Sachsens Fußballverband Rote Karte für Ausländer

Mit einem revolutionären Beschluss haben sächsische Sportfunktionäre das europäische Transfersystem unterwandert. Künftig dürfen in unterklassigen Ligen nur noch EU-Bürger kicken.


Leipzig - Gut fünf Jahre nach dem Bosman-Urteil hat die deutsche Politik die Initiative für eine revolutionäre Änderung des Transfersystems im deutschen Sport ergriffen. In Sachsen erhalten Ausländer aus Staaten außerhalb der Europäischen Union (EU) nur noch für Vereine in den höchsten Spielklassen einer Sportart eine Aufenthaltsgenehmigung. Der Freistaat orientiert sich dabei an einer auch bundesweit geplanten Regelung, die dem einheimischen Nachwuchs bessere Chancen verschaffen soll.

Nicht betroffen von der am Samstag bekannt gewordenen Aktion sind bereits unter Vertrag stehende Akteure. Neuverpflichtungen von Fußball-Künstlern aus Südamerika und Afrika oder Tischtennis-Cracks aus China sind damit in Liga zwei und darunter nicht mehr möglich. Eine Reaktion der EU-Kommission in Brüssel, die derzeit im Fußball mit dem Weltverband (Fifa) und dem Europa-Verband (Uefa) um eine globale Lösung des Transfersystems ringt, war am Sonntag nicht zu erhalten.

"Wenn der Fußball-Zweitligist Chemnitzer FC jetzt beispielsweise Diego Maradona verpflichten würde, dann würde die zuständige Ausländerbehörde die Aufenthaltserlaubnis für Maradona verweigern", erläuterte Pressesprecher Thomas Uslaub vom sächsischen Innenministerium gegenüber dem Sport-Informations-Dienst (sid) die Vorgehensweise: "Es besteht Konsens bei den Ländern, es gibt keinen Grund, diese Regelung noch nicht umzusetzen." In Sportarten ohne Liga-System wie Leichtathletik würde die Entscheidung über die Aufenthaltserlaubnis bei der obersten Landesdienststelle fallen.

Sachsens Vorstoß ist kein "Schnellschuss": Die Innenministerkonferenz am 4. Mai 2000, die Sportministerkonferenz am 19./20. Oktober 2000 sowie der Deutsche Sportbund (DSB) mit verschiedenen Vertretern aus der Politik am 30. November 2000 beschäftigten sich mit der Thematik und kamen zu eben jenem Ergebnis. "Man kann nun auch fragen, warum die anderen Länder dies noch nicht umsetzen", meinte Uslaub.

Für den Deutschen Fußball-Bund (DFB) kam wohl nur der Zeitpunkt der Entscheidung völlig überraschend. "Das DFB-Präsidium hat sich Anfang Dezember in dieser Angelegenheit mit einem Brief an die Sportministerkonferenz und das Innenministerium gewandt", sagte DFB-Vizepräsident Hans-Georg Moldenhauer. "Wir bitten darin um Überarbeitung und eine Sonderbehandlung für die zweite Liga und möglichst auch für die Regionalligen. Der Fußball ist mit seiner Struktur doch nicht mit anderen Sportarten vergleichbar." Die zweischneidige Problematik sieht Moldenhauer allerdings auch: "In der zweiten Liga oder der Regionalliga wird unser Nachwuchs verdrängt, der würde so eine bessere Chance bekommen."

Rein rechtlich nutzen die Länder ihren Ermessensspielraum bei der Umsetzung des entsprechenden Bundesgesetzes. Uslaub: "Warum soll der Sport gegenüber verschiedenen Wirtschaftszweigen bevorteilt werden? Eine gesetzliche Zuwanderungsregelung, wie sie Sachsens Innenministerium fordert, ist notwendig - das sieht man an diesem Beispiel."

Präsident Lutz Waszik vom Chemnitzer FC als hochrangigstem Fußball-Verein aus Sachsen reagierte äußerst skeptisch: "So eine Regelung kenne ich noch nicht. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass sie am DFB vorbei getroffen werden kann."

Verwunderung auch bei Manager Uwe Schwenker vom deutschen Handball-Meister THW Kiel: "Jeder muss doch die Chance haben, dort zu arbeiten, wo er will. Das ist vor dem Gesetz nicht haltbar, das wäre Irrsinn." Er kenne diese Bestrebungen, sagte Werner von Moltke als Präsident des Deutschen Volleyball-Verbandes (DVV). "Ich weiß aber nicht, ob dies in unser Bild einer multikulturellen Gesellschaft passt", meinte von Moltke weiter: "Eine Quotierung, die den heimischen Nachwuchs fördert, wäre freilich in Ordnung."

In Italien hatte ein Gericht Anfang November den Ausschluss von Spielern aus nicht der EU angehörenden Ländern in der dritten Fußball-Liga für diskriminierend und damit für rechtswidrig erklärt. Erstklassige Profi-Klubs verlangten daraufhin auch eine Aufhebung der Quotierung in der Serie A.

Von Torsten Teichert, sid



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