovskys (6.) ertraglos verpufft war, konnte sich der technisch überlegene Favorit gegen die zweikampfstarken, extrem lauffreudigen und ballsicheren Griechen kaum noch Vorteile erspielen.

"Wir waren sehr clever und haben ihre Stärken bekämpft", sagte Dellas und meinte damit die von Rehhagel angeordnete - altmodisch anmutende - Manndeckung gegen Tschechiens Stürmer Baros und Jan Koller sowie Kapitän Pavel Nedved. Nachdem Nedved, der sich in einem Zweikampf mit seinem Gegenspieler Konstantinos Katsouranis verletzte, schon nach 40 Minuten hatte ausgewechselt werden müssen, fehlte den Tschechen ihr großer Antreiber und Stratege. Nur selten konnten sie ihr temporeiches Kombinationsspiel aufziehen und versuchten es stattdessen allzu oft mit hoch nach vorn getretenen Bällen.

Rehhagel auf dem Olymp: Seine Griechen siegten 1:0
AFP

Rehhagel auf dem Olymp: Seine Griechen siegten 1:0

Zwar bot Baros, der mit Giourkas Seitaridis von Panathinaikos Athen einen der besten Verteidiger dieses Turniers als Bewacher hatte, erneut eine gute Leistung, doch in diesem Spiel gelang ihm erstmals kein Tor. Seine beste Chance hatte er in der 83. Minute, als er nach einem Dribbling im Strafraum knapp am Tor vorbeischoss. Drei Minuten zuvor hatte Koller nach herrlicher Vorarbeit Rosickys freistehend aus elf Metern Torentfernung fahrlässig die Entscheidung vergeben.

Gegen die auf eine Sonderschicht nicht eingestellten Tschechen, verdienten sich die Griechen mit zunehmender Spieldauer den Sieg. "Das ist es, was die Mannschaft auszeichnet: Sie hat auch in der Verlängerung noch genügend Kraft und kämpft mit großer Leidenschaft und Einsatzwillen", lobte Rehhagel sein Team und vergaß nicht, seinen Anteil zu erwähnen: "Ich gebe die Ratschläge aus dem großen Erfahrungsschatz, den ich habe. Die Spieler setzen sie um." Wie ein Vater des Erfolgs tätschelte er auf dem Podium der Pressekonferenz den Arm von Dellas, der in der 105. Minute den vom eingewechselten Vasileios Tsiartas getretenen Eckball ins Tor geköpft hatte.

Tschechiens Coach Karel Brückner schüttelte sein weißes Haupt, als er auf den einzigen Treffer der Partie zu sprechen kam. "Seit drei Jahren bin ich Nationaltrainer, und das war das erste Gegentor nach einer Ecke", sagte der 64-Jährige, der die Leistung von Rehhagels Griechen aber anerkannte: "Sie sind hervorragend in der Abwehr und spielen einen sehr effektiven Fußball."

Die Zeiten, in denen die Gegner der deutschen Nationalelf diese ehrfurchtsvolle Aussage trafen, sind nach dem erneuten Scheitern des DFB-Teams in der EM-Vorrunde passé. In seiner Bewerbung als Bundestrainer lässt Rehhagel jedoch bislang nur Taten sprechen. "Ich war schon um sieben Uhr aufgestanden und den ganzen Tag mit meinen Gedanken nur bei den Spielern", erklärte Rehhagel zur - nach der Absage Ottmar Hitzfelds wieder völlig offenen - Kandidatensuche für die Völler-Nachfolge, "nach diesem Sieg habe ich die Verpflichtung, nur mit den Spielern meiner Mannschaft zu sprechen". Dass er nicht gerne Deutschlands erster Fußballlehrer bei der WM 2006 werden möchte, sagte er nicht.

Griechenland - Tschechien 1:0 (0:0) durch Silver Goal
1:0 Dellas (105.)
Griechenland: Nikopolidis - Seitaridis, Kapsis, Dellas, Fyssas - Zagorakis, Katsouranis, Basinas (72. Giannakopoulos) - Charisteas, Vryzas (91. Tsiartas), Karagounis
Tschechien: Cech - Jankulovski, Bolf, Ujfalusi, Grygera - Nedved (40. Smicer), Galasek, Rosicky, Poborsky - Baros, Koller
Schiedsrichter: Collina (Italien)
Zuschauer: 42.449
Gelbe Karten: Seitaridis, Charisteas, Karagounis (2) - Galasek, Smicer, Baros



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