Wolfsburg-Sieg in Braunschweig "Das ist Hardcore"

In feindseliger Atmosphäre in Braunschweig hat Wolfsburg den Abstieg verhindert. Großen Anteil daran hatte Torjäger Mario Gomez. Ob er beim VfL bleibt, ist ungewiss. Der Klub steht vor einem Umbruch.

Wolfsburgs Mario Gomez
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Wolfsburgs Mario Gomez

Aus Braunschweig berichtet


Die Teamkollegen wurden schon unruhig, sie wollten zum Bus und dann weg. Weg aus dem Eintracht-Stadion.

"Mario, komm in die Strümpfe jetzt!", riefen sie über den Kabinengang der Braunschweiger Sportstätte, aber Mario Gomez stand immer noch vor den Reportern und gab seine Einschätzungen ab zu diesem 1:0 im Relegationsrückspiel, zum Abstiegskampf an sich und zur feindseligen Atmosphäre, in der sein VfL Wolfsburg bestanden hatte und die Klasse hielt.

Die Stimmung im rustikalen Rund an der Hamburger Straße war wie erwartet intensiv und hitzig gewesen - und geprägt von fragwürdigen Aktionen. Gomez musste sich über die gesamte Spielzeit von großen Teilen des Braunschweiger Publikums als "Hurensohn" beschimpfen lassen. Ihn traf die Verachtung der Zuschauer, weil er im Hinspiel (1:0 für den VfL) den ebenso schwer umstrittenen wie entscheidenden Elfmeter verwandelt hatte.

"Kann mit dem Hass nichts anfangen"

Zu Beginn der zweiten Halbzeit flog aus der Braunschweiger Kurve ein Böller in den Innenraum, ein Ordner musste behandelt werden, konnte seinen Dienst aber fortsetzen. Nach dem Spiel stürmten Eintracht-Fans den Platz, einige von ihnen versuchten, zum Gästeblock vorzudringen, wurden aber von der Polizei gestoppt. Sie konnte Braunschweigs Trainer Torsten Lieberknecht nicht gemeint haben, als er nach der Partie davon sprach, dass "ganz Deutschland" gesehen habe, "was für ein fantastischer Klub wir sind".

Der 31 Jahre alte Gomez hat einiges erlebt in seiner Karriere, die Gesänge gegen sich wollte er nicht kommentieren, wunderte sich aber über die Szenen nach Schlusspfiff. "Ich kann mit dem Hass im Stadion nichts anfangen. Gerade ist etwas Furchtbares in Manchester passiert - und ein paar Tage später verhalten wir uns selbst wie Affen", sagte er. Der Angreifer klang erschöpft, geschafft von einer langen und frustrierenden Saison. "Der Abstiegskampf ist brutal, das ist Hardcore - schwieriger als ein Champions-League-Finale", sagte Gomez.

Aber immerhin: Sein Verein ist mit einem tiefblauen Auge davongekommen, hat den Klassenerhalt geschafft und kann für die 21. Wolfsburger Bundesligasaison planen. Bei diesen Planungen ist einiges zu tun, der VfL steht vor einem Umbruch. "Natürlich kann es so nicht weitergehen. Oder meinen Sie, ich will jedes Jahr Relegation spielen?", fragte Wolfsburgs Aufsichtsratschef Francisco Javier Garcia Sanz. Nein, will er nicht: Eigentlich ist der Europapokal das Ziel des Klubs.

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Bundesliga-Relegation: Matchwinner Vieirinha, Feindbild Gomez

Fest steht, dass der Ende Februar verpflichtete Trainer Andries Jonker den Neuaufbau begleiten soll, trotz schwacher Ergebnisse in der Liga. Er habe mit dem VfL eine Fortsetzung der Zusammenarbeit vereinbart, verkündete er in Braunschweig. Im Management soll Olaf Rebbe nach Informationen des "Kicker" Verstärkung bekommen von einem Geschäftsführer Sport. Aufsichtsratschef Sanz wollte sich dazu nicht äußern.

Die Mannschaft wird sich großflächig verändern. Der Weggang von Ricardo Rodríguez scheint beschlossen, auch Spieler wie Luiz Gustavo, Jakub Blaszczykowski, Vieirinha, Philipp Wollscheid und Christian Träsch stehen angeblich vor dem Abschied. Ob hochveranlagte Profis wie Yunus Malli und Daniel Didavi zu halten sind, ist unklar.

Und auch Gomez könnte den VfL verlassen. "Der Verein darf sich das Recht herausnehmen, jeden Spieler zu hinterfragen", sagte der Angreifer. Zu seiner Zukunft wollte er sich nicht äußern. Der Abend von Braunschweig sei nicht dafür gemacht, Entscheidungen zu verkünden. "Ich kann nur sagen, dass ich mich hier sehr wohlfühle", sagte Gomez.

Neben neuem Personal brauchen die Wolfsburger eine neue Anspruchshaltung. Es ist noch nicht lange her, dass der Klub den Pokal und die Vizemeisterschaft holte, als erster Herausforderer des FC Bayern galt und in der Champions League gegen Manchester United und Real Madrid gewann. Solche Ziele lassen sich nach der gerade beendeten Saison kaum formulieren. Aber natürlich wollen die Wolfsburger künftig wieder oben dabei sein und Klubeigner Volkswagen würdig vertreten. "Es kommt gar nicht darauf an, große Stars zu verpflichten. Man muss sich nur Mannschaften wie Köln und Freiburg angucken", begab sich Didavi auf die Suche nach möglichen Vorbildern für den VfL.

Köln und Freiburg haben die Spielzeit auf den Plätze fünf und sieben abgeschlossen.

insgesamt 51 Beiträge
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tmhamacher1 30.05.2017
1. Verdient!
Wolfsburg hat es verdient, in der Bundesliga zu bleiben ... und in der Relegation zu spielen. Sie haben durch Fehlentscheidungen alles zerstört, das sie sich in den Jahren zuvor aufgebaut haben. Allgemein kann man sagen, dass VW offenkundig zu solchen zu neigen scheint, ob es um Abgase geht oder um Fußball. Leider braucht kaum jemand einen solch seelenlosen Retortenverein. Da muss man anerkennen, das RB Leipzig mehr Menschen begeistert, von der Region und auch vom Stil des Fußballs her.
marekors 30.05.2017
2. Verdient nicht aufgestiegen
Bei den Fans hat es Braunschweig schlicht nicht verdient in die 1. Bundesliga aufzusteigen. Spielerisch übrigens auch nicht, nach dem, was die Eintracht in der Relegation gezeigt hat.
Institutsmitarbeiter 30.05.2017
3. Braunschweigs Fans berüchtigt
Soweit mir bekannt, sind Ausschreitungen mit Braunschweiger Fans nicht die Ausnahme, sondern eher normal. Von daher bin ich froh, dass der Verein nicht in die erste Liga aufgestiegen ist. Mir scheint, manche Vereine ignorieren entweder die Gewaltprobleme oder verharmlosen sie. Mein Gott, es ist doch nur Fußball und nichts ernstes.
interessierter10 30.05.2017
4. Herr Gomez kann...
Beitrag... sich nicht erklären, woher die Anfeindungen kommen? Wenn er sein unsportliches Verhalten auf dem Platz (Handspiel nicht zugeben - ja in anderen Amateursportarten ist das Usus) und nach dem Spiel (Tenor: "Ist mir doch egal") ignoriert, kann er sich noch ewig wundern...
oberkellnerkarl 30.05.2017
5. grauenhaft
Schade um die Fernsehzeit die man mit solchen Spielen verschwendet. Schlechter Fußball, hässliche Fans und ein Effenberg der sich laufend wiederholt. Daumen runter.
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