Schalke 04 nach Tönnies-Abgang Schulden und ein Scherbenhaufen

Mit seinem Rücktritt nach 26 Jahren hinterlässt Clemens Tönnies ein Machtvakuum bei Schalke 04. Sein Abgang ist das Ende eines Patriarchats bei dem Verein - es löst aber keines der Schalker Probleme.
Abgang: Clemens Tönnies verlässt Schalke 04 nach 26 Jahren

Abgang: Clemens Tönnies verlässt Schalke 04 nach 26 Jahren

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Tim Rehbein/DPA

Vor wenigen Tagen tauchte bei Twitter ein Video auf. Darin ist Clemens Tönnies beim Karaoke zu sehen. Der Clip scheint aus einer Zeit vor Corona, auf der Veranstaltung trägt zumindest niemand einen Mundschutz. Aber das Alter des Videos ist auch nebensächlich, entscheidend ist das Lied. "Ich mach mein Ding" von Udo Lindenberg singt Tönnies vor einigen Zuhörern, die vor allem Anzug tragen. Sie jubeln dem 64-Jährigen zu.

"Egal, was die anderen labern, was die Schwachmaten einem so raten, das ist egal", ruft Tönnies ins Mikrofon, und dann brüllt er: "Ich mach mein Ding." Ende.

Am Dienstag endete auch die Zeit von Clemens Tönnies beim FC Schalke - nach 26 Jahren im Klub gab der 64-Jährige seinen Rücktritt vom Amt des Aufsichtsratsvorsitzenden bekannt. Auch trat er vom Wirtschafts- und dem Eilausschuss des Klubs zurück. Es ist das Ende einer Ära. Das Ende eines Patriarchats bei Königsblau. Noch ist nicht absehbar, welche mittelfristigen Folgen das für den Klub haben wird. Denn Tönnies war ein Alleinherrscher, der keine echte Opposition zuließ. Jetzt steht Schalke ohne Führungsfigur dar. Und das in einer der schwersten Krisen der Vereinsgeschichte.

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Der Name Clemens Tönnies war jahrelang vor allem Fußball-Fans ein Begriff. Dass sich hinter seinem Namen auch ein Fleischimperium verbirgt, weiß ein Teil der Öffentlichkeit wahrscheinlich erst seit zwei Wochen, als ein massiver Covid-19-Ausbruch in Tönnies' Zerlegebetrieb in Rheda-Wiedenbrück bekanntgeworden war. Tönnies war der Kotelett-Kaiser  und der starke Mann des Fußball-Bundesligisten Schalke 04. Wenn es einen Song geben sollte, der diesen Clemens Tönnies besonders gut beschreiben sollte, dann Lindenbergs "Ich mach mein Ding". Zumindest einige Zeilen daraus.

Tönnies gilt als Macher, als ein Mann mit Ellenbogen, der seinen Willen durchsetzt. Um jeden Preis. So hat er seinen Fleischbetrieb aufgebaut. Und so hatte er seit 2001 den FC Schalke als Vorsitzender des Aufsichtsrats geführt. Mit Tönnies an der Spitze rückte der Klub unter die umsatzstärksten Vereine Europas vor, er spielte regelmäßig in der Champions League und wurde dreimal Pokalsieger. Dank Tönnies' guten Verbindungen nach Russland, Präsident Wladimir Putin soll gar ein Freund des laut "Forbes" mehr als eine Milliarde Euro reichen Unternehmers sein, hält S04 zudem mit dem Ölriesen Gazprom einen der bestbezahlten Hauptsponsorenverträge der Bundesliga.

Nach einem Rassismus-Eklat machte er weiter

Aber als Tönnies am Dienstag seinen Rücktritt bekanntgab, dürfte bei einem Teil der Fans von Königsblau der Jubel laut ausgefallen sein. Zuletzt hatte es in Fan-Kreisen deutliche Proteste gegen seine Person gegeben. Spätestens der Corona-Ausbruch mit 1500 Infektionen in seinem Schlachtbetrieb hatte dafür gesorgt. Allerdings war der Widerstand gegen Tönnies bereits nach rassistischen Äußerungen im vergangenen Jahr gewachsen.

Damals ließ Tönnies seine Ämter für drei Monate ruhen, er konnte sich zwar als Schalker Funktionär noch retten, denn niemand innerhalb des Klubs wagte es ernsthaft, an seinem Status zu rütteln. Doch in der Öffentlichkeit war Tönnies' Ansehen schwer beschädigt - und mithin das von Schalke. Für manche war sein Rücktritt überfällig.

Am Wochenende protestierten einige Schalke-Fans gegen Clemens Tönnies

Am Wochenende protestierten einige Schalke-Fans gegen Clemens Tönnies

Foto: Fabian Strauch/ dpa

Tönnies hinterlässt keinen Klub, dem es sportlich und wirtschaftlich gut geht. Im Gegenteil: Schalke ist hoch verschuldet, bereits vor der Covid-19-Pandemie waren die Verbindlichkeiten des Vereins auf 197 Millionen Euro angewachsen. Und die Bundesliga-Saison hat das Team mit 16 sieglosen Partien auf Platz zwölf beendet.

Mit seinem Abgang entsteht auch ein Machtvakuum im Verein. Finanzvorstand Peter Peters, ebenfalls 27 Jahre im Klub, trat Anfang Juni zurück. Im Aufsichtsrat gibt es kaum starke Figuren - auch weil Tönnies das neben sich nicht zuließ. In die Funktion des Aufsichtsratsvorsitzenden rückt vorerst sein Stellvertreter Jens Buchta nach. Alles, was folgt, entscheidet sich auf einer Vollversammlung der Mitglieder. Und wann die in Zeiten der Pandemie abgehalten werden kann, ist noch ungewiss. Schalke hat rund 150.000 Mitglieder.

Der Traditionsverein hofft nun auf eine Landesbürgschaft von 40 Millionen Euro, zudem hat das Management Sparmaßnahmen verkündet. Der Klub will eine Gehaltsobergrenze einführen. Künftig sollen Spieler bei Schalke nicht mehr als 2,5 Millionen Euro im Jahr verdienen. Eine Maßnahme, über die in Spielerberaterkreisen herzlich gelacht wird. "Das bedeutet, das Schalke die wirklich guten Leute nicht mehr bekommt. Und die, die doch dorthin gehen, wissen jetzt, was sie verlangen können", sagte ein Bundesliga-Insider dem SPIEGEL.

Hohe Ansprüche, wenige Mittel

Der FC Schalke 04 ist ein Verein, dessen Führung und Umfeld seit Jahren an einer falschen Selbsteinschätzung leidet. Der Klub zählt sich zu den großen der Branche. Oft genug wurden zu Saisonbeginn große Ambitionen und Ziele heruntergebetet. Tönnies gehörte zu denen, die immer am meisten versprachen. So schaffte er es, dass ihm die Anhänger lange Zeit gewogen blieben.

Tatsächlich fehlen dem FC Schalke zunehmend die Mittel, unter den Topvereinen dauerhaft mitzuspielen. Hohe Umsätze erzielte der Verein vor allem, indem er immer wieder Talente aus der eigenen Jugendakademie in die Bundesligamannschaft führte - und diese Jungstars anschließend teuer verkaufte: Leroy Sané für 52 Millionen Euro Ablöse zu Manchester City, Julian Draxler für 43 Millionen Euro Ablöse zum VfL Wolfsburg, Thilo Kehrer für 37 Millionen Euro Ablöse zu Paris Saint-Germain. Doch das gelingt nicht jedes Jahr, im vergangenen Transfersommer nicht. Das wird in der nächsten Jahresbilanz deutlich werden.

Auch waren die Einnahmen bei Dauerkarten stets ein Pfund für Schalke. Doch so lange keine Zuschauer aufgrund der Pandemie zugelassen sind, fallen die Einnahmen vorerst weg und erhöhen die finanzielle Not.

An dem Vorhaben, die Profiabteilung auszugliedern, um mehr Kapital zu generieren, ist bislang noch jeder Schalke-Manager gescheitert. Schalke ist ein e.V., die Mitglieder haben also das Sagen. Und die sind stolz auf die Unabhängigkeit und Andersartigkeit ihres Herzensklubs.

Möglich, dass die Vereinsspitze nach dem Ausscheiden von Tönnies die Ausgliederung nun doch noch einmal angehen wird. "Wenn Schalke Anteile verkaufen würde, wäre der Klub auf einen Schlag schuldenfrei", sagte einer, der lange in hoher Position im Verein gearbeitet hat, dem SPIEGEL. Ein Vorstand, der das Projekt durchdrücken will, brauche allerdings "Personenschutz".

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