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Rooney gegen die Bayern Ein-Mann-Armee des Weltfußballs

Wayne Rooney gilt neben Lionel Messi als derzeit bester Fußballer der Welt. "Wir werden ihn fürchten", sagt Franz Beckenbauer vor dem Spiel der Bayern gegen ManU. Denn der Engländer fällt wie eine Urgewalt über die Gegner her - und ist gleichzeitig erstaunlich raffiniert.
Von Christoph Biermann

Das kleine Spielchen zwischen dem Trainer und seinem Star geht immer gleich. Vor den Partien von Manchester United kommt Wayne Rooney zu Sir Alex Ferguson und fragt ihn, welche Mannschaft denn spielen wird. "Du bist jedenfalls nicht dabei, aber sonst weiß ich es noch nicht", antwortet Ferguson jedes Mal. "Ok, dann sage ich mal meine Mannschaft", sagt Rooney und teilt dem Trainer mit, von welcher Aufstellung er ausgeht. "Wayne ist dabei großartig und liegt nie weit daneben", hat Ferguson in einem seiner seltenen Interviews dem "Observer" erzählt. Und für den erfolgreichsten Trainer der Welt ist das ein Beweis dafür, dass sein Stürmer sich wirklich mit Fußball beschäftigt. "Er kennt das Spiel", sagte Ferguson.

Auf den ersten Blick mag es schwer fallen, sich gerade Wayne Rooney als aufmerksamen Fußballversteher vorzustellen. Schließlich fällt er wie eine Urgewalt über gegnerische Mannschaften her. Wenn der Brasilianer Ronaldo eine Herde war, wie Real Madrids Sportdirektor Jorge Valdano mal gesagt hat, dann ist der stiernackige Stürmer die Ein-Mann-Armee des Weltfußballs.

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Wayne Rooney: Der Donnergott

Foto: ALESSANDRO BIANCHI/ REUTERS

Der Sohn eines Amateurboxers aus dem Liverpooler Problemstadtteil Croxteth zertrümmert die Abwehrreihen in dieser Saison mit der Unnachsichtigkeit eines Donnergottes. 33 Tore hat er bereits erzielt, davon allein vier in den Achtelfinalspielen der Champions League gegen den AC Mailand. Der italienische "Corriere dello Sport" gab ihm danach das Attribut "unspielbar".

"Wir werden ihn fürchten", hat auch Franz Beckenbauer im Hinblick auf das Hinspiel in der Champions League am Dienstag in München (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) gesagt. Zum Angstfaktor gehört aber mehr als die Sorge vor dem bedrohlichen Überwältigungsfußballer und der effektiven Tormaschine. Denn inzwischen ist Rooney neben Lionel Messi zum besten Fußballer der Welt geworden, weil sein Spiel so viele Facetten hat. Bereitwillig hat er sich in den vergangenen Jahren von Ferguson auf dem Spielfeld herumschieben lassen und auf jeder Position etwas dazugelernt.

Faszinierend war es etwa, ihn im Halbfinale der Champions League im letzten Jahr beim FC Arsenal bis auf die Höhe des eigenen Rechtsverteidigers völlig selbstlos in der eigenen Hälfte aushelfen zu sehen. Er hat im Mittelfeld schon hinter den Spitzen gespielt, ist über außen gekommen und hat die Aufgaben auf jeder Position verinnerlicht. Kein Wunder, dass er die Gedankengänge seines Trainers so gut versteht. Erst in dieser Spielzeit, nach dem Weggang von Cristiano Ronaldo zu Real Madrid, ist er endlich auf der Position angekommen, die vielleicht die beste für ihn ist. Die Idee, ihn zum Mittelstürmer zu machen, kam vom englischen Nationaltrainer Fabio Capello.

Rooney ist also mehr als ein proletarischer Instinktfußballer, der auf dem Rasen seine Aggressionen austobt. Der Jähzorn, der ihm früher immer wieder Platzverweise eintrug, ist ebenfalls gebremst. Dennoch scheint der 24-Jährige aus einer längst untergegangenen Ära zu stammen, in der Fußball ein Arbeitersport war, der von den harten Männern des Industriezeitalters gespielt wurde. "Er ist eine Ausnahme vom zerbrechlichen Typus des modernen Spielers, den wir heute haben, die von ihren Agenten, Müttern, Psychologen und Sozialreferenten in Watte gepackt werden", sagt Ferguson.

Gegenentwurf zu den Beckhams

So haben dem Kampfhundbesitzer Rooney die vergangenen Skandalgeschichten um seine Person auch nicht geschadet, sondern eher zu seinem Mythos beigetragen. Dazu gehört vor allem die immer wieder gern erzählte Anekdote von seinem nachweihnachtlichen Bordellbesuch vor einigen Jahren, bei dem er höflicherweise eine signierte Autogrammkarte hinterließ. "Für Charlotte, ich habe Dich am 28. Dezember gevögelt. Alles Liebe, Dein Wayne Rooney."

Seine Jugendfreundin Coleen, die Tochter eines Maurers, hat ihn trotz solcher Eskapaden 2008 geheiratet, und gemeinsam sind sie ein Gegenentwurf zum Glamour-Pärchen des englischen Fußballs, David und Victoria Beckham. Mrs. Rooney hat zwei erfolgreiche Ratgeber publiziert, wie sich junge Frauen mit günstigen Klamotten von Textilketten modisch anziehen. Außerdem ist sie hochbezahlte Kolumnistin des Klatschblatts "Ok!" und hat eine Fülle von Werbeverträgen. Der an der Seite seiner Frau immer etwas schäfisch dreinschauende Wayne und seine vergnügt daherplaudernde Coleen sind nahbare Identifikationsfiguren für das englische Prekariat.

Dass Sir Alex Ferguson, der Sohn eines Werftarbeiters aus Glasgow, diesen Wayne Rooney liebt, verwundert nicht. Er ist ihm näher als es der pfauenhafte Portugiese Cristiano Ronaldo war, dessen Vakuum nach dem Wechsel zu Real Madrid von Rooney erstaunlich selbstverständlich gefüllt worden ist. Vor allem aber gefällt es Ferguson, dass es Rooney hauptsächlich um Fußball geht: "Wayne ist besessen und will immer besser werden, im Moment ist er sensationell."

Dennoch wird es dem FC Bayern nicht reichen, diesen Rooney zu stoppen. Am Wochenende pausierte er, Manchester United gewann auswärts 4:0.