Revier-Derby Des Schalkers Leid ist des Dortmunders Freud
Besonders eingehend wird sich Jefferson Farfan mit den spezifischen Begebenheiten des Revier-Fußballs nicht auseinandergesetzt haben, bevor er seine Unterschrift auf den Vertrag mit dem FC Schalke 04 gesetzt hat. Sonst wäre ihm ein solcher Lapsus nicht unterlaufen: Der Peruaner ist doch neulich beim Training tatsächlich mit schwarz-gelbem Schuhwerk aufgelaufen. In der Farbenlehre der beiden Erzrivalen aus Gelsenkirchen und Dortmund geht so etwas natürlich gar nicht. Der Stürmer leistete Abbitte, veränderte sein Outfit und versprach Wiedergutmachung.
Mehr als eine Stunde in diesem rasanten Duell deutete alles darauf, als könne Farfan Wort halten. Alles deutete auf einen klaren Sieg der Schalker hin und gar nichts auf ein Comeback des BVB. Da führte Blau-Weiß 3:0 und wollte den überforderten Gegner vorführen. Ein überhebliches Manöver, das gründlich schief ging. Am Ende gab es ein spektakuläres 3:3 (0:2), das an den Tresen des Ruhrgebiets noch lange nachhallen wird. "Ich habe schon Siege erlebt, die sich weniger schön angefühlt haben als dieses Unentschieden", sagte Jürgen Klopp, und sein strahlendes Lächeln verriet, wie herrlich das Erlebte dieser außergewöhnlichen Schlussphase gewesen sein muss. Ganz klar, die Dortmunder durften sich als moralische Gewinner fühlen.
"Diese Aufholjagd war ein außergewöhnliches Erlebnis", sagte Kapitän Sebastian Kehl, "sie fühlt sich an wie ein Sieg." Dagegen mussten die Schalker ihre Wunden lecken. Sie hatten in der letzten halben Stunde so unfassbar nachlässig agiert, dass sie kaum dazu kamen, hernach mit dem schwachen Schiedsrichter Lutz Wagner zu hadern, der sie in zwei entscheidenden Szenen benachteiligt hatte. "Ich habe von draußen gespürt, dass unser Auftreten nach dem 3:0 ein bisschen arrogant war", analysierte Schalkes Trainer Fred Rutten: "Und das macht den Gegner manchmal besonders heiß." Und so ergab sich eine wundersame Wendung, die an Wucht und Dramatik keine Wünsche offen ließ. Revierderbys sind schon per Definition aufregend, aber die 132. Auflage des Klassikers hatte es wirklich in sich: Sechs Tore, zwei Platzverweise, zwei Elfmeter und Emotionen ohne Ende: Dortmund und Schalke hatten sich einen großen Fight geliefert.
In den ersten zehn Minuten bestimmten die Gastgeber das Geschehen, doch Kringe setzte in der ansehnlichen Anfangsphase einen Kopfball über das Tor und der erschreckend schwache Zidan vertändelte in aussichtsreicher Position. Es wurde nichts mit der Dortmunder Führung, dafür jubelte der Gegner. Nach 20 Minute zeigte Lutz Wagner nach einer unübersichtlichen Zweikampfsituation zwischen Subotic und Kuranyi auf den Elfmeterpunkt, und die Fernsehbilder bestätigten den Schiedsrichter. Dortmunds Manndecker hatte den Ball mit der Hand gespielt, Farfan ließ sich die Chance nicht entgehen und verwandelte souverän. Die Führung war zu diesem Zeitpunkt glücklich, die Wirkung fatal: Der BVB verlor komplett jegliche spielerische Linie und agierte immer hilfloser. Schalke reichte es, sicher zu stehen und gelegentlich Gegenangriffe zu starten. Einen dieser Konter nutzte Rafinha in der 39. Minute zum 2:0. Allerdings hätte der Torschütze nach einer zuvor begangenen Tätlichkeit zu diesem Zeitpunkt schon gar nicht mehr auf dem Spielfeld sein dürfen.
Falls es in Dortmund unverbesserliche Optimisten gegeben haben sollte, die zur Halbzeit noch an eine Wende geglaubt hatten, erwiesen sich auch deren Hoffnungen acht Minuten nach Wiederanpfiff als reine Illusion. Nationalspieler Heiko Westermann nutzte die Konfusion in der Dortmunder Hintermannschaft und erhöhte per Kopf auf 3:0. Die gelbe Wand der Dortmunder Südtribüne sah es mit Entsetzen und verstummte zusehends. Doch dann kippte die Partie, als habe ein unsichtbarer Regisseur die Eingebung gehabt, einfach mal so aus heiterem Himmel eine dramatische Wende eingeplant. "Nie im Leben dürfen wir dieses Spiel noch aus der Hand geben", schimpfte Westermann. Und Kollege Kevin Kuranyi, der eine hundertprozentige Gelegenheit zu einer noch höheren Führung fahrlässig ausgelassen hatte, haderte mit sich und der Welt: "Wir sind selbst schuld. Das 4:0 hätte ich machen müssen. Aber auch das 3:0 darf man nicht verspielen."
Es hat sich anders ergeben, weil Subotic (66.) mit seinem dritten Saisontor das Signal zur Aufholjagd gab. Danach überschlugen sich die Ereignisse: Der eingewechselte Frei schaffte den Anschluss. Ein Traumtor, allerdings hatte der Schweizer bei der Ballannahme klar im Abseits gestanden, ohne dass der günstig postierte Linienrichter intervenierte. Es kam noch schlimmer für Schalke: Die Knappen verloren innerhalb weniger Minuten Pander nach einer Gelb-Roten und Ernst nach einer Roten Karte.
Und dann schwang sich Frei auch noch zum Helden des Derbys auf, indem er kurz vor Schluss einen zweifelhaften Handelfmeter verwandelte. Klopp mochte die Ausführung nicht mit ansehen und durfte dann jubeln. So wie viele tausend Dortmunder. Der Ur-Borusse Florian Kringe empfand das 3:3 "genau so emotional wie das 2:0 vor zwei Jahren". Zur Erinnerung: Damals raubten die Borussen dem Rivalen mit dem Sieg die Meisterschaft und stürzten Schalke ins Tal der Tränen.