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05. April 2017, 13:30 Uhr

DFB-Präsident Grindel

Der Mann fürs Hinterzimmer

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Reinhard Grindel hat ein erstes Teilziel erreicht: Der DFB-Präsident ist in die Machtzirkel von Fifa und Uefa gewählt worden - das hat er vor allem seinem Werben um die kleinen Verbände zu verdanken.

Reinhard Grindel ist zwar erst ein Jahr als DFB-Präsident im Amt, aber er hat schnell begriffen, wie es bei den großen Fußballverbänden läuft: Manchmal muss man sich klein machen, um groß herauszukommen.

Also hat Grindel in den vergangenen Monaten viele Klinken geputzt, er habe in den zurückliegenden Wochen vor allem den Kontakt zu den kleinen und mittleren Verbänden in Europa gesucht und dabei mehrfach gehört, "dass zum ersten Mal ein DFB-Präsident mit ihnen auf Augenhöhe gesprochen hat".

Auf dem Uefa-Kongress, der gerade in Helsinki stattfindet, hat der 55-Jährige die ersten Früchte dieser Strategie eingefangen. Ohne Probleme wurde er von den Delegierten ins Exekutivkomitee der Uefa gewählt, auch einen Sitz im Council des Weltverbands Fifa sicherte er sich. Plätze, die sein Vorgänger Wolfgang Niersbach räumen musste. Niersbach hatte es anders gemacht: Er war gerne nah bei den Mächtigen, bei denen mit den großen Namen. Viel geholfen hat es ihm nicht.

Grindel dagegen hat in der Politik als CDU-Bundestagsabgeordneter gelernt, wie man Macht organisiert. Und sein Lehrmeister in der Uefa ist dabei einer, der gar nicht mehr mittun darf. Als Michel Platini sich um das höchste Amt im europäischen Fußball bewarb, machte der Franzose auch die Ochsentour, umgarnte die kleinen Verbände in Mittel- und Osteuropa und lockte sie mit dem Versprechen, die Zahl der teilnehmenden Teams an Europameisterschaften deutlich zu erhöhen. Das sicherte ihm letztlich die Wahl.

"Oliver Bierhoff habe ich deutlich gemacht, dass ich seine Auffassung nicht teile"

Platini stolperte über seine eigene Gier, darüber, das er irgendwann vergessen hatte, den Dialog mit den Verbänden zu suchen, darüber, dass er sich zu sicher fühlte. All das hat Grindel registriert, und Demut kommt in diesen Zeiten bestens an.

Daher hat der DFB-Boss auch als sein neues Lieblingskind die vor allem bei den Vereinen äußerst umstrittene Nations League entdeckt. Der neue europäische Nationenwettbewerb, eine Erfindung von Platini und dessen damaligen Generalsekretär Gianni Infantino, sei "für viele kleine und mittlere Länder die große Chance, regelmäßig Spielbetrieb zu haben und nicht auf Freundschaftsspiele angewiesen zu sein", betonte er in dieser Woche und brüskierte damit auch Nationalmannschafts-Manager Oliver Bierhoff. Der macht aus seiner Abneigung gegen den Wettbewerb keinen Hehl. "Oliver Bierhoff habe ich deutlich gemacht, dass ich seine Auffassung nicht teile", ließ Grindel den Manager auflaufen. Auch hier eine klare Abkehr vom bisherigen Kurs - Niersbach war ein Gegner der Nations League gewesen.

Der DFB bleibt ungeachtet dessen der größte und einflussreichste Verband Europas, ein umso einflussreicheres Mitglied, als der jetzige Uefa-Chef Aleksander Ceferin als relativ schwach gilt. Aber um die Chancen zu verbessern, in der Hierarchie nach ganz oben zu gelangen, tut es gut, dies nicht ständig zu betonen. "Die kleinen Verbände haben genauso eine Stimme wie Deutschland, England oder Spanien", sagt Grindel, und genau darauf ruht seine Strategie.

Schließlich wartet im Hintergrund noch das große Ziel, die EM 2024 nach Deutschland zu holen. Und da kann man nicht früh genug anfangen, das Wohlwollen der Verbände einzuholen, um im Vergleich mit Konkurrent Türkei in Vorsprung zu kommen. Grindel ist ein Netzwerker, im Hinterzimmer entfaltet er seine Qualitäten. Und dafür es gibt wenig bessere Orte als die Uefa.

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