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Fotostrecke: Erst gefeiert, dann gefeuert

Foto: LLUIS GENE/ AFP

Schalke-Trainer Di Matteo Königsblauer Feingeist

Mit Roberto Di Matteo bekommt Schalke 04 einen höflichen, weltgewandten, smarten Trainer. Ob er auch sportlich viel zu bieten hat, ist umstritten. Beim FC Chelsea feierte er Triumphe, wurde aber rasch wieder entzaubert.

Was Jens Keller in diesen Tagen erlebt, hat Roberto Di Matteo schon lange hinter sich. Der Italiener, der ab sofort Kellers Nachfolge beim FC Schalke antritt, kennt das Gefühl bestens, erst gefeiert und dann gefeuert zu werden. Im Mai 2012 bescherte er dem FC Chelsea den Champions-League-Erfolg, im November wurde er wegen Erfolglosigkeit entlassen. Er dürfte also auf die Aufgabe in Gelsenkirchen, wo ein Trainer zehn Tage nach dem Derbysieg über Dortmund freigestellt wird, gut vorbereitet sein.

Di Matteo hat in seinen 262 Arbeitstagen als Chefcoach an der Stamford Bridge auch erfahren, wie es ist, mit einem allmächtigen Klubbesitzer umzugehen. Man sollte glauben, wer Roman Abramowitsch kennengelernt hat, den sollte auch ein Clemens Tönnies, Schalkes Vereinsboss, nicht schrecken.

Einer von den "Blues" wird also jetzt ein "Königsblauer". Dass die Personalie Di Matteo auf Schalke trotzdem nicht nur unbegrenzten Jubel auslöst, dürfte an seiner Trainer-Vita liegen. Der 44-Jährige hat bis auf den FC Chelsea bisher nur den Drittligisten MK Dons sowie den Zweitdivisionär West Bromwich Albion gecoacht. Bei Albion gelang ihm 2010 zwar der Aufstieg in die Premier League, doch auch hier folgte dem Rausch der Kater. Im September war er in England noch zum Trainer des Monats gekürt worden, im folgenden Februar stand er auf der Straße - nachdem sein Team von den vorangegangenen zehn Partien nur eine gewonnen hatte.

Sportlich ist Di Matteo eine Black Box

Sportlich bekommen die Königsblauen demnach eine Black Box, einen großen Unbekannten. Seit seiner Freistellung durch Abramowitsch im November 2012 war Di Matteo ohne Job. Es gab zwar das ein oder andere Anbahnungsgespräch - so berichtete die "Sport Bild" schon im Dezember 2012 von einem "Geheimtreffen" zwischen Di Matteo und Schalkes Sportdirektor Horst Heldt - Konkretes entsprang daraus aber nicht. Auch in Frankfurt war Di Matteo vor Saisonbeginn ein Thema. Aber Eintracht-Boss Heribert Bruchhagen wählte dann doch die bodenständigere Lösung Thomas Schaaf.

Den Champions-League-Triumph gegen die Bayern in deren eigener Arena kann dem smarten Italiener dennoch niemand nehmen. Auch wenn er wahrlich nicht als rauschendes Fuballfest in die Geschichte eingehen wird. Und man noch im Nachhinein streitet, wie hoch man den Anteil des Trainers an diesem Triumph bewerten soll.

Schon im Halbfinale gegen den FC Barcelona hatte Di Matteo sich der Catenacchio-Tradition der Italiener erinnert. Mit der denkbar defensivsten Haltung ermauerten sich die Londoner in Hin- und Rückspiel ein Gesamtresultat (1:0, 2:2), das zum Finaleinzug reichte. Und das den Barça-Trainer Josep Guardiola dermaßen frustrierte, dass er seinen Abschied bei den Katalanen einreichte. Wenn so ein Fußball triumphiert, dann wollte Guardiola auch nicht mehr Trainer sein.

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Jetzt werden sie sich in der Bundesliga wiedertreffen, die beiden weltgewandten Vertreter ihrer Branche. Di Matteo, aufgewachsen in der Schweiz, spricht sechs Sprachen fließend, darunter Deutsch. Er wird also zumindest in dieser Hinsicht keine Anpassungsprobleme bekommen. Die "Neue Zürcher Zeitung" hat ihn mal als "Diplomaten im Trainerjob" bezeichnet, in der Schweiz hat er sein Diplom als Betriebswirt gemacht und in London Kurse an der European School of Economics besucht. Er ist das Gegenteil eines hemdsärmeligen Coaches à la Huub Stevens. Ein Feingeist. Nach Gelsenkirchen wird er Assistenzcoach Attilio Lombardo und Torwarttrainer Massimo Battara mitbringen.

Di Matteo ist ein höflicher, zurückhaltender, freundlicher Mensch, er wird sich rein vom Stil daher nicht großartig von Keller unterscheiden. Ob ihm das hilft oder in der Schalker Binnenwelt um Tönnies und Heldt, in der es tendenziell ruppig zugeht, zum Problem für ihn werden kann, wird man sehen.

Als Profi hat Di Matteo in der Schweiz (FC Schaffhausen, FC Zürich, FC Aarau), in Italien (Lazio Rom) und in England (FC Chelsea) gespielt. Mit den "Blues" hat er den FA Cup, den Europapokal der Pokalsieger und den Super Cup gewonnen. Einen Titel zu erringen, ist für ihn nichts Neues. Auf Schalke warten sie sehnlich darauf. Die letzte deutsche Meisterschaft rührt aus dem Jahr 1958. Da war Di Matteo noch nicht auf der Welt.

Bevor er bei Chelsea gehen musste, hatten die Londoner ihr Champions-League-Duell bei Juventus Turin sang- und klanglos 0:3 verloren. Der Trainer stellte sich anschließend hin und sagte: "Einer hat hieran die Schuld, und das bin ich." Ein solches Bekenntnis hat man auf Schalke zuletzt eher weniger gehört, es gab immer wieder Begründungen für eine Niederlage, der Trainer dagegen hat sich nie infrage gestellt.

Dass Di Matteo sich zudem nicht scheut, auch gegen den Willen des Klubbosses zu handeln, hat er in London bewiesen. Den formschwachen Fernando Torres, für den Abramowitsch im Jahr zuvor 60 Millionen Euro ausgegeben hatte, verbannte er auf die Bank und zog sich damit den Groll des Geldgebers zu. Ein starkes Rückgrat wird er auf Schalke gut gebrauchen können. Bei Chelsea kostete es ihn allerdings den Job.

Jens Keller auf Schalke