Leverkusen-Trainer Schmidt "Was ist denn schöner Fußball?"

Kaum ein Bundesligatrainer polarisiert so sehr wie Roger Schmidt. Hier spricht Bayers Coach über Balleroberungsfußball und Gemeinsamkeiten mit Pep Guardiola.

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Ein Interview von und


SPIEGEL ONLINE: Herr Schmidt, an diesem Samstag spielen Sie gegen Borussia Dortmund, eine Mannschaft, die sich unter Thomas Tuchel vom Umschalt- zum Ballbesitzteam entwickelt hat. Versuchen Sie in Leverkusen gerade etwas Ähnliches?

Schmidt: Wie kommen Sie darauf?

SPIEGEL ONLINE: Es gibt Daten, die das nahelegen. Ihre Ballbesitzwerte sind zum Beispiel deutlich gestiegen.

Schmidt: Natürlich entwickeln wir uns weiter und ändern auch permanent einige Facetten unseres Spiels, aber es gibt keinen grundsätzlichen Stilwechsel, das aggressive Spiel gegen den Ball wird bei uns immer ein Schwerpunkt bleiben. Wir haben nach Balleroberungen sehr viele Tore geschossen, und die wollen und werden wir auch weiterhin schießen.

SPIEGEL ONLINE: Der Balleroberungsfußball, mit dem Jürgen Klopp so erfolgreich war und der Ähnlichkeiten zu Ihrer Spielweise hat, sei entschlüsselt, heißt es oft. Reicht die Jagd nach dem Ball allein nicht mehr aus?

Schmidt: Den reinen Ballbesitz- oder Balleroberungsfußball gibt es ja nicht wirklich. Auch Mannschaften wie Barcelona oder Bayern München, die sehr stark auf Ballbesitz setzen, sind auf schnelle Balleroberungen und Umschaltmomente aus. Aufgrund ihrer hohen Ballbesitzanteile ist es aber nicht so auffällig wie bei uns. Unser Spiel ist im Vergleich eher davon geprägt, beim Gegner schnelle Ballverluste zu provozieren. Letztendlich sollte man für den eigenen Ballbesitz wie für das Verhalten bei gegnerischem Ballbesitz einen klaren Plan haben.

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    Roger Schmidt, Jahrgang 1967, gilt derzeit als einer der modernsten deutschen Fußballtrainer. Über die Stationen Delbrück, Münster, Paderborn und Salzburg gelangte er nach Leverkusen, wo er seit 2014 arbeitet. Im Februar dieses Jahres sorgte er während des Bundesliga-Heimspiels gegen Dortmund mit seiner Weigerung, den Stadioninnenraum zu verlassen, für einen Eklat.

SPIEGEL ONLINE: Bringen Sie Ihrem Team die Vorzüge der Langsamkeit bei?

Schmidt: Wir können einen tief stehenden Gegner nicht mit langsamen Querpässen ausspielen, das geht nur über Vertikalspiel, Tempowechsel, Tiefgang, gewonnene Dribblings, Schnittstellenpässe und so weiter. Diese Momente sollten natürlich gut vorbereitet sein. Wichtig sind Spieler, die Kettenreaktionen erzeugen können. Angriffsbeschleuniger. Das können sehr unterschiedliche Spielertypen sein, Passspieler wie Toni Kroos zum Beispiel, der den Ball extrem schnell macht und gegnerische Linien überspielt oder auch Dribbler wie Bellarabi und Kampl bei uns. Das sind völlig andere Typen als Kroos, aber von ihrer Bedeutung fürs Spiel ähneln sie sich.

SPIEGEL ONLINE: Diese langen Kroos-Bälle sind bei den Top-Teams der Bundesliga vergleichsweise selten zu sehen, auch bei Bayer Leverkusen. Arbeiten Sie daran, den langen Ball ganz abzuschaffen?

Schmidt: Warum sollte ich? Es ist ja nicht verwerflich, den Gegner mit langen Bällen zu überspielen, schnell vor die Abwehr zu kommen. Das sollte nur nicht die einzige Option sein.

SPIEGEL ONLINE: Warum versuchen sich nur so wenige Bundesligisten am Ballbesitzspiel?

Schmidt: Dafür braucht man Spieler mit einer sehr hohen individuellen Qualität. Die Bayern können deshalb so spielen, weil ihre Spieler auch unter Druck sehr ballsicher sind, aber diese Spieler sind selten und deshalb teuer. Das ist ein Grund dafür, warum aus meiner Sicht das Spiel gegen den Ball eine große Bedeutung hat. Auf diese Weise kannst du das Maximum an Punkten eher erreichen. Über den Schwerpunkt Ballbesitzfußball wäre es für viele Mannschaften deutlich schwerer.

SPIEGEL ONLINE: Mittlerweile prägt der Kampf um den zweiten Ball das Spiel bei vielen Bundesligisten. Das ist nicht besonders schön anzusehen.

Schmidt: Was ist denn schöner Fußball? Das ist doch sehr subjektiv. Oft wird erfolgreich mit schön gleichgesetzt. Atlético Madrid spielt extrem auf den zweiten Ball und war zweimal im Champions-League-Finale. Ich finde, es sollte etwas passieren auf dem Platz, ich wünsche mir Intensität. Letztendlich hat jede Spielidee ihre Berechtigung, und das macht den Fußball spannend.

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Roger Schmidt: Von der Oberliga in die Champions League

SPIEGEL ONLINE: Nehmen wir Pep Guardiola, dessen Stil als Gegenentwurf zu Ihrem gilt. Sehen Sie seinen Mannschaften auch gerne zu?

Schmidt: Ja, sehr gerne sogar. Die Spiele gegen Guardiolas Bayern haben mich sehr inspiriert. Ich wusste, dass er unsere Taktik genau analysieren wird. Da war ich gespannt auf seinen Ansatz. Pep hat uns die eine oder andere Schwachstelle aufgezeigt, dadurch konnten wir uns weiterentwickeln. Und so gegensätzlich, wie Sie meinen, sind die Ansätze nicht immer.

SPIEGEL ONLINE: Das müssen Sie erklären.

Schmidt: Nehmen Sie das 2:2 des FC Bayern bei Juventus Turin in der vergangenen Champions-League-Saison. Da sind die Bayern sehr gut angelaufen, haben brutal gepresst. Die Umsetzung gegen Turin war lange Zeit nahe der Perfektion. Diese Mischung aus Ballbesitz und Spiel gegen den Ball empfand ich als äußerst schön. Ich würde behaupten, dass Pep Guardiola dem Spiel gegen den Ball und dem Umschalten nach Ballverlust eine extrem hohe Bedeutung beimisst.

SPIEGEL ONLINE: Nun ist Guardiola in Manchester und Carlo Ancelotti da. Rechnen Sie sich Chancen aus, wieder etwas näher an die Bayern zu rücken?

Schmidt: Ich bin überzeugt, dass wir mehr Punkte holen können als in der vergangenen Saison. Und ob die Bayern in jedem Jahr so unglaublich viele Punkte sammeln wie zuletzt (88 Punkte, Anm. d. Red.), ist offen. Aber der Abstand ist schon noch gewaltig.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben noch etwas mit Guardiola gemein: Nach Niederlagen wird oft direkt Ihre gesamte Philosophie infrage gestellt. Zu riskant, zu anstrengend für die Spieler, heißt es dann.

Schmidt: Wir haben in der vorigen Saison von allen Bundesligisten die wenigsten Schüsse nach Kontern auf unser Tor zugelassen. Dass wir so aggressiv anlaufen und trotzdem nur wenige Konter kriegen, liegt an der Art, wie unsere Abwehrspieler nach vorne verteidigen. Dadurch verhindern wir die meisten Konter des Gegners und erobern die Bälle in viel besseren Räumen, als wenn wir uns zurückgezogen hätten. Die Belastung dabei halte ich nicht für zu hoch. Das lässt sich durch Werte belegen, und das Training wird entsprechend gesteuert.

Josep Guardiola (l.), Roger Schmidt
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Josep Guardiola (l.), Roger Schmidt

SPIEGEL ONLINE: Auf Kritik reagierten Sie gerade zu Beginn Ihrer Bundesligazeit oft verärgert.

Schmidt: Weil ich dachte, es würde um Analyse gehen, wenn in Wahrheit eine gut vermittelbare Story im Fokus stand. Da bin ich zu sehr darauf angesprungen und wollte meine Sicht darlegen. Mittlerweile habe ich die nötige Gelassenheit entwickelt und kann auch andere Sichtweisen oder Interessen besser nachvollziehen.

SPIEGEL ONLINE: Müssen wir die Art, wie wir über Fußball sprechen und berichten, überdenken?

Schmidt: Nein, ich denke nicht. Die Berichterstattung und das Drumherum sind ja auch Teil des Systems. Wenn ich als Trainer ein Spiel unserer Mannschaft analysiere, ist das ein Tageswerk. Ein Berichterstatter sieht die 90 Minuten im Stadion und muss währenddessen schon seine Geschichte aufreißen. Auf dieser Grundlage bewertet er das Spiel. Oft hat die Bewertung aus unterschiedlichsten Gründen dann weniger mit dem zu tun, was sich wirklich auf dem Platz abspielt. Die Berichterstattung wird ja in der Regel auch an Personen aufgezogen. Zu jeder Geschichte braucht es ein Gesicht.

SPIEGEL ONLINE: Wenn man Ihnen zuhört, spürt man eine große Begeisterung für Ihre Arbeit und auch für das Spiel Ihrer Mannschaft, die bisher wahrlich nicht jeden Gegner dominieren konnte. Woher kommt diese Freude?

Schmidt: Ich fühle mich sehr wohl bei Bayer Leverkusen. Es fühlt sich gut an, mit der Mannschaft zu arbeiten, jetzt schon eine Zeit lang hier zu sein, alles und jeden zu kennen. Wir haben die Mannschaft nach und nach optimiert und eine gute Atmosphäre entwickelt. Die Dinge sind aufeinander abgestimmt.

Spiegel Online: Ist das ein Grund dafür, dass Leute wie Bellarabi oder Bernd Leno ihre Verträge verlängert haben?

Schmidt: Viele unserer Spieler sind natürlich spannend für andere Vereine. Dass diese Spieler sich im Moment reihenweise ganz klar zu Bayer Leverkusen bekennen, sagt alles über den Zustand der Mannschaft und des Vereins.



insgesamt 5 Beiträge
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wallererc 01.10.2016
1. Großartiger Trainer
Ich weiß, dass hier gleich wieder reihenweise Diffamierung geschrieben wird, aber ich als Bayer Fan bin extrem froh, diesem wunderbaren Trainer jedes Wochenende bei der Arbeit zuschauen zu können. Und die Konstanz in dieser Saison wird auch eher früher als später kommen.
BernieistAnders 01.10.2016
2. Ich bin von ihm enttäuscht
Ich dachte ja lange Zeit, dass er der richtige Trainer für Leverkusen ist, endlich kommt Energie und Siegeswillen in diesen Klub. Doch da habe ich mich getäuscht. Leverkusen ist nachwievor der Versagerklub der sie schon immer waren, vergeigen Spiele die man nciht vergeigen sollte. Angst vorm gewinnen nannte man es früher. Aber gut, diese Mentalität kann ein Trainer vielleicht nciht alleine abschaffen, doch man muss Schmidt vorwerfen dass er die Mannschaft nicht weiterenteickelt. Er hat jetzt eine Ansammlung von tollen SPielern, er könnte zweimal eine sehr gute Bulimannschaft aufstellen, doch Leverkusen sieht einfach nachwievor nciht gut aus. Er scheint nciht das Potenzial seiner Spieler ausnutzen zu können. Es ist nachwievor viel Gerenne und wenig Ertrag. Es macht nicht viel Spaß Leverkusen anzuschauen...... oder besser gesagt, es macht nicht so viel Spaß wie man es bei den Namen der Spieler erwartet. Wir sollten Schmidt jedoch eines nciht vergessen, dass er Bellarabi hingkriegt hat, der drohte ja wie ein "ewiges Talent" zu enden.
cmann 01.10.2016
3. Nun ja,
Große Ähnlichkeiten bei der Spielauffassung mit Herrn Guardiola konnte ich bei Herrn Schmidt nicht so ohne weiteres feststellen. Dazu fehlt der Bayer Mannschaft, bei aller vorhandenen Qualität, einfach die Konstanz. Aus meiner Sicht ist die Spielweise auch weniger erfolgreich weil es offensichtlich bisher nicht gelungen ist das Potential der Spieler "gleichzeitig" voll auszuschöpfen. Phasenweise gelingt das, aber genauso unerklärlich ist, dass die Mannschaft manchmal plötzlich aufhört trotz Überlegenheit "zu spielen".
xcver 01.10.2016
4. Also
Wenn ich mir Mannschaften anschauen will die mir potential versagt haben muss ich aber doch eher in so Richtungen wie Schalke, Hamburg (schon ein bisschen her) usw. Schauen. Man darf sich nicht vergessen, dass Leverkusen Etat mäßig nur im Mittelfeld der Bundesliga steht und aber konstant in der oberen Hälfte die Saison anschließt.
werksferien 01.10.2016
5. Bayer bleibt Bayer
Bayer Leverkusen hat m.E. für diese Saison einen absolut hochwertigen Kader der Dortmund in nichts nachsteht. Wichtig ist natürlich, dass sich Stammspieler und Neuzugänge unter Roger Schmidt noch weiterentwickeln. Für mich liegt Bayers Hauptproblem im fehlenden Anspruch - Schmidt und Völler zelebrieren Ruhe und Geduld, ohne Bayerbrille ist das bislang Vorgetragene ein klarer Fehlstart mit vielen unnötigen Unzulänglichkeiten an denen nicht wirklich gearbeitet wird. Andere Kandidaten, zum Beispiel Dortmund und Gladbach, machen das einfach besser und stehen entsprechend in der Tabelle. Am Ende wird Bayer - mit oder ohne Schmidt - vermutlich oben mitspielen, vielleicht sogar die CL Quali erreichen, aber etwas holen wird man so nie, auch nicht den DFB Pokal. Dem Großteil des Leverkusener Anhang reicht das völlig, von daher ist es Zeitverschwendung beim Bayer mehr zu erwarten, die Welt am Bayerkreuz ist auch nach Niederlagen und unnötig verschenkten Punkten stets in Ordnung.
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