Roger Lemerre Ein Buchhalter vor dem Kollaps

Selbst nach dem Titelgewinn blieb Frankreichs Nationaltrainer Roger Lemerre die farblose Gestalt, deren Schillern allein der Fußball widerspiegelt, den er mit dem Europameister spielen lässt.

Von Katrin Weber-Klüver


Roger Lemerre obenauf (hier getragen von Thierry Henry und Fabien Barthez): "Glück ist da, wo man es findet"
AFP

Roger Lemerre obenauf (hier getragen von Thierry Henry und Fabien Barthez): "Glück ist da, wo man es findet"

Rotterdam - Wie immer sah Roger Lemerre an diesem Abend in seinem blau-weißen Trainingsanzug aus, als sei er der notorisch schlecht gelaunte Verwalter eines südfranzösischen Campingplatzes, dem es lieber wäre, es gäbe keine Gäste, und er hätte seine Ruhe. Er stand neben der Reservebank, sich an das tiefe Dach lehnend, und schaute wie immer stoisch aufs Spielfeld. Als alles vorbei war und um ihn herum der Jubel schwappte, bewegte allein er sich nicht. Nur sein Atem war sichtbar schnell und flach, als stünde Roger Lemerre kurz davor zu hyperventilieren, was nachgerade ein Gefühlsausbruch war. So wie später sein Geständnis, glücklich zu sein.

Da hatte er gerade die etwas groteske Peinlichkeit hinter sich, mit einem kleinen Elektrowagen direkt vors Podium der Pressekonferenz gekarrt worden zu sein. Solche Dinge passieren Roger Lemerre. Aber er nimmt sie ohne Aufmerksamkeit hin. Es interessiert ihn nicht.

Nun saß er da, mit undurchdringlicher Miene wie immer, und natürlich sagte er auch nicht einfach: Ich bin glücklich. Roger Lemerre bedient sich immer einer Ausdrucksweise, die einen Hauch von Poesie birgt, aber dann doch im Duktus eines Buchhalters stecken bleibt. Er sagte also in seinem getragenen, tonlosen Französisch: "Ich habe oft gesagt, Glück ist da, wo man es findet. Das ist Glück heute, ich nehme es wie es ist, geben Sie mir ein wenig Zeit, es zu analysieren."

Zu analysieren aber ist allenfalls, was der 58-jährige Lemerre als Trainer der französischen Nationalmannschaft leistet, die nun als erster amtierender Weltmeister auch den europäischen Titel gewonnen hat. Es gibt Menschen, auch Spieler wie Frankreichs Torwart Fabien Barthez, die sagen, diese Mannschaft sei so erfahren, dass sie gar keinen Trainer bräuchte. Aufstellung und Taktik - erledigt sich beides praktisch von allein.

Aber irgendwas scheint der merkwürdige Monsieur Lemerre, der 1995 mit Frankreich die Militärweltmeisterschaft gewann und beim richtigen WM-Gewinn vor zwei Jahren als Co-Trainer dabei war, dann doch zu tun. Irgendwas, das auch die selbstbewussten Superstars der Grand Nation als Mannschaft weiterbringt und zum Erfolg treibt.

Wahr ist, dass er weitgehend auf den WM-Kader von 1998 zurückgreift. Und dass damit eine Menge Fragen der Aufstellung von allein erledigt sind. Wahr ist aber auch, dass Frankreich in Lemerres Amtszeit von einer defensiv unbezwingbaren zu einer nun auch noch im Angriff spielstarken Mannschaft geworden ist. "Ich habe die offensive Wahl getroffen", sagte er nach dem gewonnenen Finale in Rotterdam. Er meinte das Spiel, aber er hätte auch seine Grundhaltung meinen können.

Sicher spielt ihm die Fülle der Talente in die Hände. Mit Henry, Anelka, Wiltord und Trezeguet verfügt er über vier hochklassige junge Stürmer und sagt schlicht: "Es wäre falsch, auf diesen Reichtum nicht zurückzugreifen." Er hat aber auch eine Hand dafür, die richtigen Spieler zur richtigen Zeit ins Geschehen eingreifen zu lassen. Man kann sicher nicht sagen, dass er es geplant hatte, den Ausgleich erst in den letzten Sekunden der Nachspielzeit erzielen zu lassen. Hinterher gestand er ein, nach der Führung der Italiener "das Schlimmste gefürchtet" zu haben, doch "man wartete auf das Wunder - und das Wunder geschah." In diesem Moment hatte Roger Lemerre dann wieder etwas von "diesem Prediger", als den ihn sein "alter Kumpel", der Elsässer Gilbert Gress, unlängst bezeichnet hat.

Roger Lemerre hat das Seine zum "Wunder" und Titelgewinn dazu getan: Am Ausgleichstor wie am Golden Goal waren in der Vorbereitung und als Schützen mit Trezeguet, Wiltord und Pires maßgeblich jene drei Spieler beteiligt, die Lemerre eingewechselt hatte. Es war nicht das erste Mal in diesem Turnier, dass Frankreich eine Begegnung durch einen Ersatzspieler für sich entschied. Roger Lemerre ist eine farblose Gestalt, alles Schillern steckt in dem Fußball, den er spielen lässt. Nun steht dem Trainer eine neue Aufgabe bevor.

Seine Spieler haben alles gewonnen, was man mit der Nationalmannschaft gewinnen kann, und Laurent Blanc wird seine Karriere in der "Equipe Tricolore" beenden. Und was sagt Lemerre? "Die Gruppe bewegt sich, es wird in den nächsten Jahren natürlich Wechsel geben. Die jungen werden von der Erfahrung der alten Spieler profitieren und die alten von der Energie der jungen." So einfach ist das, wenn man auf eine solche Fülle hochtalentierter und schon begnadeter Spieler zurückgreifen kann. Aber auch das muss ein Trainer ja erst mal richtig machen. Roger Lemerre scheint nicht viele Fehler zu machen.



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