Reizfigur Oliver Bierhoff Zu Gast bei Fremden

Trotz des Burgfriedens von Frankfurt: Nationalelf-Manager Oliver Bierhoff hat in all den Jahren keine Heimat beim DFB gefunden. Mit dem Nein zum Vertragsentwurf des Bundestrainers wollten seine Gegner vor allem ihn treffen - dabei verdankt ihm der Verband viel.
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Oliver Bierhoff: Reizfigur im DFB

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Oliver Bierhoff kennt den Argwohn. Der war sein ständiger Begleiter, schon als Spieler. Seit er Manager der Nationalmannschaft ist, ist er es sowieso. Die Widerstände beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) gegen die Vertragsverlängerung von Bundestrainer Joachim Löw zielen denn auch viel weniger gegen den Trainer als vielmehr gegen den Manager Bierhoff, den einige beim DFB lieber heute als morgen los wären. Von den Fußballfans wird er als geföhnter Kopf, als aalglatter Managertypus verspottet und abgelehnt - er ist keiner von ihnen, nie gewesen. Der Berliner "Tagesspiegel" hat ihn den "Fremdkörper" genannt, und so fremd wie in den vergangenen Tagen wird sich Bierhoff beim DFB noch nie vorgekommen sein.

Für den 41-Jährigen war die Stunde der Einigung die Stunde der Niederlage. Blass im Gesicht, das Lächeln aufgesetzt, formulierte er beim sogenannten DFB-Friedensgipfel die eigene Kapitulation. Löw und Bierhoff wirkten wie kleine Schuljungs und DFB-Boss Theo Zwanziger wie der Rektor, der sich die beiden zum Rapport bestellt hatte, damit sie sich artig entschuldigten. Vermeintlich generös überließ Zwanziger Löw und Bierhoff bei der Pressekonferenz den Vortritt, nur um sich huldvoll die Ergebenheitsadressen seiner zwei leitenden Angestellten liefern zu lassen.

Bierhoff hatte es seinen Gegnern schon in der Vorwoche leicht gemacht. Durch seine Forderungen, die Bierhoff im Namen der sportlichen Leitung vorgetragen hatte und die er schon im Vorfeld der Verhandlungen in der "Bild" nachlesen durfte, hat er denen Munition geliefert, denen Bierhoffs Weg immer schon suspekt war. Einem wie DFB-Generalsekretär Wolfgang Niersbach, seit je kein großer Freund Bierhoffs, der ihn als Konkurrenz um den Zugang zur Nationalelf wahrnimmt. Niersbach war zu Zeiten des Teamchefs Franz Beckenbauer als Pressechef der Nationalelf immer ganz dicht dran an den Nationalspielern. Das ist vorbei, seitdem Bierhoff das Sagen hat.

In sechs Jahren viele Feinde gemacht

Jetzt betont Niersbach vor der Presse obenauf, dass er "den Oliver" ja schon seit Jahren bestens kenne und ihm einst gar das Skatspiel beigebracht habe. Bierhoff lächelt gequält.

Die Ablehnung, die Bierhoff in der DFB-Präsidiumssitzung am Donnerstag entgegenschlug, scheint ihn trotzdem überrascht zu haben. Sonst hätten Löw und er ihre Nachbesserungswünsche strategisch besser vorbereitet und wären nicht so unvorbereitet vor die Wand gelaufen.

Bierhoff hat sich im Lauf seiner sechs Jahre als Manager viele zu Feinden gemacht, und man fragt sich warum. Er hat das Image der Nationalelf massiv aufpoliert, er hat dem DFB zahlreiche Sponsoren zugeführt und dem Verband damit die Kasse gefüllt, er hat dazu beigetragen, dass der deutsche Fußball in seiner Außendarstellung als modern erscheint und höchstens noch die englische Presse von "teutonischen Panzern" schreibt, wenn von Klose, Ballack und Podolski die Rede ist.

Die Nationalelf als Consultant AG

Genau die Außendarstellung ist es allerdings, die dem Manager zum Vorwurf gemacht wird. Das Misstrauen bei Funktionären und Fans sitzt tief, dass Bierhoff quasi eine Nationalmannschaft nach seinem Bilde erschaffen möchte. Eine Nationalelf, die auf Managerseminaren geformt wurde, die Nationalelf als Marke oder noch besser als "brand", eine Löw-Bierhoff-AG mit einer Heerschar von Beratern, Beauftragten, flachen Hierarchien. Nicht nur sauber, sondern rein. Eine Nationalelf, die mit Fritz Walter und Horst-Dieter Höttges ungefähr so viel gemein hat wie Frank-Walter Steinmeier mit dem Arbeiterkumpel unter Tage. Kein Artikel über Bierhoff, in dem nicht das hämische Wort von Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge von der "Ich-AG am Starnberger See" auftaucht.

Um dieser Skepsis gegenüber Bierhoff Luft zu verschaffen, ist vieles recht. Die Nähe zu seinem einstigen Arbeitgeber Nike wird ihm zur Last gelegt, wenn er einen märchenhaften Ausrüstervertrag des US-Konzerns anschleppt, der den DFB auf Jahre jeglicher Finanzsorgen entledigt hätte. Der Nike-Vertrag wurde abgelehnt, weil der DFB und sein Präsident Theo Zwanziger das Risiko scheuten, es sich mit dem mächtigen Adidas-Konzern zu verderben, der sich als Abonnent für DFB-Verträge versteht.

Damals im Jahr 2007 war Bierhoff gedanklich schon kurz davor, die Brocken hinzuwerfen. "Wenn es so sein sollte, dass ich das Problem bin, dann habe ich damit auch kein Problem. Dann lasse ich den Job sein, dann geh ich halt", hat er damals in einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" gesagt. Andererseits ist er überzeugt davon, dass Löw und er den einzig gangbaren Weg für die Nationalelf gehen. Dass andere es besser machen könnten, kann er sich nicht wirklich vorstellen.

Als Spieler durchgekämpft

Bierhoff ist, man mag es nicht glauben, ein Kind des Ruhrgebiets. Dass er mehr oder weniger als Sohn eines Vorstands des RWE-Konzerns mit dem goldenen Löffel aufwuchs, ändert nichts daran, dass er sich in seinem Beruf durchkämpfen musste. Bis Bierhoff Nationalspieler wurde, hat es lange gedauert. In dem Alter, in dem Bierhoff sein erstes Länderspiel machte, wird Bastian Schweinsteiger wahrscheinlich schon 100 DFB-Einsätze auf dem Buckel haben.

Und wieder typisch Bierhoff: Er hat sich über das Ausland für die DFB-Elf qualifiziert, in der Bundesliga hat er lediglich 73 Spiele gemacht und dabei zehn Tore geschossen, später nie in einem Verein als Trainer oder Sportdirektor gearbeitet. Die klassische Liga-Biografie, die den Rummenigges und Völlers zu eigen ist, fehlt ihm fast komplett - inklusive all der Netzwerke, die man sich in der Bundesliga über die Jahre knüpft und die einen eine Ewigkeit lang durch das fußballerische Erwerbsleben tragen können.

In einem Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" im Jahr 2008 hat Bierhoff mal laut nachgedacht: "Ich werde sicher nicht mein Leben lang Manager der Nationalmannschaft sein." Es wird wohl langsam Zeit, sich konkreter Gedanken zu machen, was danach kommt.

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