Russland vor EM-Auftakt gegen England Die großen Unbekannten

Das russische EM-Team ist für Gegner schwer zu lesen. Kaum einer kennt die Profis, die ihr Geld vor allem in der heimischen Liga verdienen. Doch klar ist: Die Mannschaft von Coach Leonid Sluzki hat ein Altersproblem.

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Aus Marseille berichtet


Leonid Sluzki sieht aus, als würde er gleich einschlafen. Das Kinn stützt er mit der Hand, damit es nicht auf die Tischplatte fällt, die fleischigen Lippen sind nach vorn gewölbt, sein Blick geht nach unten. Es ist nicht zu erkennen, ob seine Augen schon zugefallen sind.

Russlands Trainer zeigt kaum eine Regung bei der Pressekonferenz vor dem EM-Auftakt gegen England an diesem Samstag (21 Uhr, High-Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: ZDF), seine Antworten klingen vorgestanzt. Als aus dem Auditorium eine Frage mit provokanter Note gestellt wird, ist nur kurz ein leises Lächeln zu erkennen.

Ein paar Stunden vorher saß Englands Trainer Roy Hodgson im Mediensaal des Stade Vélodrom in Marseille und weigerte sich, im Detail über den Gegner aus Russland zu sprechen oder einzelne Spieler hervorzuheben. Das führte zu der These, dass Hodgson die Russen gar nicht kennt und dramatisch unterschätzt.

Was er davon halte, wird Sluzki also gefragt.

"Vielleicht kennen uns die Engländer nicht, aber wir kennen sie. Wichtig ist, wie es nach dem Spiel sein wird", sagte der Trainer. Abwehrhüne Wassili Beresuzki, der neben Sluzki auf der Bühne im Mediensaal sitzt, sieht das genau so. "Das ist kein Problem. Nach dem Spiel werden sie unsere Namen kennen", sagt er.

Leonid Sluzki (l.) und Roman Schirokow
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Leonid Sluzki (l.) und Roman Schirokow

Die Partie ist brisant wegen der aufgeheizten Stimmung in Marseille. Die Engländer lieferten sich an zwei Abenden nacheinander Auseinandersetzungen mit der Polizei und mit Einheimischen. Die russischen Hooligans, die im Stadtbild bisher wenig präsent waren, sind berüchtigt. Doch auch sportlich hat das Spiel seinen Reiz.

Die Russen gehören zu den großen Unbekannten der EM, und sie fühlen sich sichtlich wohl in dieser Rolle. Sie sind eher amüsiert als beleidigt, dass die Gegner nicht allzu viel über sie wissen. Beresuzki liefert gleich eine Erklärung. "Wir haben nicht viele Spieler, die im Ausland spielen", sagte er. Stattdessen vertrauen die Russen lieber Profis aus der heimischen Premjer-Liga. Beim Turnier in Frankreich ist nur ein Akteur dabei, der im Ausland beschäftigt ist, nämlich der Schalker Roman Neustädter.

Russische Klubs setzen nicht auf Nachwuchsspieler

Der Defensiv-Vielseiter mit russischer Mutter wurde kurz vor der EM im Eilverfahren mit einem russischen Pass ausgestattet. Mit Blick auf die Heim-Weltmeisterschaft in zwei Jahren wollen sich die Russen zunehmend mit eingebürgerten Spielern verstärken, denn aus dem eigenen Nachwuchs kommen kaum Talente nach.

Die großen Klubs der russischen Liga, allen voran Zenit St. Petersburg, setzen lieber auf teure Profis aus dem Ausland, anstatt die heimische Jugend zu fördern. Nationaltrainer Sluzki muss deshalb mit begrenzten Mitteln arbeiten und mit einer Mannschaft, die immer älter wird. Vor allem die Defensive ist ein Verbund aus Veteranen. Die Beresuzki-Zwillinge Wassili und Alexej sind 33 Jahre alt, Abwehrchef und Rekordnationalspieler Sergej Ignaschewitsch schon 36.

Das schlägt auf die Leistung. Denn nicht alle Mängel in Sachen Tempo und Beweglichkeit lassen sich mit gutem Stellungsspiel und Erfahrung ausgleichen. "Es wird immer debattiert, ob Jugend oder Erfahrung besser ist. Wir wissen es nicht. Aber wir haben eine tolle Mannschaft, die bereit ist", sagt Trainer Sluzki und versucht damit, die Diskussion um seine alternde Elf herunterzuspielen.

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Es ist vor allem sein Verdienst, dass die Russen überhaupt in Frankreich dabei sind. Er folgte im August auf den hoch bezahlten Fabio Capello, der die Mannschaft eigentlich für die Heim-WM auf Vordermann bringen sollte, allerdings auf bestem Wege war, die EM-Qualifikation zu verpassen. Unter Sluzki gewannen die Russen die verbliebenen vier Spiele. Eigentlich ist er Trainer von ZSKA Moskau. Das Amt als Nationaltrainer ist für ihn ein Nebenjob. Ob er nach der EM weitermachen darf, hängt davon ab, wie die Mannschaft in Frankreich abschneidet.

Bei der EM 2008 kamen die Russen ins Halbfinale, danach unterliefen sie die Erwartungen in schöner Regelmäßigkeit. Bei der WM 2010 waren sie gar nicht dabei, bei der EM 2012 und der WM 2014 war in der Gruppenphase Schluss. Die Hoffnung darauf, dass es diesmal besser läuft, liegt auf Spielern wie Angreifer Artjom Dsjuba von Zenit St. Petersburg. Er war mit acht Toren bester russischer Schütze in der Qualifikation. Auch Russlands Torschützenkönig Fedor Smolow aus Krasnodar oder der 20 Jahre alte offensive Mittelfeldspieler Alexander Golowin von ZSKA Moskau könnten eine wichtig Rolle spielen.

Die Offensive soll die Schwächen der alternden Abwehr und die Personalsorgen vergessen machen. Die Russen leiden unter bemerkenswertem Verletzungspech. So fällte das komplette defensive Mittelfeld mit Igor Denissow und Alan Dsagojew für die EM aus. An ihre Stelle könnte der einzige Profi treten, der sein Geld im Ausland verdient. Der Neu-Russe Neustädter.



insgesamt 3 Beiträge
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kugelsicher, 11.06.2016
1.
Und ist mit Sicherheit stärker gedopt als andere Teams.
steviespeedy, 11.06.2016
2. Grosse Unbekannte
sind doch das Überraschende bei dieser EM.
Herkules67 11.06.2016
3. bemerkenswertes Verletzungspech
hört sich irgendwie komisch an, ist da etwa mal wieder Doping im Spiel?Oder haben sich die Spieler wirklich verletzt? Naja, es muss ja 6 Mannschaften geben, die Gruppenletzter werden und 2 schlechte Gruppendritte. Mit dem 3-ältesten Durchschnittsalter des Turniers ist diese Mannschaft auf jeden Fall ein Favorit auf ein frühes Ausscheiden.
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