Rudi Völler "Man muss gewisse Dinge offensiver angehen"

Im Kontrast zu der bislang praktizierten DFB-Haltung will der Teamchef der Fußballnationalmannschaft in Zukunft auf junge und hungrige Spieler setzen. Zumindest bei den Freundschaftsspielen.


Rudi Völler: Der Teamchef im Dialog mit der Lederkugel
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Rudi Völler: Der Teamchef im Dialog mit der Lederkugel

Mainz - Teamchef Rudi Völler will trotz schlechter Erfahrungen auch in Zukunft nicht auf Freundschaftsspiele mit der deutschen Fußball-Nationalmannschaft verzichten. Die Testspiele seien ungeachtet der Termin-Problematik und des Motivationsmangels bei den Spielern für ihn unverzichtbar. "Nicht wegen des Geldes, sondern einfach, um die Mannschaft zusammen zu haben. Man muss versuchen, etwas einzuspielen für die wichtigen Qualifikationsspiele", erklärte Völler am Samstagabend im "Aktuellen Sportstudio" des ZDF.

Der 40-Jährige kündigte an, als Konsequenz aus der 0:2-Niederlage gegen Dänemark in Zukunft bei Testspielen verstärkt Neulingen und Ersatzspielern eine Chance einzuräumen. "Vielleicht hätte ich in dem Spiel gegen Dänemark dem einen oder anderen Neuen eine Chance geben sollen, um einfach einen Ruck reinzubringen", sagte Völler.

In den ersten vier Länderspielen unter der Regie des Weltmeisters von 1990 ist in Abwehrspieler Ingo Hertzsch vom Hamburger SV bei der Partie gegen Dänemark erst ein Debütant zum Einsatz gekommen. Nach der Ankündigung vom Samstag könnte sich das eventuell schon beim ersten Länderspiel des neuen Jahres, dem Freundschaftsspiel am 27. Februar in Paris gegen Welt- und Europameister Frankreich, ändern.

Als kommende Nationalspieler werden unter anderem Jörg Böhme vom FC Schalke 04 und der Berliner Michael Hartmann gehandelt, zumal Völler gerade auf der linken Seite nach personellen Alternativen sucht. Aus dem zweiten Glied drängen Spieler wie Stefan Beinlich von Hertha BSC Berlin nach vorn. "Es ist ein Ziel von mir, dass ich 2001 einen Stammplatz bei Rudi Völler schaffe", erklärte Beinlich.

Ungeachtet der positiven Stimmung um seine Person bleibt Völler auch nach dem gelungenen Start in die WM-Qualifikation mit Siegen in Hamburg gegen Griechenland (2:0) und in London gegen England (1:0) realistisch. Unter dem Strich zähle auch für ihn nur der Erfolg. "Ich weiß, dass das Geschäft brutal ist. Vielleicht verzeiht man mir eine Niederlage mehr", so der ehemalige Weltklassestürmer.

Jürgen Kohler, Völlers Teamkollege im Weltmeisterteam von 1990, machte sich dennoch am Wochenende für einen langfristigen Teamchef Völler stark. "Wenn der Deutsche Fußball-Bund schlau ist, verlängert er den Vertrag schon bis 2006", sagte der Ex-Nationalspieler von Borussia Dortmund. Der DFB und Völler haben sich vorerst auf eine Zusammenarbeit bis zur Weltmeisterschaft 2002 in Japan und Südkorea verständigt. Bis dahin hat Bayer 04 Leverkusen den 40-Jährigen freigestellt. Völler steht bei dem Bundesligisten noch bis 2003 als Sportdirektor unter Vertrag.

Im ZDF-Interview machte Völler dem im vergangenen Sommer noch designierten Bundestrainer Christoph Daum den Vorwurf, sich im Zuge seiner Drogen-Affäre falsch verhalten zu haben. "Manchmal ist es besser, wenn man gewisse Dinge offensiver angeht, zu gewissen Dingen steht, auch wenn es schwerfällt", sagte Völler, der mit Daum vier Jahre lang in Leverkusen eng zusammengearbeitet hat. Derzeit habe er zu Daum, der sich noch in den USA aufhalten soll, keinen Kontakt.

Zugleich bestätigte der Teamchef, dass die Konsequenzen aus dem "Fall Daum" trotz der Aussprachen wie etwa zwischen Bayern Münchens Manager Uli Hoeneß und dessen Leverkusener Amtskollegen Reiner Calmund noch nicht bewältigt seien. "Viele Verhältnisse von Vereinen oder von handelnden Personen haben sehr gelitten", sagte Völler. "Man muss versuchen, dass im Laufe der Zeit wieder zu verbessern."



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