Rücktritt des DFB-Präsidenten Grindel Der falsche Aufräumer

Der zurückgetretene DFB-Präsident Reinhard Grindel will über einen einzigen dummen "Fehler" gestolpert sein. Er selbst weiß, wie falsch das ist. Grindels Nachfolger muss vor allem eines sein: ehrlich.

RONALD WITTEK/EPA-EFE/REX

Eine Analyse von , und


Irgendwann am Sonntag muss Reinhard Grindel gewusst haben, dass er als DFB-Präsident erledigt war. Am Freitagabend kam die SPIEGEL-Meldung, dass er heimlich 78.000 Euro für ein paar Stunden Herumsitzen in einem DFB-Aufsichtsrat eingesteckt hatte. Von da an tickte die Uhr - gegen Grindel.

Eine Stunde verging, kein Präsident der Landesverbände, kein Ligafunktionär nahm ihn öffentlich in Schutz. Zwei Stunden, drei, vier, immer noch nichts. Es wurde Samstag, 15 Stunden, 16 Stunden, dann Sonntag, 39, 40, 41, 42. Nichts. Der Kommentar seiner Verbandsfreunde: ein eisiges Schweigen, eine tödliche Stille.

Der einzige Helfer, den ihm der DFB an die Seite gestellt hatte, war ausgerechnet der Berliner Presserechtler Christian Schertz. Was für eine Ironie: Schertz hatte schon Grindels Vorgänger Wolfgang Niersbach und den DFB beim Sommermärchenskandel beraten, in dessen Strudel dann die berühmte Stammel-Pressekonferenz stattfand, die Niersbachs Ende eingeleitet hatte. Nun war es wieder so weit: Die DFB-Pressestelle, heißt es, soll sich intern geweigert haben, für Grindel die SPIEGEL-Fragen zu beantworten. Todgeweihte überlässt man beim DFB lieber Professor Dr. Schertz.

Zunächst bemühten sich die Spitzenfunktionäre des DFB zwar noch um einen gesichtswahrenden Abgang für den Chef, als hätte der sein Gesicht mit dem Gieranfall im Aufsichtsrat der DFB-Medien Verwaltungs-GmbH nicht längst verloren.

Dann aber folgte auch noch die klassische Stolperfalle für Fußballfunktionäre: eine Luxusuhr. Grindel hatte sich von einem ukrainischen Verbandsfunktionär eine 6000-Euro-Uhr schenken lassen - 2017, als er schon Compliance-Beauftragter der Uefa war, zuständig für Sauberkeit im europäischen Fußball.

Das zeugte nach all den Skandalen im Weltsport, bei denen Luxusuhren oft genug eine Rolle gespielt hatten, nicht nur von fataler Arroganz, sondern auch von fehlender Urteilsfähigkeit. Eine Dummheit, die Grindel mit seinem umgehenden Rücktritt bezahlte.

Wieder ist damit ein Präsident an der Spitze des Deutschen Fußball-Bundes gescheitert - und der deutsche Fußball an der Suche nach einem Präsidenten, der für das Amt geeignet ist. Grindel wurde zum Verhängnis, dass er sich von Machenschaften des Selbstbedienens öffentlich immer klar distanziert hatte. Umso blamierter stand er nun da.

Die nächste Zäsur im deutschen Fußball

Schon Niersbachs Rücktritt stellte eine Zäsur dar. Der alte DFB brach damals zusammen. Jener DFB, der nach außen immer so tat, als habe er mit dem Schmutz des Fußballs in aller Welt nichts zu tun. Danach musste der Verband aufräumen und fand Grindel, den falschen Aufräumer. Der Rücktritt des Präsidenten Grindel wird nun aber eine noch größere Zäsur bedeuten. Denn die Suche nach einem Nachfolger wird begleitet von der Frage, wie es überhaupt mit dem DFB weitergeht. So wie bisher jedenfalls nicht.

Der DFB steht vor der größten Strukturreform seiner Geschichte. Der neue, noch unbekannte Name an der Spitze, der auf die beiden Übergangspräsidenten Reinhard Rauball und Rainer Koch folgen wird, ist darin nur ein wichtiges Puzzleteil. Er muss passen zu einem Verband, dem das Finanzamt Frankfurt III nur dann die Gemeinnützigkeit und millionenschwere Steuervorteile belässt, wenn er den Amateurfußball nicht wie bisher zugunsten des Spitzenfußballs schröpft.

Das wird nur funktionieren, wenn der neue Mann an der Spitze beides ist: ein guter Manager, wie ihn der verkrustete Verband braucht und der Spitzensport verlangt. Und eine angesehene Persönlichkeit, die die Erwartungen an einen integren Verband mit ihrem Charakter einlöst.

Dass Grindel dazu grotesk unfähig war, für den Verband untragbar, für die Fans im Lande unerträglich, bewies er nun auch noch mit seinen Worten zum Abschied (lesen Sie hier die Rücktrittserklärung im Wortlaut). Darin ist der Realitätsverlust des Präsidenten - oder seine Heuchelei - mit Händen zu greifen. Es sei für ihn ein "Gebot der Höflichkeit gewesen, dieses Geschenk anzunehmen" - er meinte die Uhr. "Ich bin davon ausgegangen, dass ich die Uhr als Privatgeschenk annehmen darf".

In welcher Scheinwelt lebte Grindel? 2014 hatte der brasilianische Verband Dutzenden Fifa-Funktionären teure Uhren der Marke Parmigiani Fleurier geschenkt. Die Herren mussten die Edelchronometer wieder zurückgeben. Die Fifa ermittelte wegen eines Verstoßes gegen ihren Ethik-Kodex. Die öffentliche Empörung über die Mitnahmementalität der Funktionäre war groß, aber Reinhard Grindel, Mitglied des Uefa-Exekutivkomitees, will davon nichts mitbekommen haben? Oder drei Jahre später sich nicht mehr daran erinnert haben? Das klingt nicht sehr glaubwürdig.

Noch eine zweite Uhrenaffäre hätte Grindel zwangsläufig in den Sinn kommen müssen: Bayern-Chef Karl-Heinz Rummenigge wurde 2013 am Flughafen München dabei erwischt, wie er zwei Rolex-Uhren unversteuert aus Katar einführen wollte. Rummenigge akzeptierte einen Strafbefehl über 250.000 Euro. Seitdem wussten auch Fußballfreunde, die sich keine Handgelenk-Accessoires im Wert einer Zweizimmerwohnung leisten können, dass man nicht so mir nichts, dir nichts Luxusuhren aus dem Ausland mitbringen kann. Grindel aber will auch das nicht im Hinterkopf gehabt haben - was die Frage provoziert, was der amtierende DFB-Chef überhaupt im Kopf hatte. Auch Grindel muss nun sein Uhrengeschenk nachversteuern.

Es war nicht ein dummer Fehler

Besonders scheint Grindel aber an der Legende zu hängen, dass er doch nur über diese eine Uhr gestolpert sei. Über einen einzigen dummen "Fehler", der ihn nun tragischerweise seine ganze Karriere koste. Wer die Vorgänge im DFB der vergangenen Woche kennt, weiß, wie falsch das ist. Und Grindel muss das natürlich auch wissen; er war schließlich live dabei.

Schon nach der SPIEGEL-Enthüllung über die 78.000 Euro, die Grindel heimlich für seinen Aufsichtsratsposten kassiert hatte, stand in der Frankfurter Verbandszentrale fest, dass dieser Präsident keine Zukunft mehr hat. Es war nur eine Frage von Tagen, bis das verkündet wurde - daher das eisige Schweigen, die Allianz der Verbandsfreunde, die keinen Finger mehr für ihn krumm machten.

Das Geldgeschenk aus dem Aufsichtsrat war also schon der Tropfen gewesen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hatte, nach all den Tollpatschigkeiten, die sich Grindel im vergangenen Jahr bei seinen Auftritten rund um die Nationalelf geleistet hatte. Die Uhr flog am Ende dann nur noch mit Wucht in das randvolle Fass und ließ es so heftig überschwappen, dass Grindels Plan dahin war: ein Abschied, der nicht so aussah, als wäre er geschasst worden.

Selbst in dieser nun aussichtslosen, endgültigen Lage will Grindel aber nicht von seinen beiden gut dotierten Ämtern in Fifa und Uefa lassen, die ihm im Jahr rund 500.000 Euro bringen. Warum aber sollte ein Mann, der so wenig Gefühl dafür hat, was geht und was nicht, in diesen Ämtern verbleiben? Allen Ernstes schreibt er: "Jeder, der mich kennt, weiß, dass ich nicht geldgierig bin." Ihn drängt also nur das Pflichtgefühl, den europäischen Fußball in eine gute Zukunft zu führen. Selbstlos. Uneitel.

Der nächste Präsident des DFB muss nicht nur ein guter Manager sein und eine angesehene Persönlichkeit. Er muss auch ehrlich sein. Ehrlich gegenüber der Öffentlichkeit. Und ehrlicher gegenüber sich selbst.


Anmerkung der Redaktion: Die ursprüngliche Version wurde am 4. April im Hinblick auf die Zusammenarbeit zwischen DFB und Rechtsanwalt Schertz im Zusammenhang mit dem Sommermärchenskandal geändert.

insgesamt 40 Beiträge
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Seite 1
tom2strong 02.04.2019
1. Alles legal aber er sollte wohl gegangen werden
Herr Grindel hat sich rechtlich nicht schuldig gemacht. Trotzdem muss er gehen. Diejenigen die eine Hetzjagd auf ihn angesetzt haben werden wissen warum. Ich finde das widerlich. Es erinnert leider an eine nicht rühmliche Zeit in Deutschland. Fair ist das nicht. Die Zahlungen die er erhalten hat sind alle legal und rechtens. Die Uhr von 6000 Euro ist ein Witz. Eine von Neid aufgepeitschte Meute hat wieder ein Opfer erlegt.
tom2strong 02.04.2019
2. Alles legal aber er sollte wohl gegangen werden
Herr Grindel hat sich rechtlich nicht schuldig gemacht. Trotzdem muss er gehen. Diejenigen die eine Hetzjagd auf ihn angesetzt haben werden wissen warum. Ich finde das widerlich. Es erinnert leider an eine nicht rühmliche Zeit in Deutschland. Fair ist das nicht. Die Zahlungen die er erhalten hat sind alle legal und rechtens. Die Uhr von 6000 Euro ist ein Witz. Eine von Neid aufgepeitschte Meute hat wieder ein Opfer erlegt.
rosinenzuechterin 02.04.2019
3. Selbst Schuld
All diese Grindels, Beckenbauers, Rummenigges, Blatters und Infantinos wären nichts, wenn das Fußballvolk ihnen nicht das viele Geld hinterhertragen würde. Und so schlimm, dass man "seiner Mannschaft" nicht mehr hinterherreist oder aufs PayTV-Abo verzichtet, ist es dann wohl doch alles nicht.
amertexos 02.04.2019
4. Ich fürchte, dass Bierhoff
die Gunst der Stunde nutzen wird, um sich zumindest für die weitere Zukunft in Stellung zu bringen. Es muss für ihn nicht sofort sein, aber soviel Geschick unterstelle ich ihm, den Topf auf dem heißen Herd zu lassen.
MesuTözil 02.04.2019
5. Ehrlichkeit
... sollte oberste Vorraussetzung sein. Im der heutigen Zeit den Wert einer Luxusuhr nicht zu erkennen, ist schon bemerkenswert und klingt leider nach einer dreisten Lüge. Das Verhalten ist ekelhaft und ein Schlag ins Gesicht aller Amateutrainer, die ehrenamtlich Woche für Woche ihre Freizeit auf den Fußballplätzen dieser Republik opfern.
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