Rekordtrainer Finke Der eigenwillige Alleinherrscher

Der Rekord schien für die Ewigkeit, doch Volker Finke hat ihn gebrochen. 14 Jahre, 2 Monate und 30 Tage - einen länger als Otto Rehhagel - ist er Coach beim selben Club. Aus dem SC Freiburg machte er einen Europacup-Teilnehmer und sich selbst zum König des Breisgaus.

Von , Freiburg


Martin Braun hat eine tiefe Stimme, er spricht langsam und klingt manchmal so, als könnten seine Kommentare etwas mehr Tempo vertragen. Aber der PR-Manager des SC Freiburg lässt keine Hektik aufkommen. Im "Freiburger Mainstream" gehört sich das so. Keiner lässt sich aus der Ruhe bringen. Anfang September tat der 36 Jahre alte Braun, der über 150 Spiele für den SC Freiburg machte, dann etwas, was vor ihm noch keiner getan hat. Er schrieb eine Pressemitteilung. Die klang, als habe der Kreisverband der Grünen in Freiburg beschlossen, die Feiern zum Erntedankfest wegen Terminschwierigkeiten ausfallen zu lassen.

Freiburger Trainer Finke: "Immer auf die Fresse bekommen"
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"... wie ihr euch alle vorstellen könnt ... ", schrieb Braun. Und: "... wie ihr alle wisst ..." Es war ein besonderer Anlass, der beim Sportclub zu einer besonderen Form der Verlautbarung anregte und Braun eine Absage in kumpelhaftem Stil verfassen ließ. Ein Anlass, von dem der zu bejubelnde Jubilar, zumindest öffentlich, nichts wissen wollte. Er habe keinen Schimmer, wann denn dieser Termin sei, sagte Volker Finke vor ein paar Tagen. Und jeder sah, der Mann kokettiert mit seinem ungewöhnlichen Rekord. Obwohl sich Statistiker noch streiten, wann der große Tag war oder ist (vergangenen Mittwoch oder am heutigen Freitag), Finke ist nun der dienstälteste Trainer bei einem Fußball-Profiverein. 14 Jahre, 2 Monate und 30 Tage sind es, so hat die Deutsche Presseagentur ermittelt. Ein Tag mehr, als Werder Bremen Otto Rehhagel im Weserstadion ertrug.

Braun teilte nun mit, Finke werde trotz der beachtenswerten Tatsache keine Interviews zum Thema geben. Der Cheftrainer wolle seine tägliche Arbeit nicht durch zig Termine vernachlässigen. Man wolle einer Fokussierung "seiner Person" keinen Vorschub leisten. Das Projekt SC Freiburg sei immer auf mehrere Schultern verteilt gewesen. Was natürlich ziemlich geschwindelt ist. In den Zeitungen wird der Club aus dem Südwesten nicht ohne triftigen Grund, "SC Finke" genannt. Selbst Präsident Achim Stocker ("Eine meiner besten Amtshandlungen war es, Volker Finke zu holen") räumt ein: "Ohne Finke geht hier nichts."

Dass ihn einer Patriarch nennt oder gar einen Diktator, das mag Finke nicht besonders leiden. Überhaupt hat sein Verhältnis zur Außenwelt (der außerhalb Freiburgs) in den letzten Monaten nach dem dritten Abstieg aus der Bundesliga schwer gelitten. So sehr, dass selbst die eher linke "Frankfurter Rundschau" die Keule schwang. "Aus einem eloquent-witzigen Menschen, der im Phrasenland Bundesliga klare Sätze sprach und herzerfrischenden Fußball spielen ließ, war ein grantelnder Nörgler geworden, der nicht nur sein kickendes Umfeld zur Abschreckung unter Druck setzte. In der Manier eines Alleinherrschers versucht Finke sein Lebenswerk zu schützen, verstrickt in seine eigene Vision, die mehr als ein Jahrzehnt goutiert wurde", so schreibt das Blatt. Die Zeit, da es galt, die Freiburger als "Breisgau-Brasilianer" zu feiern, sei vorbei und der "Glaube an links-liberalen Fußball-Kult tot".

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Rekordcoach Finke: Falten und Feiertage

Im Scheinwerferlicht versucht Finke, getreu dem Freiburger Motto, die Ruhe zu bewahren. Er versucht es. Aber immer öfter offenbarte der 57 Jahre alte gebürtige Niedersachse, wie sehr ihm die Attacken zusetzten. Er habe "wochenlang auf die Fresse" bekommen, klagte er und drohte mit seinem Abgang, bis man ihn wieder einmal bekniete, doch weiter zu machen. Er schimpfte höchst erregt über ehemalige Spieler, die ihm alles zu verdanken hätten und ihm nun, da es schlecht liefe, in den Rücken fielen. Der Club um Präsident Stocker aber stand zum eigenwilligen Trainer, der von sich sagt: "Man muss mich nicht mögen. Es kann schon sein, dass ich sperrig bin". Finke könne sich nur selbst entlassen, hieß es einmal und dann wieder, man steige mit ihm ab und auch wieder auf. Denn auch drei Aufstiege gehen auf sein Konto.

Aber vergangene Saison lief es schlecht. Finke und Freiburg stiegen ab. Vergessen die unbeschwerten Tage, als Finke jedem mit einem Lächeln begegnete, bereitwillig diskutierte und sich stellte. Vergessen die Tage überbordender Freude, als der SC 1995 als Tabellendritter der Bundesliga in den Uefa-Cup einzog, was das Ergebnis seiner Arbeit war. Unberücksichtigt dabei das inzwischen schmucke Stadion, die ansehnlichen Gebäude, die makellose finanzielle Bilanz und die Freiburger Fußballschule. Für viele aber spricht Finke ein bisschen zu viel über den "Ausbildungsverein SC Freiburg" und geht ein bisschen zu oft in Afrika und anderen Ländern fertige Spieler einkaufen.

Finke musste tatsächlich viel einstecken in den letzten Jahren. Private Affären wollte man ihm andichten, die nie irgendjemand nachweisen konnte. Er zog sich zurück, beschränkte sich sauertöpfisch dreinschauend und gekränkt auf einen ausgesuchten Kreis, mit dem er sich austauschte. Kritiker wurden mit Missachtung oder gar zweifelhaften Kommentaren aus dem "Hauptquartier Finke" bedacht. "Bei den meisten Berichterstattern und Moderatoren reichen Sprache und das Fachwissen nicht aus, um ein Spiel lesen zu können", sagt Finke. Und es kommt vor, so wird glaubhaft versichert, dass sogar örtliche Berichterstatter in den üblichen Pressekonferenzen dem Trainer zu Hilfe eilen, wenn sich einmal ein auswärtiger nach Freiburg gewagt hat.

In Freiburg kreierte Finke den "Kurzpass-Fußball", er sorgte mit dafür, dass Sonnenkollektoren auf Clubdächern installiert wurden, er warb für Bananen aus "fairem Handel" und bekam diverse Auszeichnungen für seinen Einsatz für "erneuerbare Energien". Und immer wenn es nicht so gut lief, entließ der Club nicht den Trainer und sparte teure Abfindungen. Finke aber durfte jedes Mal die Mannschaft austauschen und alles und jeden misstrauisch kontrollieren, der beim "etwas anderen Verein" (Finke) einen Posten bekam.

Er hat sehr lange für dieses Privileg gearbeitet. Ab heute sogar länger als jeder andere.



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