Aufsteiger 1. FC Köln Die Minimalisten vom Rhein

Der 1. FC Köln erzielte gegen Borussia Mönchengladbach erneut kein Tor - ließ aber auch keinen Gegentreffer zu. Für den Aufsteiger war das nichts Neues. Er hat sogar einen Rekord aufgestellt. Zufrieden sind die Kölner damit aber noch lange nicht.

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Aus Köln berichtet


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Peter Stöger gehört nicht zu der Sorte Trainer, die die Welt an ihren Gefühlen teilhaben lässt. Meist ist nicht erkennbar, was gerade in dem Österreicher vorgeht, aber als er nach dem 0:0 seines 1. FC Köln gegen Borussia Mönchengladbach hörte, was sein Kollege Lucien Favre zu sagen hatte, fühlte er sich eindeutig geschmeichelt. Die Kölner seien "sehr gut sortiert, haben fast keine Lücken, und sie sind immer total gefährlich nach Balleroberungen", sagte der Schweizer geradezu schwärmersich.

Über solch ein Lob kann man sich schon einmal freuen, und zumindest dem ersten Teil dieser Aussage kann tatsächlich niemand widersprechen. Auch im vierten Saisonspiel blieben die Kölner ohne Gegentor, sie spielten taktisch fast fehlerlos und haben dem Gladbacher Angriff mit Max Kruse, André Hahn und Raffael lediglich eine klare Torchance gestattet (Kruse, 48. Minute). Aber die Sache mit der eigenen Gefährlichkeit sieht Stöger dann doch etwas anders.

Nur zwei Chancen haben die Kölner sich in den 90 Minuten gegen den Rivalen vom Niederrhein herausgespielt (Olkowski, 16. und Ujah, 59.). Mehr nicht. "Sechs Punkte sind in Ordnung", bilanzierte der Trainer nach den ersten vier Bundesligaspielen, "aber nur zwei geschossene Tore sind zu wenig, meine Stimmung ist zweigeteilt."

"Wir waren in der zweiten Hälfte sehr aktiv"

Immerhin, probiert haben sie es schon. "Wir waren in der zweiten Hälfte sehr aktiv und haben versucht, mit unseren Möglichkeiten ein Tor zu machen", sagte Stöger. Wobei diese kleine Korrektur in der Haltung natürlich nicht zu einem Sturmlauf führte. In Nuancen erhöhten die Kölner das Risiko, natürlich ohne den Gladbachern irgendwelche Räume für Konter zu überlassen. Aber ein Trainer, der seiner Mannschaft derart exakt dosierte taktische Veränderungen auftragen kann, hat zuvor ohne Zweifel sehr planvoll gearbeitet.

Denn das etwas höhere Risiko führte zwar nicht zu einem Tor, aber nach vier Bundesligaspielen bleiben die Kölner als einziges Team ohne Gegentreffer die Könige des modernen Defensivfußballs. Es ist kein Zerstörerfußball, sondern der Versuch, fußballerisch überlegene Teams mit strategischem Geschick unter Kontrolle zu halten. Und dieses Primat der Risikokontrolle gehört zum Konzept des Trainers.

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Köln vs. Gladbach: Viele Zweikämpfe, keine Tore
Bisher hat Stöger sich auf allen Positionen, für die er zwei oder mehr ähnlich starke Spieler hat, für die risikolosere Variante entschieden. In der Innenverteidigung spielen die zuverlässigen Dominic Maroh und Kevin Wimmer, obwohl auch der offensiver agierende Tomás Kalas zur Verfügung stünde. Auf der Sechserposition wurden in der ersten Saisonphase die auf Sicherheit bedachten Matthias Lehmann, Kevin Vogt oder Adam Matuschyk eingesetzt, das gefeierte Talent Yannick Gerhardt, ein Mann mit Auge für den Ball in die Spitze, bekommt nur Kurzeinsätze.

Und im Sturm dürfen sowieso ausschließlich Spieler auflaufen, die die Defensivarbeit nicht nur pflichtbewusst erledigen, sondern dies auch mit Freude und Leidenschaft tun. Die Defensive sei das "Prunkstück" dieser neuen Kölner, sagte Vogt.

Rekordwert durch Torwart Timo Horn

Besonders schön sieht das natürlich nicht aus. Es gibt sogar Leute, die sagen, diese Spielweise passe nicht wirklich zu den Menschen dieser Stadt. Kölner haben bekanntlich nicht den Ruf, die Dinge erstmal demütig anzugehen, Stögers Realismus ist da ein echter Gegenentwurf. Aber so lange die Anhänger ihr lädiertes Selbstwertgefühl mit Rekorden stärken können, freunden sie sich auch mit dem neuen Minimalismus an.

Einen dieser Rekorde hat am Sonntagabend Timo Horn aufgestellt: Der 21-Jährige ist der erste Torhüter, dem es gelungen ist, in seinen ersten vier Bundesligaspielen keinen einzigen Treffer zuzulassen. Und natürlich sind die Kölner in dieser Saison weiterhin Deutschlands einziger Profiklub, ohne Gegentor. Solche schönen Dinge versüßen das vergebliche Warten auf erlösende Jubelmomente im eigenen Stadion, wobei Manager Jörg Schmadtke ähnlich wie Stöger davor warnte, in einen Zustand der Zufriedenheit zu verfallen. "Die Defensive passt, aber jetzt müssen wir uns über die anderen Dinge, auf die es ankommt, Gedanken machen."

Es ist also Zug drin in diesem Verein, der Wille zur Entwicklung ist enorm, und das könnte im Saisonverlauf ein ähnlich wichtiger Faktor werden, wie die Null unter dem Wappen des Gegners auf der Anzeigetafel.

1. FC Köln - Borussia Mönchengladbach 0:0
Köln:
Horn - Brecko, Maroh, Wimmer, Hector - Vogt, Lehmann - Olkowski (82. Gerhardt), Osako (54. Halfa), Risse - Ujah (74. Zoller)
Mönchengladbach:
Sommer - Korb, Stranzl, Jantschke, Wendt - Hahn (85. Herrmann), Kramer (78. Nordtveit), Xhaka, Johnson - Raffael, Kruse (85. Hrgota)
Schiedsrichter: Zwayer
Zuschauer: 50.000
Gelbe Karten: Lehmann, Vogt - Kramer, Hahn

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insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
original72 22.09.2014
1. Minimalistich...
aber bis dato erfolgreich. Als leidgeplagter FC Anhänger, war das taktisch ein sehr gutes Spiel gegen den VfL. Da habe ich andere Derbies im Kopf, wo es nach 30 Minuten schon 0:2 stand. Wenn Stöger es jetzt noch schafft die Offensive etwas genauer einzustellen, sieht das alles ganz gut aus. Nach langen Jahren der Überheblichkeit, ist endlich Seriosität beim FC eingekehrt. Köln macht endlich wieder Spass auf dem Rasen.
dns82 22.09.2014
2. Geißbock Power!
Was ein atembraubendes, mitreißendes Derby! Die einen konnten nicht, die anderen wollten nicht. Minimalisitisch war auf jedenfall der Spaß beim Zuschauen, Aufsteiger hin oder her. Wer im Fußballduden unter "Gegenteil von Spitzenspiel" nachschlägt wird in Zukunft den Verweis auf Köln-Gladbach vom 21.9.2014 finden. Bleibt für die Kölner zu hoffen, dass sie nochmal das ein odere andere Tor schießen. Auch im Falle einer 0:0 Remisserie wirds eng. Mit 34 Punkten kann man auch absteigen.... Kölle Alaaf!
dirkk3579 22.09.2014
3. FC und Spaß?
Mit Verlaub: Spaß macht dieser FC nun wirklich nicht. Derzeit hält die Betonabwehr auf Kosten jeglichen Offensivspiels. Typisch die Vorstöße des Kapitäns Brecko und der Umstand, dass M. Lehmann in allen Spielen bester Kölner Spieler gewesen ist. Da versucht schon eher Paderborn die Chance zu ergreifen, die ein Aufsteiger in die Bundesliga heutzutage gar nicht hat: Flucht nach vorn mit überraschendem Angriffsfußball. Und Köln? Destruktiv und langsam.
RugbyLeaguer 22.09.2014
4. Schafft....
diese unsäglichen Unentschieden ab! Im Sport geht es ums gewinnen und verlieren und nicht ums Unentschieden! Ok, die "Gutmenschen" sehen das vielleicht anders.. die möchten ja generell niemanden weh tun, deshalb lieben die auch solche 0:0. Mein Vorschlag, nach 90 Minuten fällt die Entscheidung im Elfmeterschießen. Generell sollte man für einen Sieg zukünftig 4 Punkte vergeben, für einen Sieg im 11m Schießen bekommt man einen Punkt, der Verlierer erhält Null Punkte. Wieso 0 Punkte? Um zu vermeiden, dass es dann Teams gibt, die sich das ganze Spiel über hinten reinstellen und dann hoffen das 11m Schießen zu gewinnen. Sowas sollte man nicht belohnen.
kloppskalli 22.09.2014
5. Koeln macht das gut
der glorreiche SV Werder Bremen zum Beispiel hat schon mehr Tore geschossen, faengt aber auch 3 Dinger pro Spiel - am Ende zaehlen nur Punkte. Die Koelner Fans werden sich gluecklich schaetzen - zum ueber die Offensive Meckern ist's eindeutig zu frueh.
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