Daniel Raecke

Özils Rücktritt und das Versagen des DFB Nicht genug integriert

Mesut Özil lässt Selbstkritik vermissen. Aber seine Attacke auf DFB-Präsident Reinhard Grindel enthält viel Wahres: Der Deutsche Fußball-Bund ist an einer seiner wichtigsten Aufgaben gescheitert.
Treffen in Berlin (v.l.): Löw, Özil, Grindel, Gündogan, Bierhoff

Treffen in Berlin (v.l.): Löw, Özil, Grindel, Gündogan, Bierhoff

Foto: Getty Images

Der Streit um die Fotos der Fußballer Ilkay Gündogan und Mesut Özil mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan kurz vor der WM ist mit dem Rücktritt von Özil aus der Nationalmannschaft endgültig zum Zeichen einer schweren Krise des Deutschen Fußball-Bundes geworden.

Man könnte es sich leicht machen. Man könnte feststellen, dass Özil keinerlei Selbstkritik zeigt und lediglich Versäumnisse der jüngsten Wochen bei Medien, Sponsoren, Fans und Verband sieht, aber nicht bei sich selbst. Man könnte darauf hinweisen, dass Erdogan keine demokratisch-pluralistische Politik betreibt und ein Foto mit ihm, wie "unpolitisch" Özil es auch verstanden haben will, immer auch ein politisches Statement ist.

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Das könnte man machen. Auffällig an der Berichterstattung seit dem sogenannten Erdogate ist aber die Selbstverständlichkeit, mit der viele so tun, als gebe es einen klaren Wertekatalog, zu dem sich alle Menschen, die mit dem deutschen Fußball zu tun haben, bekennen müssen. In einen solchen Wertekanon passt anscheinend Nähe zu Erdogan nicht. Weil in der Türkei Meinungsfreiheit unterdrückt wird, weil Journalisten und Oppositionelle eingesperrt werden.

Was Meinungsfreiheit bedeutet

In Deutschland wird das Denken aber nicht vorgegeben. Hier herrscht Meinungsfreiheit. Und die gilt für AfD-Anhänger genauso wie für Fußballspieler und für viele Erdogan-Fans, die hier leben. Mit ihnen darf und muss man streiten. Aber man darf sie wegen ihrer Positionen nicht von der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ausschließen. Bei der Kritik an Özil und Gündogan schwang aber von Beginn an mit, dass den beiden Sportlern das "Deutschsein" abgesprochen wurde. Was für eine Anmaßung.

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Mesut Özil: Der Missverstandene

Foto: Alexander Hassenstein/ Getty Images

Wer war in dieser Situation in der Bringschuld? Die Spieler, die sich "endlich erklären" sollten? Oder der größte Sportverband der Welt? Mesut Özil ist ein Auswahlspieler des DFB. Der von ihm kritisierte Präsident Reinhard Grindel aber ist dafür verantwortlich, die fast sieben Millionen Mitglieder der deutschen Fußballvereine zu vertreten. Und als solcher muss er auch die Nationalspieler vor unangemessener Kritik schützen.

Mehr als 30 Prozent der deutschen Bevölkerung unter 20 Jahren haben einen Migrationshintergrund . In vielen Großstädten ist der Anteil deutlich höher. Viele spielen Fußball. Neben Schulen sind Sportvereine zentrale Orte, an denen sich das ereignen muss, was so oft "Integration" genannt wird.

Die Trotzreaktion

Darunter verstehen viele: "Die" sollen so werden wie "wir". Doch müsste es nicht darum gehen, wie "die" und "wir" gut zusammenleben können? Viele scheinen das anders zu sehen. Denn das ist genau die Logik, nach der manche Fans von Özil eine "Entschuldigung" für seinen Auftritt mit Erdogan forderten. Wofür aber sollte er sich entschuldigen? Er hat keine Gesetze gebrochen, und die harsche Kritik scheint bei ihm eher zu einer Trotzreaktion geführt zu haben - siehe seine Stellungnahmen.

Man muss Özil für den Auftritt mit Erdogan nicht mögen, man muss ihn auch nicht bejubeln. Man kann das auch für sehr ungeschickt halten. Aber im Vergleich zu der willkürlichen Vorstellung davon, wie dieser Sportler sich zu verhalten habe, sollte der DFB sich lieber einer anderen Aufgabe widmen: Er sollte endlich die Werte, mit denen er in Werbespots und Antirassismusaktionen glänzt, mit Leben füllen.

Dazu hätte es gehört, auf die Art der Kritik an Özil und Gündogan schnell zu reagieren. Und zwar proaktiv, mit klaren Statements. Stattdessen gab es einige PR-Auftritte mit Grindel und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, einige Bekenntnisse zu Pluralität und Werten - und dann nichts mehr. Es wäre die Aufgabe des DFB und insbesondere seiner Führung gewesen zu erkennen, dass die Debatte über ein PR-Problem hinausgeschritten war - und dass die Spieler zu schützen sind.

Der DFB hätte sich zur Integration bekennen müssen, und das hätte bedeutet: Deutschland sind wir alle, unabhängig von Herkunft oder Meinung. Wir gewinnen zusammen. Wir verlieren zusammen. Stattdessen taten Oliver Bierhoff und Grindel nach dem WM-Aus so, als sei es ihre Aufgabe, von Özil etwas einzufordern, was die Mehrheitsgesellschaft vermeintlich von ihm erwartete (eine Chronologie der Özil-Erdogan-Affäre können Sie hier nachlesen).

Dass Özil das daraus entstehende Gefühl in seiner Rücktrittserklärung so genau beschrieben hat, macht auf tragische Weise klar, worin das Versagen des DFB besteht. 2004 hatte der damalige Politiker und heutige DFB-Präsident Grindel im Bundestag gesagt , "Multikulti" sei bloß "eine Lebenslüge". Entschuldigt hat er sich dafür nie.

Video: Deutsch werden - Der lange Weg zur Einbürgerung

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