Neu-Nationalspieler Gosens Was bleibt ohne den Klose-Faktor?

Robin Gosens ist Nationalspieler - ohne die klassische Ausbildung des DFB. So wie Miroslav Klose. Auch deshalb wird der Profi von Atalanta bejubelt. Zeit für eine sportliche Einordnung des Linksverteidigers.
Robin Gosens bei seinem ersten Länderspiel

Robin Gosens bei seinem ersten Länderspiel

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Christian Charisius / dpa

Die Geschichte klingt einfach zu gut. Da ist ein 26 Jahre alter deutscher Fußballer, der nie Bundesliga gespielt und nie ein Leistungszentrum von innen gesehen hat. Der in keiner U-Nationalmannschaft des DFB gespielt hat. Der als 18-Jähriger die Wochenenden durchgefeiert hat, um am Sonntag ein bisschen Amateurfußball zu spielen. Nun ist er Nationalspieler und als Linksverteidiger ein ernsthafter Kandidat für die EM im kommenden Sommer. Die Rede ist von Robin Gosens.

Eigentlich sind Lebensläufe wie der von Gosens im DFB-System ausgeschlossen. Wer so gut Fußball spielt wie der in Emmerich an der Grenze zu den Niederlanden geborene Gosens, soll frühzeitig entdeckt, gefördert und auf eine Profikarriere vorbereitet werden.

Gosens ragte in seinen Mannschaften bei Fortuna Elten oder beim 1. FC Bocholt auch stets heraus, doch er blieb lange unentdeckt. Er war in der B- oder A-Jugend einfach noch nicht so weit, wie er auch selbst bei einem Probetraining bei Borussia Dortmund feststellte. "Ich habe mich die ganze Zeit hilflos umgeguckt und hatte keinen Schimmer, wo ich hinlaufen soll", erzählte Gosens über die Sichtung beim BVB in einem Interview mit "11 Freunde" .

Wenig später ging Gosens zum niederländischen Erstligisten Vitesse Arnheim. Dort konnte er sich zwar nicht durchsetzen, beim Zweitligisten FC Dordrecht lief es aber besser. Später, in den zwei Jahren bei Heracles Almelo, merkte Gosens endgültig, dass es etwas werden könnte mit einer Profikarriere. Seit 2017 spielt er nun bei Atalanta Bergamo in der Serie A und seit der vergangenen Saison sehr erfolgreich in der Champions League.

Gosens Aufstieg am DFB-Scoutingsystem vorbei erinnert an Miroslav Klose, der in der Jugend lange bei der SG Blaubach-Diedelkopf spielte und über Homburg und Kaiserslautern eine Weltkarriere startete.

Gosens konkurriert mit Halstenberg und Schulz

Es sind diese romantischen Geschichten, die nicht zum perfekt organisierten und vorhersehbar gewordenen modernen Fußball passen und deshalb für viele Beobachter so sympathisch wirken und verklärt werden. Gosens scheint bereits nach einem Länderspiel eine bessere Lobby zu haben als all seine Konkurrenten auf der Linksverteidiger-Position zusammen. Vielleicht auch, weil er sich anders gibt als viele etablierte Profis: lockerer, vielleicht auch authentischer. "Wir wollen mal auf dem Teppich bleiben", sagte Gosens selbst nach dem 1:1 gegen Spanien am vergangenen Donnerstag auf die Frage, ob er denn nun auch zur EM fahren würde.

Die linke Seite gilt seit Jahren als eine Problemzone im Kader von Bundestrainer Joachim Löw. Auch deshalb wurde Gosens nominiert. Schon beim WM-Sieg 2014 fehlte ein Linksverteidiger der Extraklasse, also stellte Löw Innenverteidiger Benedikt Höwedes dorthin. Später und bis zur WM 2018 war Jonas Hector die verlässliche, aber insgesamt auch nur solide Dauerlösung. Danach teilte sich der Kölner den Job mit Nico Schulz und Marcel Halstenberg - ohne dass sich einer der beiden nach dem von Löw forcierten Umbruch als Stammspieler fühlen könnte.

Nun also Gosens, der davon profitierte, dass Schulz angeschlagen das Trainingslager verlassen musste und Halstenberg aus Gründen der Belastungssteuerung gar nicht nominiert worden war. Gosens Arbeitszeugnis gegen Spanien liest sich so: Er bereitete das Tor von Timo Werner mit einem klugen Querpass vor, er gewann einen seiner vier Zweikämpfe, seine Passquote von 75 Prozent war ausbaufähig, seine beiden Flanken kamen nicht an, und er fing drei spanische Angriffe ab.

Gutes Timing, Übersicht bei den Flanken

Gosens profitiert von der Systemumstellung in der Nationalmannschaft. Löw hat die Dreier-, respektive Fünferkette in der Abwehr für sich entdeckt, und bei Atalanta lässt Trainer Gian Piero Gasperini ebenfalls in dieser Formation spielen. Gosens verteidigt dynamischer nach vorne, als es sein Hauptkonkurrent Halstenberg tut, der vermutlich in einer Viererkette die besseren Einsatzchancen hätte.

Gosens Stärken liegen in der Offensive. Er besitzt ein gutes Timing bei den Läufen auf der ballfernen Seite, deshalb konnte ihn İlkay Gündoğan vor dem Tor von Werner so gut in Szene setzen. Zudem flankt er selten ohne Blickkontakt ins Zentrum, Gosens hat den Kopf häufig oben. Allerdings birgt seine offensive Grundstellung auch Gefahren, der Raum hinter ihm muss - gerade gegen Topteams wie Frankreich oder Spanien in austrainierter Verfassung - gut abgedeckt werden. Diese Aufgabe fällt in der derzeit von Löw favorisierten Formation in den Aufgabenbereich des linken der drei Innenverteidiger - und den von Toni Kroos im halblinken Mittelfeld, zu dessen Stärken das nicht gehört. Der spanische Ausgleich hat zudem gezeigt, dass Gosens in Defensivzweikämpfen und in Sachen Erfahrung zulegen muss.

Insgesamt vergrößert Gosens die Palette an Möglichkeiten für den Bundestrainer. Will der angeblich von einigen Topklubs umworbene Profi aber zur Dauerlösung auf der linken Seite werden, muss er noch vielseitiger werden. So wie Klose, der 2002 bei seinem ersten großen Turnier 24 Jahre alt war und zunächst auf sein Kopfballspiel reduziert wurde. Darüber sprach gegen Ende seiner großen Karriere aber kaum noch jemand.

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