Fußball-Nostalgie Der Charme der Konserve

Der Fußball steht in der Coronakrise still, die Sportsender behelfen sich mit dem Ausstrahlen von Spielen aus vergangener Zeit. Warum guckt man sich das an?
Karl-Heinz Rummenigge trifft im WM-Finale 1986, und der Geruch von Franzbranntwein ist in der Nase

Karl-Heinz Rummenigge trifft im WM-Finale 1986, und der Geruch von Franzbranntwein ist in der Nase

Foto: David Cannon/ Getty Images

Bei der ARD wissen sie offenbar sehr genau, wie sie mich kriegen können. In Ermangelung von aktuellem Fußball in der Corona-Pause strahlt das Erste auf der Website seiner Sportschau derzeit alte Partien noch einmal in voller Länge aus, als erstes zeigte die Sportschau das DFB-Pokal-Halbfinale  zwischen Borussia Mönchengladbach und Werder Bremen von 1984. 36 Jahre her.

Ich habe dieses Spiel bestimmt schon fünf Mal gesehen, ich weiß genau, was wann passiert, der unvergessene Auftritt des unvergessenen Hans-Jörg Criens, die Wechselfälle des Spiels von 3:1 über 3:4 auf 5:4 in der Verlängerung, die Nebelschwaden der Rauchbombe, das "Jetzt stehe ich auch mal auf" von Live-Reporter Heribert Fassbender, ich kann es fast beten. Es gibt nichts an diesen 120 Minuten Fußball, das mir nicht vertraut ist.

Ich habe es mir selbstverständlich noch ein sechstes Mal angeschaut.

Fast alle Sportsender behelfen sich derzeit mit dem, was man eine Konserve nennt. Fußballspiele aus der Vergangenheit, Pokalpartien aus den Achtzigerjahren, Länderspiele früherer Turniere, Dieter Hoeneß mit dem Turban, Michael Kutzop und der Torpfosten, Toni, halt den Ball. Patrick Battiston auf der Trage, Thierry Henry mit der Hand am Ball, Diego Maradona auch. Jeder Fußballfan kennt diese Szenen, und dennoch finden diese Retrospiele ihr Publikum. Warum eigentlich?

Das Spannungsmoment fällt aus

Schließlich fällt das Wichtigste, was den Fußball ausmacht, aus. Fußball lebt davon, dass man nicht weiß, wie das Spiel ausgeht. Selbst wenn der SC Paderborn gegen Bayern München antritt und eigentlich klar sein sollte, wer am Ende der Sieger sein wird, besteht immer die Chance, und mag sie noch so klein sein, dass der Tabellenletzte durch irgend geartete Umstände, einen Glücksschuss, ein Eigentor, eine unerklärliche Wendung, den Großen ins Straucheln bringt. Es ist auch im Fußball nicht alles möglich, aber es ist vorstellbar. Der Reiz dieses Spiels liegt im unbekannten Ende.

Und dennoch schauen Tausende zu, wenn die Sportschau Deutschland gegen England von 1996 aus dem Wembleystadion zeigt, obwohl allen von der ersten Minute an klar ist, dass Deutschland am Ende im Elfmeterschießen gewinnt und Andreas Möller wie ein Pfau durch Wembley stolziert, da mögen die Engländer am Anfang noch so sehr stürmen. Darum geht es nicht.

Sich ein altes Fußballspiel anzuschauen, ist wie ein Blick ins Fotoalbum der Familie. Es ist das 'Weißt du noch, was du damals getan hast, weißt du noch, wo du warst, mit wem?'. Als du das WM-Achtelfinale Niederlande gegen Portugal 2006 geschaut hast? Na, klar, in der Strandbar Kiki Blofeld in Berlin, ich spüre noch die Wärme auf der Haut, das milde Abendlicht nach dem Sommertag.

Der Geruch von Franzbranntwein

Weißt du noch, wie es war, das WM-Finale 1986 zu gucken? Burruchaga und Völler, Valdano und Schumacher. Ich lag mit 39 Grad Fieber auf dem Sofa, das Jahr nach dem Abitur, Sozialdienst, mobile Krankenpflege, erst bis in die Nacht die Spiele in Mexiko verfolgen, dann morgens um fünf im Caritas-Dienstwagen nach Bad Lippspringe und Elsen fahren, um alte Leute, die das nicht mehr selber konnten, zu waschen, einzureiben und zu rasieren. Der Geruch von Franzbranntwein, "Vorsicht, jetzt wird's kurz kalt", sofort wieder in der Nase, wenn irgendwo ein Spiel von 1986 im Fernsehen läuft.

Es ist ein Sich-Versichern der eigenen Kindheit, der Jugend, ja, so war das, als Allan Simonsen im Europacupfinale 1977 den 1:1-Ausgleich gegen den FC Liverpool schoss, bei Oma auf der Couch, Knabberkram auf dem Tisch, diese Goldfischli, die es ständig bei ihr gab, das Timbre von ZDF-Reporter Rolf Kramer im Ohr, und der Hund, der unter der Vitrine hervorguckte, sein Lieblingsplatz zum Schlafen. Bilder wie Fotografien, manche ein bisschen unscharf, dennoch unfassbar präsent. Nach 30 Jahren, 40, 50.

Am heutigen Donnerstagabend tickern wir auf SPIEGEL.de das EM-Finale Deutschland gegen die Tschechoslowakei von 1976. Deutschland verliert. Belgrad. Nachthimmel. Uli Hoeneß. Jeder weiß das. Das ist egal. Aber es gab damals am Nachmittag Schwarzwälder-Kirsch-Torte. Die Erwachsenen tranken Cognac.