Roter Sterns Europacuptriumph Erst Sieg, dann Krieg

1991, als bereits der Bürgerkrieg aufzog, feierte der jugoslawische Fußball seinen größten Triumph: Roter Stern Belgrad gewann den letztmals ausgespielten Europapokal der Landesmeister. Es war ein Team besonderer Typen und irrwitziger Schicksale.


Niemals hat er so tief in sich hinein gehorcht vor dem Schuss wie an diesem Abend. Der Lärm von den Rängen, das Hämmern im Kopf. Der Ball liegt bereit, es ist der erste Elfmeter, fünf gegen den Keeper, und Robert Prosinecki, der Spielmacher von Roter Stern Belgrad, läuft an und trifft. Hatte jemals einer geglaubt, sie könnten hier stehen? Ein paar Burschen, viele aus Serbien, die Elite des jugoslawischen Fußballs, der doch ein Jahr zuvor so böse havariert war, gegen Deutschland bei der WM?

Die vermeintliche Wundertruppe von lauter Seidenfüßen, doch alle zu unerfahren? Und nun stehen sie hier am 29. Mai 1991 in Bari, in diesem Finale gegen Olympique Marseille, der Truppe Bernard Tapies, dem Sündenfall des Fußballs. Und einer, der in der Vorsaison ihr bester Mann war, hat sich von Tapie ködern lassen: Dragan Stojkovic, der damals schon seine eigene Legende war. Er kommt erst in der Verlängerung eines zerfahrenen Spiels, und man glaubt zu erkennen, dass Stojkovic nicht will gegen sein altes Team. Es sind ja seine Leute.

Aber die Jungs machen den Job bravourös, so bravourös, dass hinterher, nachdem Elfer um Elfer sitzt und Marseille 5:3 bezwungen ist, kaum einer von Angeboten verschont wird. Diese vielen Lebensläufe, die unterschiedlicher nicht sein könnten, sind sich nur in einem Punkt gleich: Sie mäandern quer über den Kontinent, kreuzen und verlieren sich. In der Heimat bleibt kaum einer, sie alle werden zu Nomaden, hoch bezahlt und gehätschelt und manchmal auch verteufelt. Das war der Lohn für diese Saison, in der sie Dynamo Dresden rauswarfen, den letzten DDR-Meister, und danach die Bayern, den ewigen Deutschen Meister, der nicht einmal sein Heimspiel gewinnen konnte.

Jugoslawiens Rache für 1990, so wurde das damals gesehen, aber man sah auch: Diese Mannschaft war überragend gut, und vor allem war es eine besondere Truppe mit besonderen Typen und irrwitzigen Schicksalen. Da war Prosinecki, den viele als den Spielmacher der neuen Dekade sahen. Aufgewachsen im Schwäbischen als Sohn einer Kroatin und eines Serben, blieb er stets ein Grenzgänger im Team von Roter Stern. Er war der Begabteste, doch auch der Glückloseste. Real hat ihn gekauft und später nach Barcelona abgeschoben, zum Erzfeind. Er lief nie mehr zu jener Form auf, die er im Sommer 1991 hatte.

Da war Darko Pancev, der Dieb im Strafraum, den viele mit Gerd Müller verglichen und für den Milan viel Geld bezahlte. Da war Dejan Savicevic, der Montenegriner, den jeder, der ihn an guten Tagen sah, für einen Magier hielt. Ihm erlag bald auch Berlusconi, der viel Geld für seine Kunststückchen zahlte. Da war Sinisa Mihajlovic, der fieseste Nasskämmer Europas, der Gegnern mit seiner Spucke einen Scheitel zog. Bombenverteidiger, bewährte sich bei Lazio und Inter, bester Freistoßschütze der Welt, vielleicht noch immer. Da war Vladimir Jugovic, dessen Haare früh grau wurden, weshalb alle Respekt vor ihm hatten. Ein Sechser, wie es ihn selten gibt, in vier Spitzenteams erfolgreich, immer Stammspieler, gleich ob bei Juve, Inter oder Lazio. Noch heute sagt Jugovic: "Es war eine Ehre für mich, in dieser Mannschaft zu spielen."

Belgrader Team (1991): Der Jubel war schnell vorbei
AP

Belgrader Team (1991): Der Jubel war schnell vorbei

Und da war Miodrag Belodedic, der Mann mit der schrillsten Vita des Weltfußballs: Geboren wurde er in Serbien nahe der rumänischen Grenze und spielte deshalb für einen rumänischen Club. Dann schob man ihm ein paar Papiere unter und aus dem jungen Serben wurde ein rumänischer Nationalspieler mit dem Namen Belodedici, der mit Steaua Bukarest den Landesmeister-Cup gegen den FC Barcelona gewann. Doch als er erkannte, dass ihm der Weg in den Westen von Rumänien aus wohl für immer verwehrt bleiben würde, bat er in Serbien um Asyl, was ihm gewährt wurde, aber dafür musste er bei Roter Stern ran, wo man das kleine i vom Nachnamen strich und aus ihm wieder ein Serbe wurde, der für Rumänien spielen durfte. Und so kam es, dass Miodrag Belodedic die Abwehr der beiden einzigen Ostblocks-Teams dirigierte, die je den Landesmeister-Cup gewannen.

Roter Sterns Trainer hieß Petrovic, ein Mann, der klug genug war, seinen Jungs den Spieltrieb nicht auszutreiben und ihnen dann Zeit ließ, wenn sie sie brauchten. "Sie leben langsamer, sie spielen mehr" – so sah es Ivica Osim, der letzte Nationaltrainer Jugoslawiens, den noch immer ein wenig die Sentimentalität ergreift, wenn er über diese Mannschaft spricht. Er hatte es damals bequem und pendelte meist zwischen drei Stadien. Der Stamm seiner Nationalelf, vor allem die Serben, spielten bei Roter Stern, die besten Kroaten – Boban, Jarni und Suker – kickten in Zagreb und Split. Doch Osim musste stets vermitteln zwischen Kroaten und Serben, deren Rivalität auf dem Feld eskalierte, als Roter Stern im Mai 1990 in Zagreb spielte.

"Die nächste Kugel wartet auf dich"

Es kam es zu Tumulten, die Hooligans beider Teams gingen aufeinander los. 138 Menschen wurden verletzt, Zvonimir Boban verprügelte einen Polizisten. Zeljko Raznatovic, der aus den Hooligans von Roter Stern eine paramilitärische Truppe ("Tiger") schmiedete, an deren Spitze er zu "Arkan" dem Kriegsverbrecher wurde, notierte: "Ich habe den Krieg kommen sehen, wegen des Spiels in Zagreb." Und er klang dabei fast so wie Boban, der Fußballer: "Diese Schlacht war das Signal für den ein Jahr später einsetzenden Krieg."

Als Prosinecki, der Serbo-Kroate, darum warb, sich auf den Fußball zu konzentrieren, schickten ihm Fanatiker einen Umschlag mit einer Patrone. Auf dem Beipackzettel stand: "Die nächste Kugel wartet auf dich." Auch deshalb verließ er das Land, so schnell er konnte, mit 21. Und so ist die Geschichte von Roter Stern auch eine vom Niedergang des jugoslawischen Fußballs, der ausgerechnet in jenem Augenblick, als der Bürgerkrieg heraufzog, seinen größten Triumph feierte.

Der Rest ist bekannt. Jugoslawien wurde von den internationalen Verbänden ausgeschlossen, Welt- und Europameisterschaften fanden ohne einige der besten Kicker des Kontinents statt, deren Wege durch die Ligen Europas manchmal an seltsamen Orten endeten. Vladimir Jugovic landete in der 2. Liga bei LR Ahlen, Prosinecki beim kroatischen Viertligisten NK Savski Marof. Und im Juni 1998 meldete die Deutsche Presse-Agentur dpa, Miodrag Belodidic wechsle vom mexikanischen Club Atlante zu Steaua Bukarest. Wahlheimat ist Wahlheimat.

Roter Stern Belgrad - Olympique Marseille 5:3 i.E. (0:0) (29. Mai 1991, Stadio San Nicola in Bari)
Elfmeterschießen
1:0 Prosinecki
Stojanovic hält gegen Amoros
2:0 Binic
2:1 Casoni
3:1 Belodedic
3:2 Papin
4:2 Mihajlovic
4:3 Mozer
5:3 Pancev
Belgrad: Stojanovic - Belodedici, Najdoski, Sabanadzovic, Jugovic, Marovic, Mihaijlovic - Binic, Savicevic (84. Stosic), Prosinecki - Pancev, Trainer: Petrovic
Marseille: Olmeta - Amoros, Boli, Mozer, Di Meco (112. Stojkovic) - Fournier (75. Vercruysse), Germain, Casoni, Pelé - Papin, Waddle, Trainer: Goethals



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