Rudi Völler "Selbstzerfleischung darf es nicht mehr geben"

Der neue Teamchef gilt als lockerer Typ und hat sich zur ersten Aufgabe gemacht, die offensichtlich gehemmten Nationalmannschaftskandidaten wieder lockerer zu machen. Dennoch wird es unter Völler nicht allzu entspannt zugehen, denn eine Kapitulation wie im EM-Spiel gegen Portugal wird er nicht zulassen.


Rudi Völler: "Einige Minuten nachdenken müssen"
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Rudi Völler: "Einige Minuten nachdenken müssen"

Frankfurt am Main - Fußball-"Kaiser" Franz Beckenbauer spricht von einer "vernünftigen Lösung", Weltverbands-Präsident Sepp Blatter kritisiert die Entscheidung des DFB in Sachen Bundestrainer offen als "Flickschusterei". Rudi Völler wird nach seiner überraschenden Installation als Teamchef der am Boden liegenden deutschen Fußball-Nationalmannschaft in den rund elf Monaten seiner befristeten Amtszeit zeigen können, wer von den beiden Experten am Ende Recht behält.

"Eine deutsche Mannschaft wird sich unter meiner Leitung nie wieder so ergeben wie gegen Portugal", verspricht der 90-malige Nationalspieler. Am 1. Juni 2001 wird Völler dann die alleinige Verantwortung für den dreimaligen Welt- und Europameister in die Hände von Christoph Daum (Vertrag bis 2004) legen, der bis dahin nur beratend für den DFB und "mit 100 Prozent für Bayer Leverkusen arbeiten" wird.

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Der neue Teamchef

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"Rudi soll möglichst jedes Spiel mit der Nationalelf gewinnen, mit diesem Druck könnte ich bei meinem Amtsantritt im nächsten Jahr gut leben", meinte der designierte Bundestrainer Daum, der noch bis zum 31. Mai kommenden Jahres seinen Vertrag bei Vizemeister Leverkusen erfüllt, ehe er seinen Traumjob antritt. Kein leichtes Unterfangen für den bisherigen Leverkusener Sportdirektor Völler, der am Sonntag beim Frühstück noch nicht einmal im Entferntesten daran gedacht hatte, dass er am Abend der wichtigste Mann im deutschen Fußball sein wird.

"Die Entscheidung kam sehr überraschend. Ich habe einige Minuten nachdenken müssen, ehe ich zugestimmt habe", berichtete der 40 Jahre alte Weltmeister von 1990, der exakt um 18.17 Uhr am Sonntagabend als dritter deutscher Teamchef nach Beckenbauer und dem nach dem deutschen Euro-Desaster zurückgetretenen Erich Ribbeck vorgestellt worden war. Gemeinsam mit Völler soll Bayern Münchens Vize-Präsident Karl-Heinz Rummenigge in offizieller Mission als Vorsitzender der "Task Force" - de facto als Teammanager - mithelfen, den Weg Richtung WM-Endrunde 2002 in Japan und Südkorea einzuschlagen. Dazu wird der 95-malige Nationalspieler die Kontakte mit den Bundesligamanagern intensivieren.

Vier WM-Qualifikationsspiele fallen in die Ära Völler/Rummenigge. Nach der Generalprobe im Freundschaftsspiel gegen Spanien am 16. August in Hannover geht es in der WM-"Quali" Schlag auf Schlag: 2. September in Hamburg gegen Griechenland, 7. Oktober in London gegen England, 24. März in Leverkusen gegen Albanien und 28. März gegen Griechenland in Athen. "Wir dürfen es uns nicht erlauben, die WM-Teilnahme zu verspielen. Wir wollen den Karren wieder flottmachen und uns für Japan und Südkorea qualifizieren", gibt Rummenigge die Marschroute aus.

"Ich bin überzeugt davon, dass die Zusammenarbeit mit Rummenigge gut klappen wird", meinte Völler, der in ständigen Kontakt mit Daum bleiben wird. Völler stellt aber klar, dass er "für die Nominierung der Nationalspieler und auch für die Aufstellung allein verantwortlich" sein wird. Da "Tante Käthe" (Völlers Spitzname) aber keine Trainerlizenz besitzt, wird er noch einen "qualifizierten Mann" mit der entsprechenden Ausbildungsbescheinigung zur Seite gestellt bekommen.

"Wir haben schon über einige Namen nachgedacht, aber da haben wir noch Zeit. Er muss aber auf jeden Fall zu mir passen, so wie es beim WM-Titelgewinn 1990 Holger Osieck und Horst Köppel bei Beckenbauer getan haben", macht der neue Teamchef deutlich. Völler wird zudem engen Kontakt zu Daum halten, um für die künftige Bundestrainer-Ära einen guten Grundstein zu legen.

"Ich kenne seine Arbeit seit vielen Jahren, ich kenne seine Konzepte und seine Ideen. Ich werde mit ihm sprechen, aber auch mit anderen Trainern", sagte der Hesse. Umgehend will Völler auch Gespräche mit den Erfolgstrainern Ottmar Hitzfeld (Bayer München) und Otto Rehhagel (1. FC Kaiserslautern) führen.

"Ich freue mich, dass in Völler eine Führungsfigur sich gemeinsam mit Rummenigge für den Aufbau zur Verfügung gestellt hat", meinte Daum, der in der kommenden Saison natürlich unter besonderer Beobachtung steht. Sollte es in Leverkusen sportlich nicht so laufen wie gewünscht, kann die am Sonntag beschlossene Lösung schnell in die Kritik geraten.

Dasselbe gilt für Völler, der nicht gerade als harter Hund bekannt ist, trotzdem zunächst aber den "Saustall Nationalmannschaft" aufräumen muss. "Ich werde versuchen, den Stellenwert der Nationalmannschaft wieder in die Köpfe der Spieler reinzubringen. Ich muss die Einstellung ändern. Selbstzerfleischung darf es nicht mehr geben. Alle Beteiligten sollen die Aufbruchstimmung verinnerlichen", forderte der Teamchef.

DFB-Vizepräsident Gerhard Mayer-Vorfelder, der bei der vierstündigen Elefantenrunde am Sonntag mit Vertretern des DFB sowie den Spitzenclubs Bayern München und Bayer Leverkusen die zündende Idee mit Völler hatte, verkaufte den Kompromiss natürlich positiv: "Ich bin über das gefundene Ergebnis sehr zufrieden, und ich bin sehr glücklich, dass diese Lösung im großen Konsens erzielt wurde. Wir haben mehrere Bundesliga-Vereine angerufen, die in Arbeitsgruppen mitwirken. Alle Vereine haben ihr vollstes Einverständnis erklärt", berichtete der designierte DFB-Präsident. Bleibt zu hoffen, dass es am Ende nicht wie schon bei Ribbeck ein fauler Kompromiss wird.



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