Schalkes Remis gegen Bremen "Das war ein schöner Schnitzer"

Punktgewinn dank eines Last-Minute-Treffers: Werder Bremen bleibt auch nach dem Duell mit Schalke die Mannschaft der Stunde in der Bundesliga. Im Mittelpunkt standen Torwartfehler auf beiden Seiten - und ein Geistesblitz von Trainer Skripnik.

Werder-Torwart Wolf: Patzer gegen Schalke
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Werder-Torwart Wolf: Patzer gegen Schalke

Aus Gelsenkirchen berichtet


Sebastian Prödl hob überrascht die Augenbrauen, als er auf sein Durchsetzungsvermögen gegen Schalkes jungen Schlussmann Timo Wellenreuther angesprochen wurde. "War der Torwart da?" fragte der Österreicher erstaunt - offenbar hatte er keine Gegenwehr bemerkt, als er in der Nachspielzeit vom 19-Jährigen Wellenreuther bedrängt das 1:1 für Werder Bremen beim FC Schalke 04 köpfte. Aber irgendwie war der Schalker Jugendspieler an dem Bremer 1,92-Meter-Koloss abgeprallt.

Das lag einerseits daran, dass Wellenreuther mit seinen 1,86 Metern zu den Zwergen unter den Schlussleuten in der Bundesliga zählt. Aber es hatte ihm auch an Entschlusskraft gefehlt. Wäre er energischer eingeschritten, wäre das Tor wohl nicht gefallen.

Das Werder-Muster

Schalkes Mittelfeldspieler Roman Neustädter sprach also später zu Recht von einem "unnötigen Gegentor", wobei Bremens Sportdirektor Thomas Eichin ebenfalls richtig lag, als er sagte, das Unentschieden sei "vollkommen verdient". Denn zum einen war Werder nicht schlechter als die Gastgeber, und zum anderen steckte ein Geistesblitz von Viktor Skripnik hinter dem Treffer. Der Bremer Trainer hatte in der 85. Minute den Defensivspezialisten Prödl für Fin Bartels eingewechselt, mit der Sonderaufgabe, im Sturm zu spielen. Der Plan ging auf, Prödl traf, und zwar nach dem typischen Werder-Muster.

Kein Bundesligist trifft öfter nach Standardsituationen als die Bremer, sechs ihrer sieben jüngsten Treffer fielen nach ruhenden Bällen. Genauso lief es auch auf Schalke. Und in diesem Fall war die Strategie, auf ein Kopfballtor hinzuarbeiten, besonders vielversprechend, wie Roberto Di Matteo nach dem Spiel einräumte: "Joel Matip hat uns am Ende mit seiner Größe ein bisschen gefehlt", sagte der Schalker Trainer.

Matip hatte sich mit einer Muskelverletzung in der 73. Minute auswechseln lassen müssen, Skripnik setzte die Brechstangen-Strategie, schickte Prödl in den Sturm. Ausgerechnet Prödl. Der 27-Jährige hatte ein Vertragsangebot der Bremer abgelehnt, war dann länger verletzt; es ist unklar, ob der Verteidiger an der Weser bleibt. Auf Schalke stand er dann erstmals seit Anfang Dezember im Kader. Und wurde sofort zum Helden.

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"Der Punkt war sehr wichtig für uns", sagte Prödl, weniger weil das Unentschieden in der Tabelle hilft - Werder bleibt nach wie vor Achter -, sondern weil der Nimbus, seit nunmehr sechs Partien unbesiegt zu sein, bestehen bleibt. Und wäre da nicht die zweite bemerkenswerte Bremer Geschichte dieses Nachmittags gewesen, hätte die Mannschaft sogar gewinnen können.

Doch Raphael Wolf, dessen Status als Nummer Eins nach der Verpflichtung von Koen Casteels nicht unumstritten ist, ließ nach 60 Minuten einen eigentlich harmlosen Schuss von Max Meyer durch die Finger flutschen. "Das war ein schöner Schnitzer", gab Wolf zu. Die Schalker waren da weniger freizügig im Umgang mit dem Fehler ihres Torwarts.

Den jungen Wellenreuther treffe "keine Schuld" an diesem "ärgerlichen Ausgleich", behauptete Manager Horst Heldt. Das stimmte zwar nicht ganz, doch die Zaghaftigkeit des Torhüters war nur ein Glied in der Schalker Fehlerkette. Tranquillo Barnetta hätte sich das Foul an Santiago García sparen können, mit dem er den Freistoß verursachte, der dem Treffer vorausging.

Di Matteos Offensiv-Experiment scheitert

Und beim Bremer Ausgleich, glänzend vorbereitet von Zlatko Junuzovic, habe die Schalker Defensive "viel zu weit hinten drin" gestanden, sagte Heldt. Es war also ein Drei-Fehler-Tor, das die Schalker zwei Punkte kostete, und diese Anhäufung von Unzulänglichkeiten ist erstaunlich für eine Mannschaft, die zuletzt für ihre brillante Defensivarbeit gefeiert worden war.

Aber an diesem Tag präsentierten die Schalker sich anders. Bereits die Aufstellung, die der Defensivstratege Di Matteo gewählt hatte, deutete eine Verschiebung der Prioritäten an. Meyer war in die Mannschaft gerückt, der eher offensiv orientierte Neustädter spielte anstelle des angeschlagenen Abräumers Jan Kirchhoff, und die Außenpositionen in der Fünferkette waren mit Christian Fuchs und eben Barnetta so offensiv besetzt wie noch nie unter dem italienischen Trainer.

Die erste Hälfte gehört dann auch zum Unterhaltsamsten, was das Schalker Publikum erleben konnte, seit Di Matteo im vorigen Oktober als Trainer in Gelsenkirchen eingestellt wurde. Das Ergebnis wird ihn kaum ermuntern, noch öfter so offensiv spielen zu lassen.

Schalke 04 - Werder Bremen 1:1 (0:0)
1:0 Meyer (61.)
1:1 Prödl (90.+2)
Schalke: Wellenreuther - Höwedes, Matip (73. Aogo), Nastasic - Neustädter - Barnetta, Höger, Meyer (86. Ayhan), Fuchs - Choupo-Moting, Platte (70. Kevin-Prince Boateng)
Bremen: Wolf - Gebre Selassie, Lukimya, Vestergaard, García - Kroos (70. Aycicek) - Fritz, Junuzovic - Bartels (85. Prödl) - Selke (72. Hajrovic), Di Santo
Schiedsrichter: Gräfe (Berlin)
Zuschauer: 61.973 (ausverkauft)
Gelbe Karten: Nastasic - García (7), Bartels (5)



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Ihr5spieltjetzt4gegen2 22.02.2015
1. Fehlerkette bei beiden Toren
Wolfs Fehler beim Schalker Führungstor ging genauso eine Fehlerkette voraus wie Wellenreuthers Fehler beim Ausgleich Werders. Meyer kam nach einem unnötigen Ballverlust im Mittelfeld völlig frei zum Schuss und hatte überdies noch zwei Anspielmöglichkeiten. Das sei nur der Vollständigkeit erwähnt, ändert aber nichts an der Tatsache, dass der ansonsten gute Wolf den Schuss hätte halten müssen. Die Einwechselung Prödls war sicherlich eine wohlüberlegte, aber in dieser Situation bei weitem keine ungewöhnliche. Entsprechende Maßnahmen sind häufiger zu beobachten und insofern von einem "Geistesblitz" Skripniks zu sprechen klingt schon ein wenig überzogen. Prödl hat auch in der letzten Saison wichtige Kopfballtore kurz vor Spielende erzielt, auch wenn er dafür nicht gesondert eingewechselt worden war. Das Remis geht insgesamt in Ordnung. Ein weiterer wichtiger Punkt für Werder. Man bleibt die erfolgreichste Rückrundenmannschaft.
aurichter 22.02.2015
2. Schalke mit Dusel
Wenn man das Spiel über die gesamte Länge verfolgt hat, der sollte wie ich zu dem Schluss kommen, daß bei konsequenterer Ausnutzung der Möglichkeiten Werder durchaus als Sieger hätte nach Hause fahren können. Nun gut, ein Remis in der Fremde ist ja auch gut, zumal gegen ein Team aus dem oberen Drittel. So kann es weiter gehen, noch 10 Points und dann kann wieder weiter verstärkt werden für die kommende Saison. Schade wenn Prödl nicht verlängert, der Ruhepol in der Abwehr. Juno soll ihm mal gut zureden :-))
Ihr5spieltjetzt4gegen2 22.02.2015
3. Alternativen in der IV
Ich habe "das Spiel über die gesamte Länge verfolgt" und komme gerade deshalb zu dem Schluss, dass das Remis halt in Ordnung geht. Dass bei "konsequenterer Ausnutzung der Möglichkeiten" Werder auch hätte gewinnen können stimmt sicherlich, muss man Schalke im Umkehrschluss allerdings genauso zubilligen. Insofern ist das Unentschieden mMn ok. Prödl war letzte Saison der wohl wichtigste Spieler für Werder. Was man insbesondere dann gemerkt hat, wenn er gefehlt hat. Ein unverzichtbarerer Stabilisator der Abwehr. Diese Saison hat man mit Gálvez etwas mehr Alternativen in der IV, zumal man sich mit Vestergaard in der Winterpause noch verstärkt hat. Caldirola ist zwar (für mich nicht ganz nachvollziehbar) völlig außer Form, dafür ist Lukimya endlich einmal zuverlässig und ohne 'Böcke'. Prödl wurde daher in seiner Verletzungspause bei weitem nicht so vermisst wie noch letzte Saison. Da scheint sich Prödl bei der Verhandlungen über eine Vertragsverlängerung etwas verzockt zu haben. Was für Werder gar nicht schlecht ist, denn dies bringt Eichin in eine bessere Verhandlungsposition. Ich würde eine Vertragsverlängerung Prödls sehr begrüßen. Für ihn selbst würde ich es auch als die beste Option ansehen, ähnlich wie bei Junuzovic. Bei anderen Clubs würde er sicherlich mehr verdienen können, hätte wahrscheinlich aber nicht diesen Stellenwert wie es bei Werder der Fall ist. Vielleicht telefoniert er ja ab und an mit Hunt. ;-) Wenn er allerdings unbedingt fort will oder für Werder nicht zu akzeptierende Gehaltsvorstellungen haben sollte, dann soll er halt gehen.
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