Özil und der DFB Für Grindel wird es eng

Mesut Özils Erklärung ist ein einziger Angriff auf DFB-Präsident Reinhard Grindel. Für den DFB-Boss kommt die Debatte zum ungünstigsten Moment - sein Vorzeigeprojekt gerät dadurch in Gefahr. Und damit sein Job.
DFB-Präsident Reinhard Grindel

DFB-Präsident Reinhard Grindel

Foto: Andreas Arnold/ dpa

Es gehört zu den Fußnoten dieser in Gänze so unsäglichen Angelegenheit, dass Mesut Özil, der sich über all die Jahre so furchtbar ungern über Themen geäußert hat, die nichts mit dem Fußball zu tun hatten, jetzt eine der intensivsten gesellschaftspolitischen Debatten dieses Sommers auslöst. Und nebenbei den DFB-Präsidenten Reinhard Grindel in größte Bedrängnis gebracht hat.

Die Özil-Erdogan-Affäre ist mittlerweile eine Özil-Erdogan-Grindel-Affäre geworden. Dies ist auch das Ergebnis einer Debatte, die voll ist von Widersprüchen, Missverständnissen und schweren hausgemachten Fehlern. Und die auch zeigt, was dabei herauskommt, wenn man Sport und Politik zu trennen versucht und beides dadurch noch enger miteinander verstrickt wird.

Grindel habe ihn schon früh aus dem Team heraushaben wollen, hat Özil in seinem Statement vom Sonntag dem DFB-Boss vorgeworfen. Tatsächlich hatte der Präsident direkt nach der Veröffentlichung scharfe Kritik an Özil und seinem Teamkollegen Ilkay Gündogan geäußert, davon gesprochen, dass beide sich von Erdogan haben "missbrauchen lassen".

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Schlingerkurs hat die Affäre größer gemacht

Dass er von diesem harten Kurs nur wenige Tage später abgerückt war, steht für die zahlreichen Inkonsequenzen, die der Fall in der Folge mit sich brachte. Wenn es stimmt, dass Grindel den Rauswurf von Özil und Gündogan gewollt habe, war er zumindest nicht stark genug, dies gegen den Bundestrainer durchzusetzen. Als Präsident hätte er die Autorität dazu gehabt. Stattdessen wollte man sich plötzlich nur noch auf den Fußball konzentrieren und schob das Thema nach dem Besuch der beiden Fußballer beim Bundespräsidenten unter den Teppich.

Der Schlingerkurs aller Beteiligten hat diese Affäre immer größer, nicht kleiner gemacht. Die Abwesenheit Özils am Medientag, die Versuche von DFB-Manager Oliver Bierhoff, das Thema noch vor dem Turnier zu beerdigen, die darauf folgende Medienkampagne gegen Özil, die Untätigkeit des Verbandes, als die Ressentiments gegen Özil immer mehr Raum fanden, schließlich die Attacken Bierhoffs und Grindels gegen Özil - all das hat den Fall Özil-Erdogan zur Staatsaffäre werden lassen.

Grindel hat wenig getan, um gegenzusteuern. Im Gegenteil: Mit seinem "Kicker"-Interview kurz nach dem Scheitern der Nationalmannschaft in Russland hat er das Thema Özil noch unnötig befeuert. So lesen sich die Äußerungen Özils vom Sonntag auch als ein einziges Manifest gekränkten Stolzes. Nicht vergessen darf man allerdings: Den Stein nach der WM hatte nicht Grindel losgetreten, sondern DFB-Manager Oliver Bierhoff. Der jedoch wird von Özil vollständig geschont.

Entscheidung über EM 2024 steht an

Für den Verbandsboss kommt die gesamte Diskussion äußerst ungelegen. Im September fällt die Entscheidung, ob Deutschland den Zuschlag für die EM 2024 erhält - oder doch der einzige verbliebene Konkurrent, die Türkei. Ausgerechnet. Bisher galt Deutschland als klarer Favorit, die EM-Bewerbung ist das Renommierprojekt Grindels. Jetzt aber, sechs Wochen vor dem Uefa-Beschluss, steht der DFB als Organisation ohne echte Führung da, der gesamte Verband gibt in der Öffentlichkeit ein desaströses Bild ab. Seit Sonntag stehen jetzt konkrete Rassismus-Vorwürfe durch Özil im Raum. All das macht vor der Uefa gar keinen guten Eindruck. Wenn die Türkei die EM zugesprochen bekommt, dürfte das der Moment sein, an dem der DFB-Präsident im Amt nicht mehr haltbar ist.

Paradoxerweise rettet ihn das EM-Projekt derzeit vor noch intensiveren Diskussionen um sein Amt. Bevor die Uefa nicht entschieden hat, kann sich auch der DFB nicht erlauben, seinen Präsidenten öffentlich infrage zu stellen oder gar zu ersetzen. Grindel ist erst im Vorjahr ins Exekutivkomitee der Uefa gewählt worden, bis zu der 2024-Entscheidung muss er die wichtigen Hintergrundgespräche führen. Grindel wird als Strippenzieher gebraucht. Noch.

Dass Grindel keine Fußballvergangenheit hat, selbst als Funktionär ein Seiteneinsteiger aus der Politik ist, in den Gremien wenig vernetzt, kommt für ihn erschwerend hinzu. Aus den Landesverbänden hat er wenig Rückendeckung zu erwarten, Grindel gilt als Apparatschik. Seit er im Amt ist, hat er die Nähe zur Nationalmannschaft gesucht, gefunden hat er sie im Gegensatz zu seinem Vorgänger Wolfgang Niersbach aber nie.

Im Bundestag galt er in der Integrationsfrage als Hardliner , so hat er sich als Abgeordneter ablehnend über "Multikulti" geäußert, das ist zwar Jahre her, aber auch das wird jetzt aus der Schublade geholt. Die Hausmacht Grindels im DFB war immer schon gering, jetzt, wo ihm der Wind ins Gesicht weht, wird sie noch kleiner. "Grindel war und ist der schlechteste Präsident, den ich je erlebt habe", sagt der frühere DFB-Mediendirektor Harald Stenger. Und er hat einige DFB-Bosse erlebt.

Eigentlich konnte er sich zuletzt nur noch auf seine Medienverbindungen verlassen. Mit der Firma des früheren "Bild"-Chefredakteurs Kai Diekmann gab es Kontakte, um die Präsenz des DFB-Präsidenten in den Social-Media-Kanälen zu verbessern. Exklusivnachrichten aus dem DFB und aus der Nationalmannschaft fanden zuverlässig ihren Weg in die "Bild"-Redaktion. Auch im Fall Özil hat sich die Zeitung deutlich aufseiten des DFB-Präsidenten positioniert, titelt am Montag vom "Jammer-Rücktritt Özils" und von der "wirren Abrechnung" des Nationalspielers "mit Deutschland".

Ob wirr, widersprüchlich oder klarsichtig - Özils Erklärung ist, seit sie am Sonntag in dieser bemerkenswerten Form über den Tag gestreut in drei Teilen erschien, unterschiedlichsten Interpretationen unterzogen worden. Jeder liest darin, was er lesen möchte.

Nur eines ist jenseits aller Deutungen unstrittig: Für den DFB-Präsidenten Reinhard Grindel ist es seitdem noch enger geworden.

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