Völler und Zorc machen nach 40 Jahren Schluss in der Bundesliga Abschied von den Museumsführern

Rudi Völler und Michael Zorc haben die Bundesliga als Spieler und Funktionäre geprägt – der eine als lauter, der andere als leiser Volkstribun. Nun hören sie auf. Zeit für eine Würdigung.
Rudi Völler als Spieler von Werder Bremen im Jahr 1986

Rudi Völler als Spieler von Werder Bremen im Jahr 1986

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Liedel / IMAGO / Kicker

Rudi Völler war schon wieder hellwach. Am Abend zuvor hatte Bayer Leverkusen noch im Europapokal in Bergamo gespielt. Am nächsten Morgen in diesem März tauchte der Sport-Geschäftsführer schon wieder beim DFB-Bundestag in Bonn auf. Putzmunter, weil er in Bergamo nach dem Spiel mit dem Versuch kläglich gescheitert war, im Verein noch ein paar Leute fürs Abendleben in Italien zu animieren. »Aber es geht ja keiner mehr nach dem Spiel feiern, so wie das früher war«, sagte Völler.

Nichts ist mehr wie früher, und wer könnte das besser beurteilen als Rudi Völler?

Der junge Völler verabschiedet sich aus der Umkleide heraus von Karlheinz Förster: Ach, ja, der Rudi eben. Der darf das.

Der junge Völler verabschiedet sich aus der Umkleide heraus von Karlheinz Förster: Ach, ja, der Rudi eben. Der darf das.

Foto: IMAGO / Sportfoto Rudel

Sein erstes Bundesligaspiel hat der heute 62-Jährige im Jahr 1980 absolviert, und seitdem war er im Grunde dauerpräsent, der Bub aus Hanau, der Stadt, in der er mittlerweile zum Ehrenbürger ernannt ist. Kinder der Bundesliga nennt man diese Typen, die schon dazu gehörten, als es im Fußball noch keine Ausstiegsklauseln gab, keine Streamingdienste, keine Halbzeitanalysen, keine Champions League und erst recht keinen Videobeweis.

Otto Rehhagel war so einer, Felix Magath, Jupp Heynckes, Ewald Lienen, Friedhelm Funkel, Rudi Völler und Dortmunds Michael Zorc auch. Sie haben die Veränderung dieses Sports miterlebt, mitgemacht, sie haben sie auch mitgeprägt.

Völler als Sport-Geschäftsführer bei Bayer Leverkusen: skeptisch gegenüber der Modernisierung des Fußballs

Völler als Sport-Geschäftsführer bei Bayer Leverkusen: skeptisch gegenüber der Modernisierung des Fußballs

Foto: Herbert Bucco / IMAGO

Völler hört am Samstag als Geschäftsführer bei Bayer auf, Zorc nimmt seinen Abschied als Sportdirektor von Borussia Dortmund. Beide übernahmen ihre Jobs 2004, jetzt machen sie gleichzeitig Schluss. Kaum vorstellbar, eine Bundesliga ohne Völler, ohne Zorc. Sie waren doch immer da.

Völler-Interviews unterhaltsamer als manche Spiele

Torschützenkönig bei 1860 München in der 2. Liga war Völler schon 1982, dann Nationalspieler bei Werder Bremen, italienischer Pokalsieger mit AS Rom, Champions-League-Gewinner mit Olympique Marseille, Weltmeister mit Deutschland sowieso, Spuck-Affäre inklusive, Ruuuuuuu-di, Karriereende bei Bayer 04, Manager, Sportdirektor, Geschäftsführer, ach, ja, Bundestrainer, »es gibt nur ein‹ Rudi Völler«, der Erfinder der Wutrede, Scheißdreck mit Käse, das Weizenbier von Waldi Hartmann.

Er war immer gut für ein kontroverses TV-Interview. Es gab eine Zeit, da war das Völler-Interview nach dem Spiel bessere Unterhaltung als die 90 Minuten davor. Mit Abstand.

BVB-Sportdirektor Michael Zorc: Gegenentwurf zu Völler, aber ebenso respektiert

BVB-Sportdirektor Michael Zorc: Gegenentwurf zu Völler, aber ebenso respektiert

Foto: Alex Gottschalk / IMAGO / DeFodi

Michael Zorc war der Gegenentwurf, Sinnbild für Vereinstreue, einmal schwarzgelb, immer schwarzgelb, 463 Spiele für den BVB von 1981 bis 1998. Mannschaftskapitän, Deutscher Meister, Champions-League-Gewinner, Pokalsieger, an Erfolgen im Verein hat er nichts ausgelassen. Als er Dortmunder Profi wurde, standen Rüdiger Abramczik und Manni Burgsmüller im BVB-Kader, Jupp Tenhagen, Lothar Huber und Rolf Rüssmann, Trainer war Udo Lattek, eine andere Fußballwelt war das, auf der Grenze von Ruhrpottromantik zum Big Business. Zorc kann noch behaupten, er hat beides kennengelernt.

Auch er wechselte danach ins Management, aber ein Interview der Völler'schen Art bei ihm? Nicht vorstellbar. Einer, der als Spieler Susi genannt wurde, würde vor dem Mikrofon nicht »Scheißdreck« sagen.

Eine leise Respektsperson

In einem Geschäft, das die Rampensau-Mentalität nach allen Kräften fördert, war Zorc immer einer für den ruhigen Ton. Nie laut, die Attacke überließ er mit Freuden Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke. Eine Respektsperson war er auch ohne dies.

Manchmal verließ selbst Michael Zorc (M.) die Besonnenheit (hier im Zwist mit Mario Basler)

Manchmal verließ selbst Michael Zorc (M.) die Besonnenheit (hier im Zwist mit Mario Basler)

Foto: IMAGO / Kosecki

Michael Zorc war eine Institution in Dortmund, aber auch Völler hat es in Leverkusen geschafft, dass man ihn mittlerweile als Mister Bayer wahrnimmt und nicht mehr als Bremer oder Römer, gar als Bundestrainer. Dass dieser Verein nicht mehr nur noch als Werksklub, als Konzerntochter erscheint, daran hat dieser Wertkonservative des Fußballs, ein Volkstribun, seinen Anteil. Zwischen all den Manager- und Anzugtypen wirkte Völler über die Jahre mehr und mehr wie ein Fremdling, irgendwie da hineingeraten. Und wenn er sich wie zuletzt über die Latte-Macchiato-Gesellschaft erregt hat wie sonst nur über die Schiedsrichterleistungen, dann heißt es, milde lächelnd: Ach, ja, der Rudi eben. Der darf das.

Der Modernisierung des Fußballs hat er letztlich immer skeptisch gegenübergestanden. Der Fußball als Wissenschaftsbetrieb, datenbasiert, geführt nach den neuesten Erkenntnissen der Teampsychologie, dagegen wirkte Völler in seinem Polterton, mit seinem »wir haben das früher anders gemacht«, wie ein Relikt. Dass ein Spieler seine Karriere schon mit 29 beendet wie es der damalige Nationalspieler Marcell Jansen tat, so etwas konnte er, dessen ganzes Leben sich um Fußball drehte, nicht verstehen. So einer habe den Fußball nie geliebt, sagte Völler damals.

Völlers berühmter Ausraster im ARD-Fernsehstudio 2003 mit Waldemar Hartmann: noch tieferer Tiefpunkt

Völlers berühmter Ausraster im ARD-Fernsehstudio 2003 mit Waldemar Hartmann: noch tieferer Tiefpunkt

Foto: IMAGO / Team2

Bei seinem berühmtesten Ausraster im ARD-Fernsehstudio nach dem Länderspiel gegen Island 2003 hatte er ARD-Experte Günter Netzer die Glorifizierung der Fußballvergangenheit vorgeworfen, später war er selbst einer, der die guten alten Zeiten beschwor.

Von einem Raum zum nächsten

Die guten alten Zeiten: Völler hat noch mit Kickers Offenbach in der 2. Liga gespielt, er hat die Erstligazeit der Münchner Löwen mitgemacht, dann kam das schwere Foul von Bayern-Libero Klaus Augenthaler an ihm, als er in Bremen spielte, ein halbes Jahr war er verletzt und kam ausgerechnet im Rückspiel gegen die Bayern erstmals wieder zum Einsatz. Kein Fan von Werder Bremen wird diesen Abend im April 1986 vergessen, als Rudi Völler im Strafraum einen Strafstoß herausholte und Michael Kutzop den fälligen Elfmeter an den Torpfosten setzte.

Völler fesselte die Öffentlichkeit als Spieler und später auch als Manager

Völler fesselte die Öffentlichkeit als Spieler und später auch als Manager

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IMAGO / WEREK

Man kann mit Völler und Zorc durch die Fußballgeschichte schreiten, als wären sie Museumsführer, von einem Ausstellungsraum im Museum zum nächsten. Beim Pokalsieg des BVB 1989 war Zorc schon der Kapitän, es war der Sieg, der die große Zeit des BVB einläutete, eine Zeit, die so groß wurde, dass selbst die Missmanager Gerd Niebaum und Michael Meier ihr am Ende nichts anhaben konnten.

Zorc hat die Fastpleite des BVB aus der Nähe miterlebt, heute hantiert das börsennotierte Fußballunternehmen mit Transfersummen in schwindelnder Höhe. Man darf mit Fug und Recht annehmen, dass der Sportdirektor daran seinen Anteil hat.

Völler und die Schiedsrichter – keine Liebesbeziehung

Völler und die Schiedsrichter – keine Liebesbeziehung

Foto: IMAGO

Das Lied »Es gibt nur ein' Rudi Völler« hat er gehasst, hat Völler erst vor Kurzem der »Süddeutschen Zeitung« verraten. Bei öffentlichen Auftritten habe er sich irgendwann ausbedungen, dass sie »bitte schön nicht dieses Lied« spielen sollten. Volkstümlich war er, Rudi Nazionale, aber alles hat seine Grenzen.

Am 14. Oktober 1983 sind sich Völler und Zorc das erste Mal in der Fußball-Bundesliga direkt begegnet. Werder Bremen siegte 2:1 gegen den BVB, der sonst so besonnene Michael Zorc sah die Rote Karte, Ronald Reagan kündigte an diesem Tag an, er werde für eine zweite Amtszeit als US-Präsident kandidieren. Eine Woche später trat Udo Lindenberg im Palast der Republik der DDR auf, der Friedensnobelpreis ging an Lech Wałęsa.

Es war eine andere Zeit. Rudi Völler und Michael Zorc haben sie erlebt. Und nach den Spielen wurde noch gefeiert.