Rúben Dias Der perfekte Verteidiger für Guardiolas Fußball

Wie Jürgen Klopp in Liverpool hat auch Pep Guardiola für Manchester City einen Verteidiger gesucht, der sein Team auf ein neues Niveau hebt. Mit Rúben Dias hat er ihn gefunden. Was macht den Portugiesen so gut?
Von Hendrik Buchheister, Manchester
Rúben Dias: Citys Volltreffer

Rúben Dias: Citys Volltreffer

Foto: Rui Vieira / AP

Manchester Citys Trainer Pep Guardiola hat am Wochenende eine der hochwertigsten Ersatzbänke in der Geschichte des Weltfußballs zusammengestellt. Nationalspieler wie Ilkay Gündogan, Bernardo Silva, Phil Foden, Raheem Sterling, John Stones oder João Cancelo saßen bei Citys 2:0-Erfolg bei Leicester City zu Spielbeginn draußen. Sie sollten Kraft sparen nach der Länderspielpause und vor dem Viertelfinal-Hinspiel der Champions League gegen Borussia Dortmund.

Auch Rúben Dias hätte sicher ein bisschen Schonung vertragen. Er stand bei allen drei WM-Qualifikationsspielen von Deutschlands EM-Gegner Portugal über 90 Minuten auf dem Platz und soll an diesem Dienstag (21 Uhr, DAZN) die Bewachung von Erling Haaland übernehmen.

Die Sache ist nur: In einer City-Mannschaft, die wegen des Sponsorings aus Abu Dhabi Qualität im Überfluss aufbieten kann, ist der Abwehrchef der einzige Profi, der nicht zu ersetzen ist.

City gab eine halbe Milliarde Euro für Abwehrspieler aus

Dias, 23, spielte also auch in Leicester und tat, was er immer tut. Er dirigierte die Verteidigung des enteilten Spitzenreiters, der in dieser Saison endlich auch die Champions League gewinnen will. Dias war zur Stelle, wenn es brenzlig wurde. Mit einer beeindruckenden Grätsche gegen Leicesters Belgier Youri Tielemans entschärfte er kurz nach der Pause die größte Chance des Tabellendritten. Die Premier League kürte den Portugiesen hinterher zum Mann des Spiels.

Fast eine halbe Milliarde Euro hat Manchester City seit Guardiolas Ankunft 2016 in Abwehrspieler investiert. Spötter sagen, dass der Klub mehr Geld für die Verteidigung ausgebe als so mancher Staat. Trotzdem klaffte im Zentrum der himmelblauen Defensive ein Loch nach dem Abschied von City-Ikone Vincent Kompany nach dem Titelgewinn 2019. Dieses wurde in der vergangenen Saison nur behelfsmäßig gestopft und führte mit dazu, dass die Mannschaft in der Premier League 18 Punkte hinter Meister FC Liverpool landete.

Es war klar, dass die nächste Defensiv-Verpflichtung ein Volltreffer werden musste. Und sie wurde ein Volltreffer.

»Der herausragende Performer«

Für fast 70 Millionen Euro kam Dias zu Beginn dieser Saison – kurz nach einer 2:5-Pleite gegen Leicester – und ist in Rekordzeit zu dem Abwehrchef geworden, den Manchester City gesucht hat. Er hat entscheidenden Anteil daran, dass der Klub die Aura der Unantastbarkeit zurückhat und in Kürze wohl zum dritten Mal in vier Jahren den Premier-League-Thron besteigen wird.

»Manchester City wird Meister, und er ist der herausragende Performer, der beste Spieler dieser Saison«, hat Sky-Sports-Experte Jamie Carragher gerade über Dias gesagt. Dieses Urteil hat Gewicht, denn Carragher weiß als langjähriger Verteidiger beim FC Liverpool und in der englischen Nationalelf, wovon er spricht, zugleich ist er noch heute glühender Liverpool-Fanatiker. Parteilichkeit zugunsten von Manchester City kann ausgeschlossen werden.

City-Trainer Guardiola: Will endlich die Champions League mit Manchester gewinnen

City-Trainer Guardiola: Will endlich die Champions League mit Manchester gewinnen

Foto: Rui Vieira / imago images/PA Images

Auch bei City selbst ist die Begeisterung über Dias groß. »Er ist nicht einfach nur ein Spieler, der gut spielt. Er macht auch die anderen Spieler besser«, sagt Guardiola. Bestes Beispiel dafür ist John Stones, der wegen seiner Fehleranfälligkeit fast schon abgeschrieben war, in dieser Saison an der Seite von Dias allerdings aufblüht und in die englische Nationalmannschaft zurückgekehrt ist. Auch die Außenverteidiger Kyle Walker (rechts) und João Cancelo (links) haben ihre starke Form auch der neuen Sicherheit in der Abwehrmitte zu verdanken.

Schnell an die Premier League gewöhnt

Dias, der einst in der Jugend als zu schmächtig galt und deshalb im Mittelfeld spielte, bringt genau die Stärken mit, die ein Innenverteidiger bei einer Guardiola-Mannschaft braucht: klassische Abwehrspielertugenden wie Zweikampfstärke, ein gutes Kopfballspiel und Kompromisslosigkeit paart er mit guter Übersicht und Passsicherheit. Von allen Premier-League-Profis spielt Dias mit Abstand die meisten Pässe.

Außerdem zeigt er eine Führungsstärke, die ungewöhnlich ist für jemanden, der gerade erst in die angeblich beste Liga der Welt gewechselt ist. »Er redet 90 Minuten lang und sagt in jeder einzelnen Aktion, was wir zu tun haben«, sagt Guardiola. Der Portugiese habe sich so schnell an den englischen Fußball gewöhnt »wie eine Ente an das Wasser«, schrieb vor einer Weile der »Telegraph«.

Große englische Mannschaften sind oft auf einem starken Abwehrfundament gebaut. Bei Manchester United bildeten Rio Ferdinand und Nemanja Vidic jahrelang ein Furcht einflößendes Innenverteidigerduo, die »Invincibles« des FC Arsenal hatten Sol Campbell und Kolo Touré, der FC Chelsea John Terry.

Die aktuelle Vergleichsgröße in England für die transformierende Kraft eines Innenverteidigers ist Virgil van Dijk, mit dem Jürgen Klopps einst poröser FC Liverpool zum Champions-League-Sieger und Meister wurde (Manchester United hofft mit Harry Maguire bisher vergebens auf eine solche Wandlung). Van Dijk war der Spieler, der aus einer sehr guten Liverpooler Mannschaft einen Champions-League-Sieger und Premier-League-Gewinner machte.

Rúben Dias könnte nun Guardiolas van Dijk sein. Seine Geschichte ist ein weiterer Beleg dafür, dass es nicht immer nur Stürmer und Spielmacher sind, die eine Mannschaft auf die nächste Stufe heben.

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