Rudi Völler Reifeprüfung bestanden

Nicht nur sein Team, sondern auch DFB-Teamchef Rudi Völler hat mit der WM-Teilnahme einen großen Schritt nach vorne gemacht.

Von Thomas Lötz


Rudi Völler: "Das muss man erst einmal setzen lassen"
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Rudi Völler: "Das muss man erst einmal setzen lassen"

Dortmund - Die erste Viertelstunde in Dortmund war gerade rum, und die deutsche Fußball-Nationalmannschaft führte nach Toren von Michael Ballack, Oliver Neuville und Marko Rehmer mit 3:0 gegen die Ukraine. Da erklangen aus der Nordtribüne des mit 52.400 Zuschauern ausverkauften Westfalenstadions lang gezogene, immer lauter werdende "Ruuuu-di, Ruuuu-di"-Rufe. Unten auf der Bank neben dem Spielfeld blieb DFB-Teamchef Rudolf Völler mit dem Gefühl sitzen, dass die Teilnahme an der WM 2002 zu diesem Zeitpunkt sicher war.

Fast zwei Stunden später saß Völler auf einem Podest im Presseraum des Stadions. Die donnernden "Rudi Völler, du bist der beste Mann"-Fanchöre waren länger schon verhallt. "Heute hier die Zuschauer, das habe ich in meiner Amtszeit noch nicht erlebt", sagte Völler dankbar, wenn auch nicht den Tränen nahe. Wäre man mit ihm jetzt alleine gewesen, hätte der Teamchef das Gespräch danach beendet und sich mit dieser ihm typischen, angedeuteten Umarmung und einem Augenzwinkern verabschiedet.

Bei einem Scheitern wäre Völler zurückgetreten

Natürlich wussten Völler und die Dortmunder Zuschauer vor dem Anpfiff gegen die Ukraine, dass seine Amtszeit am Mittwochabend nach nicht mal anderthalb Jahren auch ein Ende hätte finden können. Seit Spätsommer 2000 führt der Mann mit dem netten Spitznamen "Tante Käthe" als Teamchef die Geschäfte der Nationalmannschaft. Wäre es gegen die Ukraine am Mittwoch schief gelaufen, hätte Völler, der 1990 mit der DFB-Auswahl Weltmeister geworden war, seinen Rücktritt bekannt gegeben.

"Es war sicher nicht so einfach, auch für den Gegner nicht, mit so einer Drucksituation umzugehen", sagte Völler. An seinen Aussagen ließ sich ablesen, wie nervös und angespannt der nur ungern über sich selbst redende Völler war. Die letzten acht Wochen seit der 1:5-Niederlage gegen die Engländer in München seien schwierig gewesen, gab der Teamchef am Mittwochabend in Dortmund immerhin zu. Aber wie die Mannschaft die Enttäuschung, hinter dem Erzrivalen nur Gruppenzweiter geworden zu sein, weggesteckt habe, "das war wirklich sensationell".

"Entscheidung bis Weihnachten"

Natürlich wäre es eine "riesige Enttäuschung" gewesen, wenn man sich nicht für die Endrunde in Japan und Südkorea hätte qualifizieren können, aber es wäre auch "kein Weltuntergang" gewesen. Sondern nur der Abschied des Teamchefs Völler. Ob der frühere Bremer und Leverkusener Bundesligaprofi allerdings seinen am Ende der WM in Japan und Südkorea auslaufenden Vertrag verlängern werde, ließ er am Mittwoch offen. "Wir werden bis Weihnachten eine Entscheidung treffen", sagte Völler, der von ganz Fußball-Deutschland bekniet wird, sich möglichst lange zu verpflichten: "Das muss man erst einmal sich setzen lassen. Das ist alles nicht so spurlos an mir vorübergegangen. So viel kann mir der DFB für das gar nicht bezahlen, was ich in den letzten Wochen hier durchmachen musste."

Trotz der Anspannungen sei Völler "erstaunlich ruhig" gewesen, antwortete Mannschaftskapitän Oliver Kahn auf die Frage nach der mentalen Verfassung seines Vorgesetzten. Schließlich sei Völler ja so lange auch noch nicht Teamchef. Dann dachte Kahn, der zugab, gegen die Ukraine den größten Druck in seiner an Erfahrungen reichen Karriere erlebt zu haben, kurz nach, redete etwas von kleinen Anzeichen, die er bei Völler ausgemacht haben wollte, und sagte: "Man hat den Eindruck gehabt, dass er solche Relegationsspiele schon oft mitgemacht hat." Der Satz muss wohl als so etwas wie das Siegel unter eine bestandene Teamchef-Reifeprüfung verstanden werden.



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