Remis gegen Holland Ordnung ist der halbe Sieg

Nach einer überzeugenden Leistung hat die DFB-Auswahl in ihrem Auftaktspiel gegen die Niederlande ein Unentschieden erreicht. Dank ihrer Zweikampfstärke und taktischen Disziplin war sogar ein Sieg gegen den EM-Mitfavoriten möglich. Kahn und Co. haben sich Selbstvertrauen erspielt.

Von Till Schwertfeger


Engagierte Deutsche: Abwehrspieler Lahm (l.) im Duell mit dem Niederländer Wesley Sneijder
AFP

Engagierte Deutsche: Abwehrspieler Lahm (l.) im Duell mit dem Niederländer Wesley Sneijder

Porto - Rudi Völler und Michael Skibbe hielten tröstend die Hände zum Abklatschen entgegen, als Fabian Ernst unmittelbar nach dem Abpfiff den kürzesten Weg in Richtung Umkleideräume wählte. Der Mittelfeldspieler, der mit Werder Bremen in dieser Saison Deutscher Meister und DFB-Pokalsieger geworden war, hatte mit seinem Ballverlust in der 81. Minute - zwei Minuten nachdem er für den erschöpften Torschützen der DFB-Elf, Torsten Frings, eingewechselt worden war - den 1:1-Ausgleichstreffer der Niederländer durch Ruud van Nistelrooy eingeleitet. "Das Gegentor geht zum Großteil auf meine Kappe", gestand Ernst reumütig ein, noch ehe ihn ein Journalist nach seinem Fauxpas gefragt hatte.

In seinem achten Länderspiel hatte der 25-Jährige einen Angriffsversuch der Niederländer spielerisch vereiteln wollen. "Hätte ich den Ball einfach ins Aus geschlagen, hätten wir wahrscheinlich gewonnen", analysierte Ernst mit norddeutscher Nüchternheit. So aber "kam ein Bein dazwischen", Rechtsaußen Andy van de Meyde flankte halbhoch an den deutschen Fünfmeterraum, wo van Nistelrooy trotz hautnaher Deckung durch Christian Wörns aus der Drehung zum Endstand vollstreckte. "Das war Weltklasse", fand DFB-Keeper Oliver Kahn bewundernde Worte für die Aktion der holländischen Tormaschine, die ansonsten in der kompakten deutschen Deckung nicht in Gang kam.

Besonders in den ersten 45 Minuten bewiesen die Völler-Schützlinge eindrucksvoll, wie man einen spielerisch und technisch überlegenen Gegner in Schach halten kann: durch frühes Stören, hohes Laufpensum und eine streng geordnete Defensive. "Wir hatten Probleme mit dem deutschen System", gab Bondscoach Dick Advocaat zu. Im Angriff baute die DFB-Auswahl - wie immer - auf ihre Torgefährlichkeit bei Standardsituationen. Nachdem Manndecker Wörns in der 24. Minute nach einem Eckball Bernd Schneiders schon eine Riesenchance zur Führung auf dem Kopf gehabt hatte, traf Frings in der 30. Minute mit einem als Flanke gedachten Freistoß von der Seitenauslinie zum verdienten 1:0.

Nach dem Seitenwechsel allerdings gelang es den Holländern, den Angriffsdruck zu erhöhen und die Deutschen an deren eigenen Strafraum zu drängen. "Das Spiel hat viel Kraft gekostet", berichtete Frings, der nach 79 Minuten ausgewechselt werden musste. Zu diesem Zeitpunkt schon hatte die DFB-Elf die Kontrolle über die Partie verloren - und nach van Nistelrooys Ausgleichstreffer drohte sogar eine Niederlage. "Wir sind ins Zittern geraten, aber wir konnten dagegenhalten", lobte Kapitän Kahn die Kampfkraft seiner Teamkollegen und erinnerte im selben Atemzug an den dramatischen Sieg der Franzosen in Lissabon zwei Nächte zuvor: "Die Engländer haben das nicht geschafft."

DFB-Spieler Ballack (l.): "Bester Mann auf dem Platz"
AFP

DFB-Spieler Ballack (l.): "Bester Mann auf dem Platz"

Von einem gerechten Unentschieden sprachen Teamchef Völler und seine Spieler, bevor sie den Rückflug ins Mannschaftsquartier an der Algarve antraten. Obwohl das 1:1 aus deutscher Sicht eher unglücklich war, da EM-Neuling Bastian Schweinsteiger in der Schlussphase mehrere Erfolg versprechende Konterchancen besaß. Als Erklärung für die moderaten Töne aus dem deutschen Lager könnte ein Statement Michael Ballacks dienen. "Wir wussten vor dem Spiel überhaupt nicht, wo wir stehen", erklärte der zum "Man of the Match" gewählte Mittelfeldakteur, "deshalb ist es für uns ein guter Start ins Turnier."

Der angeblich unter chronischer Führungsschwäche leidende Bayern-Profi lief hinter der einzigen deutschen Angriffsspitze Kevin Kuranyi für drei, war in Zweikämpfen nahezu unschlagbar und jederzeit anspielbereit. "Ballack war der beste Mann auf dem Platz", sagte van der Meyde von Inter Mailand und war dabei so kleinlaut wie zuvor die rund 20.000 Oranje-Schlachtenbummler im Drachenstadion, die von der halb so großen deutschen Fankolonie übertönt wurden.

Entscheidender Moment: Torschütze van Nistelrooy (l.) setzt sich gegen Wörns durch
DPA

Entscheidender Moment: Torschütze van Nistelrooy (l.) setzt sich gegen Wörns durch

Vor allem jedoch trat die deutsche Mannschaft als Einheit auf, eine Schwachstelle war nicht auszumachen. "Einer ist für den anderen gelaufen", staunte Philipp Lahm, der in seiner noch jungen Laufbahn schon die Länderspiele gegen Rumänien (1:5) und Ungarn (0:2) auf dem Platz miterleben musste. Auf Grund der Formschwankungen in den vergangenen Monaten lässt das Remis gegen die Niederlande allerdings kaum Rückschlüsse auf den Ausgang der nächsten EM-Partie gegen Lettland am Samstag zu.

Obwohl ein Sieg gegen Holland der halbe Wegzoll Richtung Viertelfinale gewesen wäre, zog Völler aus dem späten Gegentor zum Ausgleich auch etwas Positives. "Nach dem 1:1 kann wenigstens keine Selbstzufriedenheit herrschen", hoffte der Teamchef auf einen zusätzlichen Motivationsschub gegen die auf der großen Fußballbühne noch unbekannten Letten, "denn das ist die Gefahr bei uns." Wie bei der WM vor zwei Jahren ist Kahn wieder der Mann im deutschen Team für die selbstbewussten Parolen: "Wichtig ist, dass in unserem Spiel Disziplin und Ordnung herrschen. Dann werden wir schwer zu schlagen sein."

Deutschland - Niederlande 1:1 (1:0)
1:0 Frings (30.)
1:1 Van Nistelrooy (81.)
Deutschland: Kahn - Lahm, Nowotny, Wörns, Friedrich - Frings (79. Ernst), Ballack, Hamann, Baumann, Schneider (68. Schweinsteiger) - Kuranyi (85. Bobic)
Niederlande: van der Sar - van Bronckhorst, Stam, Bouma, Heitinga (74. van Hooijdonk) - Cocu, Davids (46. Sneijder), van der Vaart - Zenden (46. Overmars), van Nistelrooy, van de Meyde
Schiedsrichter: Frisk (Schweden)
Zuschauer: 52.000 (ausverkauft)
Gelbe Karten: Ballack, Kuranyi / Cocu, Stam



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