Rudi Assauer Patriarch mit Problemen

Lange galt Rudi Assauer als unumstrittener Alleinherrscher beim FC Schalke 04. Doch finanzielle Drahtseilakte, vier Trainerentlassungen in den letzten zwei Jahren und zunehmende Entrückung isolieren den Manager in "seinem" Verein immer mehr.


Manager Assauer (mit Zigarre): Kunst des Aussitzens
DDP

Manager Assauer (mit Zigarre): Kunst des Aussitzens

Gelsenkirchen - Ein wenig erinnert Rudi Assauer an Helmut Kohl. Wie der einstige Bundeskanzler reagiert der Manager von Schalke 04 schon Mal ruppig, wenn er mit kritischen Fragen konfrontiert wird: "Sie sind ja noch viel zu jung und haben keine Ahnung von diesen Dingen", heißt es dann gern. Auch die Kunst des Aussitzens gehört zum Repertoire beider Autoritäten; viel falsch haben Assauer und Kohl selbstverständlich nie gemacht, schließlich hat jeder sein Reich verschönert. Oder besser: vergrößert. Und das bleibt ja wohl die größte Leistung eines jeden Herrschers. Einen Hang zur Selbstherrlichkeit haben Manager und Altkanzler; beide wirken nach Jahren der Machtfülle bisweilen ein wenig entrückt, im eigenen Empfinden frei von der Pflicht, das Volk über Details zu informieren.

"Demnächst gehört uns hier die ganze Stadt"

Und so weiß man wenig über die finanzielle Situation der Königsblauen. Nur die Summe von 102 Millionen Euro Schulden ist hinlänglich bekannt, und wenn Assauer vollmundig verkündet, das sei alles halb so schlimm, denn die Arena AufSchalke könne "innerhalb eines Tages für ein Vielfaches des Anschaffungspreises" von 182 Millionen Euro verkauft werden, dann klingt das für Immobilienexperten wie Kohls Rede von den "blühenden Landschaften".

Arena "AufSchalke": Demnächst gehört uns hier die ganze Stadt
AP

Arena "AufSchalke": Demnächst gehört uns hier die ganze Stadt

Nur ist Kohls Traum längst geplatzt, während Assauer weiter an seine Vision von einer "Erlebniswelt Schalke" glaubt. 1,7 Kilometer lang und einen Kilometer breit soll dieses florierende Fußballreich irgendwann sein, mit Rehazentrum, Hotel, Museum, modernsten Trainingsanlagen und dem Schloss, der Arena. Vor einiger Zeit fantasierte der Herrscher gar noch einige Quadratkilometer hinzu: "Demnächst gehört uns hier die ganze Stadt. Dann bestimmen wir den Bürgermeister. Wir sagen, was gemacht wird. Und dann geht es wieder bergauf mit dieser Stadt." Großmachtsträumereien.

Zuletzt ging es nur noch bergab mit seinem Club. Keine Champions League, vier Trainerentlassungen in zwei Jahren und ein gigantischer Schuldenberg, so die jüngste Bilanz. Assauer gerät erstmals in Schwierigkeiten. Die einzige Instanz, die den gelernten Stahlbauschlosser und Bankkaufmann kontrollieren kann, ist der Aufsichtsrat, und der segnete lange alles ab, was der Patriarch vorschlug. Doch das scheint jetzt vorbei zu sein. In dieser Woche sagte Aufsichtsratsboss Clemens Tönnies der "Süddeutschen Zeitung": "Herr Assauer weiß, dass er mit dem Feuer spielt. Wenn er jetzt noch mal daneben greift, kriegt er es schwer" und fügte hinzu: "Er hat es hier und da überzogen. Wir sind hier nicht in einem Fürstentum." Das wird Assauer sich zu Herzen nehmen müssen.

17 Nebenjobs

Zwar hat der Manager mit Gerd Rehberg (Vorstandsvorsitzender), Peter Peters (Geschäftsführer), Josef Schnusenberg (Finanzvorstand) sowie Andreas Müller (Leiter der Lizenzspielabteilung) einen fleißigen Stab, das letzte Wort hatte aber stets Assauer. 17 Tochtergesellschaften, die im vergangenen Jahr 17 Millionen Euro Verlust gemacht haben sollen, hat Schalke 04 - der Manager fungiert bei allen als Geschäftsführer. Mit dem neuen Rehazentrum will er ganz nebenbei das nach Clubangaben "größte Gesundheits- und Rehabilitationszentrum" betreiben, um nur einen der 17 Nebenjobs zu nennen.

Schalker Fans in der Arena: "Dann leiden die eben ein bisschen"
DPA

Schalker Fans in der Arena: "Dann leiden die eben ein bisschen"

Das Unternehmen Schalke 04 ist gigantisch geworden durch den Arenabau und hoch komplex. Im Umfeld des Clubs glauben einige, Assauer sei überfordert als allgegenwärtiger Macher in diesem Konstrukt. "Fußball und Spieler, dieser Zweig nimmt vielleicht noch zehn Prozent der Arbeit ein", sagte der Manager in diesem Sommer selber, und trotzdem fällt es ihm schwer, den Trainer die Aufstellung alleine machen zu lassen. Die Kernkompetenz des 60-Jährigen - der Fußball - liegt brach, während er sich mit Konzerten der Wildecker Herzbuben, Hallenbiathlon oder den Tücken des Gesundheitsmarktes beschäftigen muss. Kompetente Leute für die vielen Jobs hat er offenbar nicht gefunden oder nicht gewollt - kein Wunder, dass die Fußballabteilung darunter leidet.

"Ich genieße das Leben in vollen Zügen"

Als ein Journalist im vergangenen Jahr fragte, ob der Manager das Arbeitsgericht bemühen werde, nachdem Jörg Böhme sich nicht an Absprachen gehalten habe, antwortete Assauer: "Das Arbeitsgericht auf Schalke bin ich." Den Spielern erklärt der Manager vor der Verpflichtung gern eine ganz spezielle Standortregel: "Man kann hier nicht mit dem dicksten Mercedes vorfahren, wenn unten Rentner und arbeitslose Jugendliche stehen." Assauer fährt einen dicken Mercedes. Er beansprucht stets eine Sonderrolle, auch bei der Verteilung von Kompetenzen. Die Abgabe von Verantwortung als Zeichen von Schwäche, da blitzt er durch, der Macho, der Patriarch. Gerne erzählt der in Herten aufgewachsene Ex-Verteidiger von Borussia Dortmund, dass er zu Beginn seiner ersten Amtszeit auf Schalke zwischen 1981 und 1986 für einige Wochen zwei Clubs gleichzeitig managte. Einmal habe er morgens Yasuhiko Okudera für Werder Bremen verpflichtet und nachmittags den Bayern-Profi Norbert Janzon für Schalke unter Vertrag genommen.

Assauer, Freundin Simone Thomalla: Macho mit Gefühlen
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Assauer, Freundin Simone Thomalla: Macho mit Gefühlen

Solche Geschichten mag er über sich hören. Geschichten, die das Bild des positiv verrückten, des unkonventionellen Machos mit Gefühlen transportieren. Ein Image, das er in einer Bierwerbung mit seiner Lebensgefährtin, der Schauspielerin Simone Thomalla, pflegt. Der Illustrierten "Bunte", die ihn einmal auf Platz vier der 50 erotischsten Männer Deutschlands führte, sagte er: "Ich kippe gerne ein Bier, genieße das Leben in vollen Zügen. Rauche Zigarre, und dass ich schöne Frauen mag, ist auch kein Verbrechen". Zu seinen besten Zeiten qualmte er 0,5 Prozent der gesamten Auflage der Davidoff "Gran Cru No 3", das hat er mittlerweile etwas eingeschränkt.

"Management, das Leiden schafft"

Ein Zeichen der Besonnenheit, die im Augenblick dringend nötig ist. Noch einen Fehltritt in der Trainerfrage kann sich Assauer nach den fehlgeschlagenen Experimenten mit Frank Neubarth, Marc Wilmots und Jupp Heynckes nicht mehr leisten; doch die Arbeitsbedingungen auf Schalke gelten nicht zuletzt wegen des allgegenwärtigen Managers als schwierig. Und gerade jetzt ist der Druck besonders groß, denn wenn die sportliche Entwicklung sich nicht den Ansprüchen anpasst, drohen dem Club, der angeblich schon in diesem Sommer nicht alle Rechnungen pünktlich bezahlte, ernste finanzielle Schwierigkeiten. Zu den jährlich zehn Millionen Euro zur Tilgung der Kredite für den Arenabau werden ab der übernächsten Saison weitere sieben Millionen Euro pro Jahr fällig, um eine 85-Millionen-Euro-Anleihe des Londoner Finanzmaklers Stephen Schechter abzustottern.

Assauer (im Münchner Olympiastadion): "Entweder schaffe ich Schalke, oder Schalke schafft mich"
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Assauer (im Münchner Olympiastadion): "Entweder schaffe ich Schalke, oder Schalke schafft mich"

Ein Club wie der SC Freiburg finanziert eine komplette Mannschaft mit der Summe, die Schalke während des nächsten Jahrzehnts in jeder Saison an seine Kreditgeber überweisen muss. Ohne Champions League ist das kaum realisierbar, zumal mit dem Düsseldorfer Rheinstadion ein ernster Konkurrent beim Buhlen um Großveranstaltungen jenseits des Fußballbetriebs auf die Bühne tritt. Assauer lebt auf Kosten all jener, die länger auf Schalke bleiben als er selber. Zum Beispiel die Fans, die für Assauer mittlerweile eher folkloristische Kulisse sind als Leute, deren Wohlbefinden von seinem Handeln abhängt. "Mannschaft ohne Leidenschaft, Management, das Leiden schafft", hatten die Anhänger vergangene Woche zum Uefa-Cup-Spiel gegen Liepaja auf ein Plakat gepinselt. "Das ist doch wunderbar, dann leiden die eben ein bisschen", ließ er die Kritik abperlen wie ein frisch gewachster Ski den Regentropfen.

Er hat ja schon viel Gutes für die Leute draußen getan, hat Schalke vom hoch verschuldeten Skandalclub zum Europapokalsieg, zu DFB-Pokalerfolgen und in die moderne Arena geführt - da ist solcherlei Kritik doch unfair, oder? "Entweder schaffe ich Schalke, oder Schalke schafft mich", hat er 1981 gesagt und damit das große Spiel eröffnet, das er mit dem Revierclub spielt. "Die Geschichte geht weiter, wer wen geschafft hat, das wird sich noch herausstellen", sagte er im vergangenen Jahr. Er muss aufpassen, dass er Schalke 04 nicht so verlässt, wie er es übernommen hat. Derlei Szenarien hält Assauer natürlich für abwegig und sagt: "Ich weiß, dass ich irgendwann die Schale in der Hand halten werde. Und das wird nicht mehr allzu lange dauern." Helmut Kohl glaubt auch immer noch, dass er ein wunderbar funktionierendes Land hinterlassen hat.



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